BERLINALETAGEBUCH — The Finish

Die letzten Festivaltage brechen an. Passend zu SUICIDE ROOM ist es am Donnerstag düster und eisig. Nach dem Film noch eine kleine Lasagne vor dem Ticket-Counter. Keine Schlangen mehr, dafür ein Karten-Marktplatz. Haufenweise Leute, die Tickets für Wettbewerbsfilme loswerden wollen. Wahrscheinlich haben sie inzwischen die Kritiken gelesen – sollte man unterlassen! Die Journalisten sind nach diesem Filmmarathon sowieso geistig nicht mehr zurechnungsfähig. Jemand will mir V SUBBOTU andrehen: „Uuuh – das ist doch der Tschernobyl-Film, der so schlechte Kritiken bekommen hat.“ – „Aber nicht überall.“ – Keine Chance!

Am Abend sehe ich dann mit JESS + MOSS endlich mal einen Film, der etwas wagt. Trotzdem geht mir nach 37 Filmen auch langsam die Puste aus.

Am Freitag, ich fühl mich sehr schlapp, dann SHORTS. Der 28minütige SCENES FROM THE SUBURBS von Arcade Fire und Spike Jones ist der Film zum Album. Die Idee von der Kindheit in den Vorstädten wird zu einer Mischung aus Videoclip und Kurzfilm mit manchmal vordergründig, manchmal hintergründig eingespielten Songs und improvisierten Spielszenen.

Arcade Fire/Spike Jones: SCENES FROM THE SUBURBS
(Foto: Berlinale 2011)

Ich finde es ganz schön frech, dass der Begriff vom «Suburbian War» visuell einfach 1:1 umgesetzt wurde: Nach dem anfänglichen Rumgehänge in Cliquen werden die Suburbs immer mehr zur Zone, in der man sich irgendwann mit der Loser-Seite zufrieden geben muss, indem man sich in die Arbeitslosenschlangen einreiht und apathisch zu Hause vergammelt. Oder aber man geht zu den Machtausübenden, im Film tatsächlich so eine Art Polizei-Terrororganisation. Der Freund des Protagonisten (letzterer hat eine starke visuelle Ähnlichkeit mit dem Keyboarder Richard Reed Parry) schlägt sich dann auf die Seite der Armee, was zum Auseinanderbrechen der Freundschaft führt. Das ist einerseits ganz schön simpel. Denkt man aber einen Schritt weiter, so impliziert diese einfache Story von Verlierer und Gewinner der Suburbs doch Komplexeres: Nämlich die absolute Notwendigkeit wie sie Arcade Fire auf dem Album betonen aus den Suburbs fliehen zu müssen und die Hoffnung, dass die Stadt eine Membran zwischen diesen beiden unüberwindlichen Polen darstellt. SCENES OF THE SUBURBS gleicht vielleicht darin ein bisschen dem Album: Auf den ersten Blick naiv, auf den zweiten viel tiefgründiger. Mal gucken, wie das nächste wird, vielleicht thematisieren sie darin ja die Großstadt. Zu hoffen bleibt, dass sie nach dem Grammy und dem Brit Award nicht zu sehr abspacen.

Vor den Arkaden stößt mich Gooree an. Er verbringt seine Zeit grad in der Stabi, statt in Kinosälen. Während wir uns eine Pizza teilen, fängt er an, von einer Radio-Filmkritik zu erzählen, um auch etwas zum Thema beitragen zu können. Den Titel hat er allerdings vergessen: „Also, ein Bauer geht in die Küche, macht sich eine Kartoffel…“ – „Stop! The Turin Hourse“, rufe ich.  – „Ja, genau! Es sind aber ganz viele rausgegangen. Auch der Reporter selbst. Er meinte, nach so vielen dramatischen Filmen, hält man so einen langsamen Film nicht mehr aus.“ – Das kann ich verdammt gut nachvollziehen. Später beobachte ich eine ganze Weile vor dem Counter, wie ein Mädchen erfolglos versucht, Karten für die 22.45-Uhr-MUSIC BOX mit Armin Mueller-Stahl zu verkaufen. Dann ist es Zeit für den mazedonischen MAJKI (MUTTER). Zwiespältig! Am Samstag dann Tageskassen-Freestyle. Wenn die Leute wüssten, wieviele Karten man da noch bekommt, würde sich wahrscheinlich kaum noch jemand am Vorverkauf stundenlang anstellen. Nach dem Lebensmittelfilm TASTE THE WASTE quetsche ich wegen schlechten Gewissens endlich einen Bergman rein, um bestätigt zu bekommen: Versteh ich nicht.

Dann folgt das traditionelle Meckern über die Berlinale im Café vom Delphi. Während Holger sich E-LOVE ansieht (über dessen Reaktion bin ich schon ziemlich gespannt, vor allem interessiert mich der im Programmheft beschriebene Zusammenhang mit der Nouvelle Vague, den ich nicht wirklich erkennen konnte), unterhalte ich mich mit Claudia über die vielen mißlungenen Filme, die wir in den letzten Jahren gesehen haben.

Bevor wir auseinandergehen, raten wir noch, welcher Film den Goldenen Bären bekommen wird: 1. JODAIYE NADER AZ SIMIN (Iran), 2. ODEM (Israel) 3. EL PRIMO über die argentinische Militärdiktatur. Ich tippe vor allem auf den letzteren, weil jetzt mal Argentinien an der Reihe ist — Claudia glaubt, dass es der iranische sein wird. Ich finde, Iran hatten wir in letzter Zeit genug.

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