Berlinale Tagebuch 15.2. — Teil 2

Gegen 13.30 Uhr gehe ich in der Mensa seit langem mal wieder eine warme Mahlzeit essen (Spätzle mit Putenbruststücken und Pilzen). Danach gehts mir nicht so gut. Seit der Berlinale habe ich Probleme mit der Verdauung.

Ich glaube, dass es nicht so sehr am Essen liegt (im Vergleich zu anderen, esse ich noch ganz gut), sondern am vielen Rumsitzen. Um 15 Uhr: Zemestan. Mit dem Film komme ich gar nicht klar (siehe Kommentar zu Franks Beitrag zu »Zemestan«). Danach fahre ich ins »Arsenal« zu meinem ersten Forum-Film. Im Foyer haben sie Gammelteppiche und Plauderecken aufgebaut, wo sich viele Leute herumwälzen. Ich sollte vielleicht kurz darauf verweisen, dass das FORUM der Berlinale ursprünglich aus einer Protestbewegung im Zuge der 68er hervorgegangen ist und dass sich diese Sektion auch heute noch als eine Alternative zum Wettbewerb und zum Panorama begreift. So sind die Filme, die im Forum laufen, auch nicht im offiziellen Berlinale-Katalog zu finden. Diese Filme gehen nicht an Verleihe, kommen also nicht regulär in die Kinos. Der Verleih läuft über die Stiftung der Freunde der Deutschen Kinemathek — zu extremen Preisen, defacto also gar nicht. Forum-Filme, können meist im Zuge der Berlinale-Nachwehen im Arsenal (Kino der o.g. S.d.F.d.D.K.) besichtigt werden. Also im März, vielleicht noch im April.Vor dem Kino wartet schon eine Menge.
»Wie funktioniert denn das hier?«, frage ich.
»Wir sind ausverkauft.«
»Und mit einer Akkreditierung?«
»Da können Sie sich in der Akkreditiertenschlange vorne anstellen und vielleicht kommen Sie noch rein, wenn ein paar Plätze frei bleiben. Aber wie gesagt, wir sind ausverkauft.«
»Häh, versteh ich nicht. Ist das nicht ein Widerspruch?«
»Nein, manchmal kommen noch ein paar Akkreditierte rein.«
»Aha.«
Ich beschließe zu warten und suche die »Akkreditiertenschlange«. Aber ich finde kein vorne, kein hinten, kein oben und unten. Die Leute stapeln sich. Ich frage nochmal jemanden vom Kino: »Wo ist denn hier die Akkreditiertenschlange?«
»So was gibt es nicht.« Das ist wohl wahr.
»Drängeln Sie sich einfach in den Pulk.« Na wenn das mal keine Aufforderung zum Vordrängeln ist. Ich stiefel nach vorne. Als es reingeht, bildet sich ein Akkreditiertenpulk — das sind die Leute an den Rändern des Foyers — und es sind vielleicht 40. (Man erkennt sie auch an den häßlichen Taschen und an den Päßen). Um es kurz zu machen: Nachdem die Einlasserin vielleicht 20mal geschrieen hatte: »Leute mit Karten bitte nach vorne kommen«, dürfen auch ein paar Akkreditierte rein und ich bin dabei! Akkreditierte — ärgs: Die kommen aus den verfeindeten Kategorien. Etwas angestaubt oder Imagepflege: Wir müssen auf den Treppenstufen sitzen. Ein netter Engländer oder Amerikaner unterwandert die Systematik des Forums und bietet mir seinen Platz an, setzt sich selbst auf die Treppe. Seh ich etwa schon so alt und gebrechlich aus? Erst will ich nicht, doch dann nehme ich dankend an.
Der Film »Lucy« wurde von Henner Winckler (sogenannte »Berliner Schule«, zu der auch Valeska Grisebach gehört) gedreht und ist von der Story her interessant. Leider spielt die junge Hauptdarstellerin Kim Schnitzler völlig verklemmt und macht immer so komisch mit dem Mund. (»Screen — at the Berlinale« ist da offenbar ganz anderer Ansicht und schreibt etwas von »well-acted«).
Ich sehe mir das eine Weile mit an, aber ich finde dies unansehbar peinlich. Gegen 19 Uhr gehe ich zum Martin-Gropius-Bau und Levent ist da.
Er hat wieder zwei Bier auf dem Tisch stehen (ist allerdings nur ein 0,3er; im Gropius-Bau gibt es, glaub ich, nur 0,3er und es kostet 3,50€!!!) und schreibt gerade an einem Interview mit Bülent Akinici: »Der Lebensversicherer« [Perspektive Deutsches Kino]). Daraufhin fängt er an, den Film in den Himmel zu loben. Etwas später aber stellt sich heraus, dass er den Regisseur, also Bülent Akinici, persönlich kennt. Diesmal spendiere ich ein Bier und wir unterhalten uns zunächst über Zemestan. Levent fand ihn gut und er wäre auch bei der Premiere gut angekommen. Man müsse eben beachten, dass der Iran eine Zensur hat (Näheres dazu Kommentar zu Franks Artikel). Dann frage ich ihn nach einer ersten Bewertung der Wettbewerbsfilme. Seine bisherigen Favoriten: »Grbavica« (ich bin gespannt, ob es Katja noch schafft, etwas darüber zu schreiben) und »The Road to Guantánamo«. Über letzteren debattieren wir: Ich bin mir z. B. nicht sicher, ob ich es gut finden soll, wenn ein Film so parteiisch ist. Levent hingegen meint, dass die andere Seite, nämlich die der USA, schon lange genug propagiert wurde und es sei gut, dass es in der Öffentlichkeit etwas Gegenläufiges gibt. Ja aber irgendwie, so ich, sei doch der eigentliche Skandal, dass die USA als die stärkere und legitimierte Macht, nicht dazu in der Lage ist, sich auch als solche zu präsentieren, wenn es um Terrorismus geht. Und das müsse man darstellen und nicht, so einen Propaganda-Film machen…Eigentlich habe ich den Film noch gar nicht gesehen und reiße schon die Klappe auf. Wie kommt das nur, dass man bei politischen Themen unweigerlich Partei ergreift. Bei anderen Filmen würde man das doch auch nicht machen, bevor man sie nicht gesehen hat? Jedenfalls ist die Presse, was diesen Film betrifft, äußerst gespalten. Levent gibt mir noch drei Karten, die ich an andere verteilen will. Nach zwei Stunden Filmdebatte verabschieden wir uns — obwohl ich kurz überlegt hatte, ob ich mit zu dieser arte-party gehen soll — aber dann bringe ich Kathi (Medea) die Karte für die Premiere von »Kaalpurush«. Mittlerweile ist es 22 Uhr. Gooree liegt krank im Hochbett und Kathi schaut sich unten merkwürdige Werbeprogramme an. Nachdem ich mir den Wanst vollgeschlagen habe, döse und zappe ich auf der Couch. Dann sehe ich eine Blechbüchse.
»Sind da Kekse drin?«
Kathi (Medea): »Nee Bonbons.«
Ich greife zu. »Seit der Berlinale habe ich merkwürdige Ernährungsgewohnheiten. Hauptsache Zucker.«
»Nimm Dir ein Beispiel an Kosslick«, tönt es vom Bett.
»Wieso, der ißt doch jeden Tag um 17 Uhr Pasta.«
»Eben! Das ist seine einzige Mahlzeit!«
Kathi: »Über was redet ihr denn?«
Wusste sie das etwas nicht? Kosslicks Ernährungsgewohnheiten muss doch jeder gut Informierte kennen.
Kathi beendet das Thema mit dem Argument: »Also ich glaub kaum, dass das gesund ist.«
Was ist während der Berlinale überhaupt gesund?
Gegen 23 Uhr wanke ich nach Hause und falle — nach einigen »Katzenwäsche-Minuten« — ins Bett. Nach einem komatösen Schlaf wache ich irgendwann zwischen 4 und 5 Uhr auf und kann nicht mehr einschlafen…

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