12.2. BERLINALE TAGEBUCH

9.00 Uhr Ticketcounter. Danach fahre ich nach Hause und schreibe einen Artikel. Zwischendurch klingelt das Handy — ich versuche es zu ignorieren, dann geh ich doch ran. Es ist Levent — ein Journalist, der für türkische Zeitungen schreibt. Wir verabreden uns für den Abend im »European Film Market« (Martin-Grophius-Bau). Kurz bevor ich aus dem Haus rennen will, klingelt Katja und holt sich ihre Karte für morgen früh ab.

14.00 Uhr Zoopalast: »Der Räuber Hotzenplotz«: Armin Rohde (Räuber Hotzenplotz) winkt uns zu und auch ansonsten scheinen die Stars des Films (Christiane Hörbinger, Rufus Beck, Katharina Thalbach) eingetrudelt zu sein, denn das Blitzlichtgewitter der Fotografen verzögert die Vorstellung. Ich verlasse den »Räuber« vorzeitig, um Susan im Foyer zu treffen. Sie besucht mit Frank die 16 Uhr-Vorstellung von »Milch und Opium«.
17 Uhr: International: »Der Kick«. Ich muss wieder die Vorstellung vorzeitig verlassen, um Levent zu treffen. Als ich im Martin-Grophius-Bau ankomme, steht schon ein noch nicht angefangenes Bier auf Levents Tisch bereit. Levent hat seine eigene Flasche. Da es schon warm ist, vermute ich, dass er es auf Vorrat gekauft hat, um sich irgendwie am Leben zu halten: »Ich bin total fertig. Komme nicht mehr zum Schlafen.« Ich erfahre, dass er für zwei türkische Zeitungen schreibt. Eine sei mit der hiesigen TAZ gleichzusetzen. »Und was wollen die so haben?«, frage ich. »Was ganz anderes als die Deutschen Zeitungen. Die interessieren sich für die politischen Filme im Wettbewerb.« Wir trinken Bier und unterhalten uns über die Filme. »,Syriana‹ ist gut. Das ist Hollywood. Aber gut gemacht und politisch.« Ich weiss nicht so recht. Dieses Theater um George Cloony geht mir tierisch auf die Nerven — deshalb hatte ich den Film auch boykottiert. Mag sein, dass er an sich nicht schlecht ist — aber allein wenn ich dieses Foto mit Cloony und dem Feuerwall im Hintergrund sehe…Das denke ich allerdings nur, laut sage ich: »Mir fehlt so ein bisschen die Diskussion. Diese läppischen Fragen an die Regisseure, die immer nach den Filmen kommen, die kann man nicht wirklich erst nehmen. Und auf die abschließenden Partys zu gehen, habe ich keine Lust.« Levent meint, man müsse ins »Delphi« gehen. In der Bar gäbe es heiße Disskussion. Um 20.40 Uhr verabschieden wir uns. Levent geht ins Presse-Center, um Artikel zu schreiben und ich will zu »Elementarteilchen«. Ich bitte ihn noch, mir Karten für Dienstag zu besorgen, da ich die Karte für die morgige 9.30 Uhr-Vorstellung von »Grbavica«, die ich gerade von Levent bekommen habe, nutzen will und keine Lust habe, mich davor noch am Ticket-Counter anzustellen: (Sehr sinnig: Am Morgen habe ich Katja meine Karte für die 9.30 Uhr-Vorstellung gegeben. Na wenigstens kann ich jetzt mal zu zweit ins Kino.) Die langsamste Bahn von Berlin, die U2, braucht ewig, um fünf läppische Stationen zu bewältigen. Ich komme so spät, dass ich nur noch einen Platz ganz außen in der 3. Reihe bekomme. Die Leinwand sieht völlig verzerrt aus und zu allem Überfluss drängelt sich auch noch ein Typ neben mich, der bei den pädofielen Szenen (Lehrer Bruno wichst auf das Aufsatzheft seiner etwa 16jährigen Schülerin) die Hände vors Gesicht schlägt und mit lauten Geräuschen seine Abscheu kund tun muss. Meine Güte! Um 23 Uhr verlasse ich den Ort, an dem ich in 10,5 Stunden wieder sitzen werde.

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