Berlin — 1. Mai (Perspektive Deutsches Kino)…oder was davon übrig bleibt

Regie: Ludwig & Glaser, Sven Taddicken, Jakob Ziemnicki
Deutschland 2008
90 Min.
Deutscher Kinostart: 1.5.2008

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Hier geht ja gar nichts ab: Jacob und Pelle sind enttäuscht.

Ein elfjähriger Türke will einen »Bullen plattmachen« und zwei Jugendliche aus Nordrhein-Westfalen wollen »Party« feiern. Der 1. Mai in Kreuzberg ist nicht mehr das, was er mal war. Mit dem Episodenfilm rund um den 1. Mai, größten Teils im wackligen Camcorder-Stil gedreht, verfolgten drei verschiedene Regisseure unterschiedliche Intentionen.

9.2., 20.30 Uhr, CinemaxX 1

Jacob und Pelle aus Minden sind Krawalltouristen, wie sie die Berliner lieben. Ganz früh fahren sie los — Jacob dokumentiert alles mit seinem Camcorder — um rechtzeitig am Oranienplatz zu sein. Im Zug kostümieren sie sich als Demobesucher und vor der action steht bei den Jungs aus gutbürgerlichem Hause auch noch ein Museumsbesuch im Kulturprogramm. Dort zeigt Jacob Pelle die Knarre seines Großvaters: »Die funktioniert nicht«, verspricht er seinem entsetzten Freund.

Der kleine Türke Yavuz muss immer zu Hause bleiben, während seine älteren Brüder und deren Freunde schlimme Sachen machen. Um es allen mal richtig zu zeigen, will er einen Polizisten erschießen. Doch woher die Waffe nehmen? Beim Herumstreunen am Rande der Demo trifft er auf den Altlinken Hary. Der ist gerade dabei wie früher eine Barrikade zu bauen — zum Spott seiner Sternburger trinkenden Freunde, die ihm »Wir sind im Geiste bei dir« zu rufen. Yavuz hilft ihm die Straße mit Gerümpel zuzustellen, zum Dank nimmt ihn der Altlinke mit nach Hause.

Der Polizist Uwe, der Einsatz schieben muss, ist gar nicht bei der Sache. Seine Frau geht fremd und seine Kollegen geben ihm den Ratschlag, seinen Frust im Puff zu vergessen. Da noch alles friedlich ist, versucht er es also. Gerade als er einen geblasen kriegt, mahnt ihn das Funkgerät zum Einsatz. Es stellt sich heraus, dass es sich um einen brennenden Müllcountainer handelt. Draußen angekommen muss Uwe feststellen, dass seine Dienstwaffe weg ist. Da iwird er so richtig sauer.

Jedes Regieteam entwickelte eine eigene Episode und verfolgte damit ganz unterschiedliche Absichten.
Noch während des Vorspanns schwelgt jemand aus dem Off in Erinnerungen an den 1. Mai 1987, erzählt über die Plünderung von Bolle, darüber, dass plötzlich der ganze Bezirk auf den Beinen war und dass Kreuzberg für kurze Zeit die einzige Anarchie auf der Welt gewesen sein soll.

Die Konfrontation mit dem 1. Mai in Kreuzberg und dem, wie er heute begangen wird, verfolgt Sven Taddicken mit seiner Episode um den jungen Türken Yavuz. Hary verkörpert den Alt-68er, der zu Hause einen Schrein mit einer geplünderten Bierflasche stehen hat. Eigentlich ist seine ganze Bude ein einziger Schrein aus Erinnerungen. Dass der politische 1. Mai von damals längst Geschichte ist, wird spätestens dann klar, wenn Hary den Jungen auffordert seine Aggressionen gegen ihn zu lenken. In dem Augenblick, wo der sich umdreht, schlägt Yavuz gnadenlos zu. Dieser Plot ist der stärkste, da er das heutige Kreuzberg am authentischsten trifft. Gezeigt werden türkische Kinder und Jugendliche, die statt zu reden losschlagen und abhängende altlinke Hippies, die nur noch satirisch drauf sind.

Auch die beiden aus Nordrhein-Westfalen nutzen den Tag, um ihre Aggressionen loszuwerden. Und natürlich, um Spaß zu haben. Da sie dies auf der Demo nicht können — es gibt nur vereinzelte Randale — gehen sie woanders hin. Sie kaufen sich Ecstasy und landen aus Versehen auf einer russischen Performance mit einem Adolf Hitler ohne Unterhose. Letztendlich aber stellt sich heraus, dass Jacob nicht nur einer düsteren Todesromantik nachhängt, sondern ein ernsthaftes psychisches Problem hat, was hier nicht verraten werden soll. Diese Auflösungsdramaturgie lässt diesen Plot etwas schwächeln, da damit die Skizzierung der beiden als typische Krawalltouristen zurückgenommen wird.

Der Plot mit dem Polizisten ist ganz nett, aber streift die Problematik 1. Mai gar nicht. Über die Demonstranten wird gar nicht gesprochen, außer am Anfang in der Wanne, lässt einer die Bemerkung fallen, dass sowieso nichts mehr abgeht. Berlin sei schließlich nicht Frankreich.

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