FILMKRITIK: Cave of Forgotten Dreams — das Wesen aus einer anderen Welt

Regie: Werner Herzog
USA/Frankreich 2010
90 Minuten
14.2. Urania 17.30 OmU

Am Rande der Berlinale läuft ein Dokumentarfilm des Autorenfilmers und letztjährigem Jury-Präsidenten Werner Herzog, in dem er mit kindlicher Neugier die anthro-pologischen Forschungsarbeiten in der Chauvet-Höhle, wo die bisher ältesten Höhlenmalereien gefunden wurden, verfolgt. Wie in allen seinen Dokus verweigert er sich dem Direct Cinema. Gerade die Herausstellung seiner Subjektivität ist es, die diesen in 3 D gefilmten Thesenfilm, der die menschliche Herkunft und Bestimmung hinterfragt, reizvoll, sinnlich und mystisch macht.

Herzogs weich-säuselnde Voice-Over-Stimme – dazu bewegen wir uns dreidimensional durch die Frühlings-Felder des Ardeche-Tals über einen Weg hinauf zum schmalen Eingang in die Chauvet-Höhle – hebt die Exklusivität dieses Filmprojekts hervor. Nachdem die Atemluft der Touristenscharen die Höhlenmalereien in der Lascaux-Höhle in den 60ern schimmeln ließ, ist die Chauvet-Höhle für die Öffentlichkeit gesperrt. Nur ein Dutzend Wissenschaftler darf die 400 Meter lange Höhle, die 1994 von dem Speläologen Chauvet entdeckt wurde, zeitlich streng reglementiert und auf schmalen Metallplatten und -leitern, betreten. Stellvertretend für Publikum und Öffentlichkeit wurde Herzogs vierköpfiges Filmteam hineinbegleitet. Sie filmten die mehr als 30.000 Jahre alten, von Menschenhand gemalten, Wandbilder. Sie zeigen Höhlenlöwen, Pferde, Wollnashörner, Mammuts, Rentiere, Bisons, Hirsche, Panther, Uhus, Hyänen, Höhlenbären und einen weiblichen Körper. Dabei versucht der Autorenfilmer ein Gefühl für das Mystische, die unheimliche Aufgeladenheit dieses unergründlichen Ortes, zu wecken. Neben den Malereien birgt er auch massenhaft tierische Knochen und Spuren, sowie eine einzelne menschliche Fußspur – die eines Jungen. Ein junger Archäologe berichtet von seinem Gefühl, nach vier Tagen Höhlenforschung, den Ort plötzlich nicht mehr betreten zu können. Die Wissenschaftler mit ihren Helmlampen stehen andächtig und minutenlang schweigend vor den Malereien. Herzogs Kamera scannt über die plastischen, da über Höhlenreliefs gemalten, Tierkörper zu auf- und abblendendem Scheinwerferlicht, das dem mutmaßlichen Fackellicht nachempfunden wurde. Dazu geheimnisvolle Töne eines Herzschlags und Musik wie aus 2001 – A SPACE ODYSEE.

Der Film wäre kein richtiger Herzog-Film, wenn er nicht bohren und mit dem kindlichen Gestus des Ich-will-aber-wissen auf Antworten drängen wurde. Das macht den Unterschied zwischen Autorenfilmer und dem zu faktenorientierter Millimeter-Arbeit gezwungenem Wissenschaftler aus. Herzog versucht aber, die strengen Wissenschaften zu unterwandern, indem er untypische Quereinsteiger interviewt, einen früheren Jongleur aus dem Zirkus und einen Speläologen, der, weil er früher Parfümeur war, die Höhlen nicht durch Lüfte in Hohlraumen auf dem Waldboden erspürt, sondern sie erschnuppert. Dem Regisseur fällt auf, dass ein Tier statt mit vier mit acht Beinen und ein Nashorn mit mehreren Hörnern gemalt wurde. Er vermutet darin eine Bewegungs-Darstellung. Er reist zu Orten in Deutschland, in denen aus Knochen geschnitzte Flöten aus dem gleichen Zeitraum gefunden wurden. Auch ein Tierknochen, der auf eine Anhöhe gelegt wurde, lässt Herzog vermuten, dass diese Höhle ein Ort des frühmenschlichen Kultes war. Doch was war der Mensch für ein Mensch? Da der Zeitraum von über 30.000 Jahren viel zu weit weg ist – es insgesamt zu wenig Fundstücke gibt, wird es für immer Mutmaßung bleiben, was es mit diesem geheimnisumwitterten Ort auf sich hatte. Oder um es mit Herzogs Worten auszudrücken:

»Neben der Spur des Bären, die eines Jungen. Hat der Bär den Jungen gefressen oder war es umgekehrt? Kam der Bär 1000 Jahre nach dem Jungen in die Höhle oder war er vielleicht sein Freund – wir werden es niemals erfahren

Aus den wenigen Bruchstücken, die Herzog von den Archäologen, Speläologen und Spezialisten erfahren konnte, formuliert er die „Spiegelbild-Metapher“. Die Allegorie von den in 35 km Luftlinie entfernten und im abgeleiteten Kühlwasser eines AKWs lebenden Alligatoren ist ebenso beunruhigend wie die kulturphilosophische Hypothese der „Spiegelbild-Metapher“ selbst: Die Chauvet-Höhle ist der Spiegel, durch den wir 32.000 Jahre zurück auf unsere Spezies blicken. Was wir skizziert sehen, ist so grundverschieden von unserem jetzigen Selbstbild, dass wir gar nicht mehr auf uns zurückblicken können. Wir sehen nur eine Höhle, voll mit Indizien mit den Träumen (= okkulte Höhlenmalereien) eines Wesens, die und das wir niemals ergründen werden.

 

 

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