Berlinale-Vorverkauf im Kino International


Kurz nach 9 Uhr betrete ich das Foyer des »International«.  Auf dem Fußboden an den Wänden sitzen bereits Leute — nach einigem Rätselraten und Herumgefrage stelle ich fest, dass  sie zu den beiden Schlangen gehören, die jeweils zur linken und zur rechten Seite des Eingangs, dort befinden sich jeweils zwei Kassen, hinführen.

Das Berlinaleticket ist schon wieder einen Euro teurer geworden sind — die sukzessive Preiseerhöhung der letzten Jahre hält an — inzwischen muss man 12 Euro für ein Normalticket berappen.

Wenn man Dieter Kosslick etwas vorwerfen will, dann das und nicht die Unübersichtlichkeit des Festivals — die historisch gewachsenen Sektionen und Nebenveranstaltungen machen für mich gerade die Berlinale aus. Sie war für mich immer Gelegenheit für exzessive Filmsichtung gewesen. Das kurzfristige Nebeneinander völlig verschiedener Filme lassen erst die Möglichkeiten des Mediums erahnen. Aber preislich ist inzwischen die Schmerzgrenze überschritten. Also heute nur ein Ticket für einen ausgesuchten Film.

Ich bin gerade dabei meine Vorderfrau zu bitten, mir eine Karte mitzubringen, da ich drei Karten für eine Vorstellung benötige, als eine Mitarbeiterin des Kinos beginnt, eine Rede zu halten — die Instruktionen für den Kartenvorverkauf. Da wir die Regeln schon kennen, hören wir nicht hin. Kurz vor 10 Uhr erhebt sich das zukünftige Publikum vom Fußboden und die Schlange zieht sich zusammen.

Die Frau hinter mir ist schon sehr aufgeregt, denn sie will unbedingt Karten für den italienischen Wettbewerbsfilm »Figlia mia« im Berlinale Palast. Ich sage ihr, dass sie sich dafür wahrscheinlich schon Stunden früher hätte anstellen müssen. Die Kinomitarbeiterin erklärt inzwischen einer Seniorin, dass, wenn um 8 Uhr das Kino für den Kartenkauf öffnet, schon Leute vor der Tür stehen, die seit 6 Uhr in der Kälte ausharren. Ich sinniere laut, dass kein Film so gut sein kann, dass er dieses Verhalten rechtfertigt und vermute dahinter den menschlichen Jagdinstinkt, der bei einigen besonders ausgeprägt zu sein scheint.

Da die Anzeigetafel, die die Verfügbarkeit von Karten anzeigt, im »International«
ungünstig neben den Kassenfenstern steht, müssen die Leute immer wieder aus der Reihe heraustreten, um ihre bekritzelten Zettel zu überarbeiten. Dort stehen die Codenummern der Tickets drauf, sowie auch die Alternativvariante A und gegebenfalls B. Logistische Schwerstarbeit. Die Frau hinter mir hat inzwischen neue Hoffnung geschöpft, denn hinter dem italienischen Wettbewerbsfilm ist noch ein grünes Kästchen zu sehen, das anzeigt »verfügbar«. Jetzt ist das Kassenfenster schon in Sichtweite. Argwöhnisch beobachtet sie den Mann, der gerade davor steht: »Der steht schon seit 10 Minuten da.« — Ein Blockierer, der offenbar stundenlang labbert und richtig, er verlässt den Schalter ohne Karten. Da das »International« in Konkurrenz zu den drei anderen Vorverkaufsstellen steht, können solche Aktionen dazu führen, dass man die begehrte Karte nicht mehr bekommt. Die Wettbewerbsfilme trifft das dabei natürlich besonders schnell. Für die Premieren im Berlinalepalast sollte man sich bei den Verrückten einreihen, die nachts draußen in der Kälte campieren, weil die Vorverkaufsstellen noch geschlossen sind. Aber wer weiß, vielleicht ist es diesmal anders.

Jetzt sind nur noch wenige Köpfe vor uns — doch es ist ein verdächtiges Piepen zu hören. »Oh je, ein Kartenlesegerät«, sage ich laut, um die Spannung noch etwas zu steigern. Die Frau, die gerade die Karten kaufen will, gibt ihre Geheimnummer nun zum zweiten Mal ein. Zwecklos, sie verlässt das Kino ohne Tickets. Ein Mann, der vor uns steht, erzählt, dass es beim Vorverkauf am Montag in den Arcaden zu massiven Kartenlesegerätausfällen gekommen sei. Was soll nur werden, wenn in naher Zukunft alle bargeldlos bezahlen? Dann bekommt man den Chip in den Hintern gepflanzt und den muss man dann ins Kassenhäuschen recken. Doch weitere Lösungsvorschläge für diese Misere kann er nicht anbringen, denn nun ist er an der Reihe. Er zahlt in bar. Die Frau hinter mir verrät, dass sie schon lange nicht mehr so extrem aufgeregt war. Ich sage ihr, sie müsse sich keine Sorgen machen, dass sei nur das Berlinalefieber. Und nun ist die Frau vor mir an der Reihe. Sie zählt ihre Ticketnummern auf, doch die Frau hinter der Scheibe schüttelt nur unbarmherzig mit dem Kopf. Die Frau will das nicht glauben: »Was die waren doch eben alle noch grün.« Als sie die Ticketnummer meines Films nennt, nickt die Kassierin gütig. Aber sie bekommt Gottseidank auch noch Tickets für sich, sonst hätte sie nur für meine dritte Karte angestanden.

Nun ist die aufgeregte Frau endlich an der Reihe, doch die Karten für den italienischen Wettbewerbsbeitrag im Berlinale Palast sind schon weg. Sie holt sich die Plan-B-Karten und guckt etwas bedripst. Aber wenigstens hatte sie schon Berlinalefieber.

 

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