8.2. BERLINALE TAGEBUCH/KLEINE PRESSESCHAU

Heute habe ich meine »Industrie-Akkreditierung« (Status Fachbesucher: 63) abgeholt. Ich war schon darüber informiert, dass dies eine eher schlechte Klassifizierung sein wird. Für fast alle Vorführungen muss ich meine Karten vorher am Ticket Counter abholen. Nur für die Forum-Sektion im CinemaXX 3, Cinestar 8 und den Delphi Filmpalast, sowie einige Kindervorführungen und Short Films komme ich direkt mit dem Akkreditierungspass rein. D.h. ich muss immer einen Tag vor den Aufführungsterminen zum Ticket-Counter im Berlinale Service Center gehen und mir Karten für die gewünschten Vorstellungen holen. Da das Kontigent auch für Presse- und Fachbesucher begrenzt ist, werde ich also so früh wie möglich immer dorthin pilgern müssen.
Katja hat mich heute beim Mittagessen dazu überredet, zum Berlinale-Eröffnungsfilm zu gehen. Also bin ich nochmal zurück zum Potsdamer Platz gefahren. Dort erfuhr ich aber, dass erst ab morgen früh Karten ausgegeben werden. Wenigstens habe ich noch einen Gutschein für den offiziellen und vollständigen Berlinale-Katalog ergattern können — diese werden nur begrenzt ausgegeben. Offensichtlich weil er normalerweise 10€ kostet. Ich bin momentan noch unschlüssig, ob ich den Wettbewerbs- oder Panorama-Eröffnungsfilm sehen sollte.

Um ganz ehrlich zu sein, haben mich einige Leute schon jetzt aufgeregt, dabei hat die Berlinale noch nicht mal begonnen. Ein Presse-Typ schrie rum: »Wo bekomme ich denn die Tasche. Das kann doch nicht sein. Also, wo muss ich jetzt schon wieder hingehen. Warum können sie mir keine Tasche geben…« — Es gibt nämlich Berlinale-Umhängetaschen für die Akkreditierten. Ehrlich gesagt finde ich es eher angeberisch mit einer solchen Tasche rumzurennen. Man signalisiert damit, dass man zu der Elite der Privilegierten gehört, denn der »Normalzuschauer« hat kaum eine Chance, an Karten zu gelangen. Das Pressevolk ist oft unerträglich mit seinem Gehabe und Gepose. Deshalb bleibt meine Tasche auch hübsch zu Hause.
Peinlich fand ich auch den heutigen »Junge Welt«-Artikel zur Berlinale auf Seite 3, »Das neue Ding: Anspruch« von Bettina Wiegmann. Aus ihm war deutlich eine Anti-Haltung aus Prinzip herauszulesen, wobei es der Autorin merklich schwer fiel, tatsächliche Kritikpunkte zu finden. Stattdessen musste der Starrummel, namentlich George Cloony herhalten — sogar der Zitty-Autor Martin Schwarz hatte im Extraheftchen geschrieben: »Aber seien wir ehrlich: Ein großer Name auf dem roten Teppich vor dem Berlinalepalast schmückt doch alle: die Berlinale, die Stadt — und irgendwie auch alle anderen drumherum.« Wiegmann spekulierte darüber, dass Oskar Roehlers Wettbewerbsbeitrag »Elementarteilchen« »mutmaßlich lasch[…]« sei, dass das Forum »wieder allerhand Merkwürdigkeiten von den Rändern der Filmindustrie« präsentiere und dass, die wenigsten Beiträge »politisch brisant« seien. Die Festivalfilme wurden überhaupt noch nicht gesichtet, aber schon kritisiert — aus Prinzip eben. siehe Junge Welt

Der aktuelle Tip hat 46 Sonderseiten herausgebracht, wobei hauptsächlich die Wettbewerbsfilme unter die Lupe genommen wurden. Außerdem gibt es Beiträge zum schwul-lesbischen Kino, zu den Musikfilmen im Panorama, zu deutsch-türkischen Beiträgen, zum deutschen und japanischen Kino, zum Kinderfilmfest. Ein gelungener Überblick!Im Feuilleton der »Berliner Zeitung« kommentiert Anke Westphal die Richtung der diesjährigen Berlinale positiv: »Dieter Kosslick erfüllt seinen Fünfjahrplan«, die aktuelle Situation in der Welt werde reflektiert: Gewalt, Globalisierung, Zerfall von sozialen Zusammenhängen.

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