Berlinale 2009 — eine Vorschau

Endlich ist es wieder soweit — die aufregendste Filmzeit des Jahres beginnt. Was wird es an Neuerungen geben, welche Filme sind es diesmal, die einem im Gedächtnis bleiben werden? Welche floppen? Gibt es wieder einen Aufregerfilm? Und die wichtigste Frage von allen: Hat die Berlinale-Tasche endlich mal wieder eine ausgeflippte Farbe?

2009 soll der Friedrichstadtpalast erstmalig als zusätzliches Berlinale-Kino eröffnen. Mit rund 1800 Plätzen hat er die gleichen Kapazitäten wie der Berlinale Palast. Täglich sollen dort vier bis sechs Filme aus den Sektionen Wettbewerb und Berlinale Special gezeigt werden.

DER WETTBEWERB

Mit dem Actionschinken THE INTERNATIONAL (Außer Konkurrenz) von Tom Tykwer hat die Berlinale wieder ihren mittelmäßigen (vielleicht auch sehr schlechten?) Eröffnungsfilm. Die Story erhebt den Anspruch eines Politthrillers, wobei Sony Pictures und Tykwer mit der Bankenkrise ganz schönes Schwein hatten, denn THE INTERNATIONAL wurde schon vor einem Jahr abgedreht.

Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. (Foto: Berlinale, THE INTERNATIONAL)

Die Story liest sich ziemlich wurstig: Clive Owen und Naomi Watts kämpfen gegen eine böse Bank und werden über den Erdball gejagt. Dabei gehen Scheiben zu Bruch und es explodiert auch viel.

Vom bürgerlich-intellektuellen Wettbewerbspublikum wird die Schlink-Verfilmung THE READER (Außer Konkurrenz) von Stephen Daldry (Billy Elliot, 2000) schon mit Hochspannung erwartet. Ein 15jähriger wird im Deutschland der 50er Jahre von einer Straßenbahnschaffnerin (Kate Winslet) verführt und begegnet ihr Jahre später als Jurastudent im Auschwitz-Prozess wieder. Sie sitzt auf der Anklagebank. Inwieweit es dem Briten Daldry gelingt, die ausufernden essayistischen Einschübe Schlinks um Schuld und Verbrechen im Nationalsozialismus audiovisuell zu adaptieren, dürfte dabei für das entsprechende Publikum von Interesse sein. Der 18jährige David Kross (Knallhart, Krabat) spielt den 15jährigen Thomas Berg. Hoffentlich blamiert er sich nicht neben Kate, die übrigens der zitty ein Interview gegeben hat.

Musste erst 18 werden, bevor er die Bettszenen mit Kate Winslet drehen durfte: David Kross als Michael Berg.(Foto: Berlinale, THE READER)

Was PINK PANTHER 2 (wie THE INTERNATIONAL ebenfalls von Sony) auf der Berlinale zu suchen hat, ist mir ehrlich gesagt äußerst schleierhaft, zumal ja schon der erste Teil unter aller Sau gewesen sein soll.

Wer den ungewöhnlichen Film »Der Wald vor lauter Bäumen« (2003) mochte, sollte sich auch den zweiten Film von Maren Ade ALLE ANDEREN ansehen: Als sie im Urlaub einem anderen Paar begegnen, gerät die Beziehung von Gitti und Chris plötzlich ins Wanken. Feinfühligkeit für prekäre Alltagssituationen hat Ade schon in ihrem Debüt bewiesen. Dort musste man die peinlichen wie auch bemitleidenswerten Fehlversuche einer jungen Lehrerin (Eva Löbau) , Freunde zu gewinnen, mitverfolgen.

Mit 13 Kurzfilmen haben sich »deutsche Starregisseure« (DER SPIEGEL) wie Akin, Tykwer, Becker, Levy, Hochhäusler, Krebitz, Weingartner zu dem Projekt DEUTSCHLAND 09 (Außer Konkurrenz) zusammengeschlossen. Als Vorbild diente ihnen kein geringerer Film als »Deutschland im Herbst« (1977/78)- einem Omnibusfilm u. a. von Fassbinder, Kluge und Schlöndorff über den deutschen Herbst, in dem die Regisseure ihre persönliche Betroffenheit über die Ereignisse rund um die Schleyer-Ermordung und Landshut-Entführung zum Ausdruck bringen.

Wie steht es um die Lage der Nation? 13 deutsche Regisseure glauben es zu wissen. (Foto: Berlinale, DEUTSCHLAND 09)

Allein dieser extrem hochgestochene Vergleich und diese Parallele zu einer völlig anderen politischen Stimmung (damals gab es noch eine) lassen einen äußerst skeptisch werden. Dazu Tykwer: Der Film sei ein »politisch-poetischer Reflex« auf die »aktuelle Lage der Nation« (Quelle: DER SPIEGEL). Da kann man aber gespannt sein, ob einer, der solche schwergewichtigen Sachen wie »Lola rennt« und »Das Parfüm« gedreht hat, weiß, was »d-i-e« (?) Nation so fühlt.

Ganz anders Hans-Christian Schmid. Dieser hat sich u. a. mit »Lichter« (2003), »Am Ende kommen Touristen« (2007) sowie »Requiem« (2006) schon öfter mal für gesellschaftliche Stimmungen interessiert. Und unter Beweis gestellt, dass er diese gut in dramatische Stoffe transformieren kann, ohne dabei spinnig zu werden. Seine Filme blieben nahe an der Realität, ohne dabei an Spannung und — ja, Unterhaltungswert — einzubüßen. Auf der Berlinale ist er mit zwei Filmen vertreten. Einmal mit STORM im Wettbewerb und mit DIE WUNDERBARE WELT DER WASCHKRAFT im Forum. In STORM, einem Polit-Drama, geht es um die Anklage eines mutmaßlichen serbischen Kriegsverbrechers vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Dass Schmid kein schmieriges Schwarz-Weißdrama zeichnet, dürfte gewiss sein.

Popart: Ob der Sohn von Roy Lichtenstein mit HAPPY TEARS genauso berühmt wird wie sein Vater mit dem gleichnamigen Bild?

Mitchell Lichtenstein, dessen Debüt »Teeth«im Panorma 2007 lief (ganz witzig-unterhaltsam, aber nicht umwerfend) hat mit HAPPY TEARS eine Familientragikkomödie gedreht. Zwei Schwestern kehren in ihr Elternhaus zurück, um ihren kranken Vater zu pflegen.

Der hierzulande kaum bekannte französische Regisseur Bertrand Tavernier hat eine Story der Krimiserie um den Südstaaten-Polizisten Dave Robicheaux von James Lee Burke verfilmt — IN THE ELECTRIC MIST (deutscher Buchtitel: Im Schatten der Mangroven). Tommy Lee Jones spielt den Detektive, der nach einem Sexualverbrecher sucht, dabei aber auf die unrühmliche Vergangenheit von Rassenhass und Diskriminierung stößt. Der Trailer macht einen pasablen Eindruck, und Tommy Lee Jones in der Hauptrolle — das könnte was sein.

Ich muss zugeben, dass ich »Missing« (Goldene Palme 1982) von Costa-Gavras noch nie gesehen habe. Der griechisch-französische Regisseur ist bekannt für seine politischen Stoffe. Diesmal hat er mit EDEN IS WEST ein Drama über illegale Immigranten in der EU gedreht. Im Netz ist darüber gar nichts zu finden, außer dem Trailer, über den man aber einen ganz guten Eindruck gewinnen kann. Gavras verbindet offenbar Roadmovie-Motive, indem er den Protagonisten quer durch Europa reisen lässt, mit politischen Inhalten und erinnert damit an Winterbottoms legendären »In this World« (Goldener Bär 2003). Nur, dass er statt realistisch-dokumentarischen Mitteln dramatische benutzt. Man urteile selbst!

Neben THE READER und THE ELECTRIC MIST gibt es weitere Literaturverfilmungen. Stephen Fears (The Queen, 2006) adaptiert mit CHERI den berühmtesten Roman einer gewissen Colette (1873–1954), die für ihre autobiographisch gefärbten Romane und Erzählungen bekannt wurde. In CHERI verliebt sich eine ältere Frau (Michelle Pfeiffer) in einen jüngeren Mann, den sie offenbar »Cheri« nennt. Dieser wird gespielt von Rubert Friend, der demnächst in der Pelivin-Verfilmung »Buddhas Little Finger« als Pyotr zu sehen sein wird. Anlass für den Roman soll Colettes Verhältnis zu ihrem Stiefsohn gewesen sein. Andrzej Wajda verfilmt einen Roman von Jaroslaw Iwaszkievicz, in dem eine sterbende 50jährige zurück auf ihr Leben blickt und über verpasste Gelegenheiten nachsinnt. Krystyna Janda (Mephisto) spielt die Hauptrolle in TATARAK (Der Kalmus).

Oven Movermans ist bisher hauptsächlich als Drehbuchautor (I´m not there, 2007) in Erscheinung getreten. In THE MESSENGER geht es zwar um Rückkehrer aus dem Irak — mit Ben Foster in der Hauptrolle — aber SUNDANCE, wo der Film schon gelaufen ist, betont ausdrücklich, dass es sich um einen unpolitischen Film handelt. NOTORIOUS ist ein Biobic des Rappers Notorious B.I.G., der in den 90ern groß raus kam, und im Zuge der Ost-Westküstenrivalitäten zwischen Rappern erschossen wurde.

Ausgesprochen mystisch wirkt der Trailer von KATALIN VARGA, dem Debütfilm von Peter Strickland. Es handelt sich hierbei um eine Rachestory, die in den rumänischen Karpaten spielt.

Bisherige reguläre Starttermine der Wettbewerbsfilme:

THE INTERNATIONAL: 12.2.2009
THE READER (DER VORLESER): 26.2.2009
DER ROSAROTE PANTHER 2: 12.3.2009
NOTORIOUS B.I.G.: 26.3.2009
RICKY: 14.5.2009
STURM: 10.9.2009

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4 Kommentare zu Berlinale 2009 — eine Vorschau

  1. Hanseat sagt:

    Eine sehr schön gegliederte und optische äußerst anspruchsvolle Vorausschau. Dankeschön!Man darf gespannt auf deine Berichterstattung in der heißen Berlinalephase sein.

  2. Else sagt:

    Moin,
    welch triviale Frage: Besitzen Sie schon eine Berlinale-Tasche? Ist die hell- oder dunkelrot??

  3. Paul Herfort sagt:

    Du bist in deinen Vorschaubeiträgen diesmal ganz schön persönlich geworden. Wird es in diesem Jahr auch wieder ein Berlinale-Tagebuch von dir geben?

    Unbekannte Grüße
    P.H.

  4. kleo sagt:

    Ich würde sagen, die Tasche in diesem Jahr ist RUBINROT.

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