FILMKRITIK: An Angel in Doel, Matchmaking Mayour — Aufstand in den Suburbs

De Engel von Doel (An Angel in Doel)
R: Tom Fassaert
NL/B 2011
77 Min
17.2. CinemaxX 4, 19.30h
18.2. CineStar 8, 16.30h
19.2. Delphi, 14.00h

Nesvatbov (Matchmaking Mayor)
R: Erika Hníková
SK/CZ 2010
72 Min
20.2. CineStar 8

Diese zwei sehr unterschiedlichen Dokus thematisieren Widerstande einzelner Protagonisten gegen den ökonomisch bedingten Wandel auf dem Lande. In dem poetischen und äußerst gelungenen Schwarz-Weiß-Film AN ENGEL VAN DOEL soll ein Dorf wegen des Ausbaus des Antwerpener Hafens umgesiedelt werden – die 75jahrige Protagonistin Emilienne und ein Priester kämpfen dagegen an. In der Slowakischen Republik sind ganze Regionen wegen Landflucht so dünn besiedelt, dass immer mehr Bewohner Single bleiben, weil ihnen die Auswahl fehlt. Der zwiespältige und konservative Bürgermeister aus NESVATBOV (MATCHMAKING MAYOR) hat sich die absurde Aufgabe gestellt, sie miteinander zu verkuppeln.

Sorgfältig ausgewählte, poetisch-metaphorische Schwarz-Weiß-Bilder prägen den Stil von AN ANGEL IN DOEL. Das Dorf Doel, ca. 25 km nördlich von Antwerpen, ist ein Geisterdorf mit dem dazugehörigen Geisterschiff, einem Frachter, der sich schemenhaft und riesig durch den Nebel am Hafen schiebt. Die kleinen menschenleeren Straßen und Gässchen sind von zahlreichen, herrenlosen Katzen okkupiert. Die meisten Wohnungen sind verlassen, überall klappern offene Fenster. An den Fassaden hängen Transparente, die Widerstand verkünden, aber es scheint kaum noch jemand da zu sein, der ihn ausüben konnte. Es gibt zwei Orte, an denen sich die paar dagebliebenen Alten treffen: die Kirche, in der der alte und kranke Priester versucht, die immer weiter schrumpfende Gemeinschaft durch Glauben zu beschwören und Emiliennes Küchentisch. Meistens reden sie vom Tod: Wer es denn schon hinter sich hat und welche gesetzlichen Bestimmungen es für Grabsteine es gibt. Der Regisseur Tom Fassaert hat über einen längeren Zeitraum an dieser Dokumentation gedreht, sich Zeit gelassen. Dabei lassen einen die sorgfältig inszenierten Bilder, die erstaunliche Nähe der Kamera zu seinen Protagonisten und der Spannungsbogen fast vergessen, dass es sich um eine Doku handelt. Als der alte und kranke Priester von Doel stirbt, flattern die ersten Räumungstermine ins Haus. Vielmehr hatte man von Emilliennes verrückter Freundin erwartet, dass sie sich zur Wehr setzt. Doch es ist Emillienne, die zum Bürgermeister fährt und später die Annahme der Räumungsbriefe verweigert. Zum Schluss erzählt sie – nun das erste Mal direkt in die Kamera – dass sie jetzt weiß, wie sie sterben möchte: Mit einer Zigarette, einem Glas Wein und in dem Moment, wenn die Abrissbagger zu ihrem Haus kommen. Trotz seines düsteren Themas bringt AN ANGEL IN DOEL das Kunststück fertig, nicht deprimierend zu wirken – die Protagonisten sind einfach zu lebendig.

 

Störrische Landeier vs. diktatorischer Bürgermeister

(Foto: Berlinale)

Ganz und gar andere Töne schlägt NESVATBOV (MATCHMAKING MAJOR) an. Der ruppige Bürger-meister eines slowakischen Dorfes hat rund um das Rathaus Lautsprecher an-bringen lassen, mit ihnen kündigt er donnernd einen Feldzug gegen das Ausster-ben der Landbevölkerung an. Er appelliert an jeden Single, sich zu besinnen, seine Pflicht wahr-zunehmen und eine Familie zu gründen. Später organisiert er eine Single-Party mit Tombola und Band, die natürlich schief geht. Der Regisseurin Erika Hnikova gelingt es nicht, die Distanz zwischen Kamera und Einwohnern abzubauen. Die Singles, die sie ausgewählt hat, bleiben vor der Kamera kleinlaut und verschlossen. Der Bürgermeister gibt sich zwar sehr konservativ, aber offen und logisch argumentierend. Bei den Vorbereitungen zur Party grinst er häufig in die Kamera und beschreibt idealisierend und übertrieben sein eigenes Vorhaben. Man erhält den Eindruck, dass alles nur eine sehr spaßige Angelegenheit ist, die von den Initiatoren selbst nicht allzu ernst genommen wird. Nur in zwei, kurzen Szenen entlarvt Hnikova die ganze Stimmung als weniger harmlose Angelegenheit. Einmal als es gerade wieder aus den Lautsprechern kracht, beschwert sich ein auf der Parkbank sitzendes Pärchen über die Allüren des Dorfsheriffs. Er sei schlimmer als ein Diktator. Am Rande eines Fußballspiels läuft die Kamera heimlich mit. Der Chef des Dorfes und ein ambitionierter Single-Mann meckern dort ziemlich aggressiv über das vernichtende Ergebnis der Singleparty. Solch enormer Aufwand und hohe Kosten und sie waren nicht zusammen ins Bett zu kriegen.

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