Amerikanisches Minderheitenkino: »The Exiles« und »My Brother’s Wedding« im Forum

burnett.jpgEine der großen Entdeckungen der letzten Berlinale war die Wiederaufführung von »Killer of Sheep« des afroamerikanischen Filmemachers Charles Burnett. Das haben die Forums-Programmgestalter offensichtlich auch so empfunden und für 2008 gleich zwei großartige Filme des amerikanischen Independent-Kinos ausgegraben. Beide Filme wurden anläßlich der Berlinale aufwendig restauriert und haben jetzt eine Wiedergabe-Qualität, als wären sie erst gestern fertig gestellt worden. Das ist insbesondere beim älteren »The Exiles« von 1961 sehr zu begrüßen, weil auch der großartige Sound überarbeitet wurde. Und den Soundtrack mit den dafür verwendeten Underground-Rock’n’Roll-Stücken der »The Revels« würde ich sofort kaufen.

exiles.jpgDer Film ist einer der ersten, die sich in semidokumentarischer Form dem realen Lebensgefühl der Natives, also der Indiane, annähert. »The Exiles« beginnt mit Fotografien bedeutender Indianerhäuptlinge, dann wird kurz die Einweisung der Indianer in Reservate im 19. Jahrhundert geschildert, die die Indianer zu Exilanten im eigenen Land gemacht hat. In den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts begann erstmals eine Generation von Indianern die Reservate zu verlassen. Sie zogen in die Großstädte der Weißen und bildeten dort eine eigene Subkultur. Filmemacher Kent Mackenzie recherchierte jahrelang in der Indianer-Community von Los Angeles, bevor er mit den Laiendarstellern ihr Leben verfilmte.

exiles-2.jpgErzählt wird die Geschichte eines Tages. Zwei Handlungsstränge laufen nebeneinander her. Yvonne lebt mit ihrem Mann Homer und fünf weiteren Indianern in einer Zweizimmerwohnung. Während Yvonne zu Hause bleibt und den Haushalt macht, ziehen Homer und seine Kumpels durch die Nachtbars. Yvonne sehnt sich nach einem normalen Leben und Kindern, verrät uns ihre Off-Stimme, die von Mackenzie aus zuvor aufgenommenen Interviews entnimmt. Die Männer sind hingegen auf der Suche nach dem schnellen Kick. Alkohol, Autos, Frauen, Rock’n’Roll. Als die letzten Bars schließen fahren alle auf einen Berg, von dem aus man die Stadt übersehen kann. In einer der stärksten Szenen des Films zeigt Mackenzie die ganze Entwurzelung dieser jungen Indianer-Generation, die in der Kultur der Eroberer ankommen möchte und doch nicht kann. Zu den alten Stammesgesängen und Trommelrhythmen tanzen sie Rock’n’Roll. Erst nach und nach finden alle zu den alten Stammestänzen zurück. Der Film endet, als die Gruppe morgens wieder zu Hause ankommt, Yvonne ist gerade aufgestanden. Sie stehen verloren und klein in der Stadt, niemand außer ihnen ist da.

0155_0001_popup1.jpg»My Brother’s Wedding« ist der zweite Film von Charles Burnett aus dem Jahre 1983. Er spielt ebenfalls in Los Angeles, diesmal aber in der Schwarzen-Community. Im Mittelpunkt steht der junge Schwarze Pierce, der in ein moralisches Dilemma gerät, als sein krimineller bester Freund, der gerade erst aus dem Gefängnis entlassen worden ist, ermordet wird. Die Beerdigung findet dummerweise parallel zur Hochzeit seines Bruders statt. Wieder steht wie schon bei »Killer of Sheep« nicht die eigentliche Handlung im Vordergrund, sondern ein bestimmtes Lebensgefühl der us-amerikanischen Schwarzen. Der Forumskatalog sieht »My Brother’s Wedding« als Vorläufer des Ghetto-und-Gangster-Genres, in dem Goldkettchen, Schnellfeuerwaffen und HipHop die Handlung dominieren. Zum Glück, denn im Gegensatz zum goldkettchentragenden Gangsta-Rapper sind Burnetts Schwarze ausgesprochen elegant und hip gekleidet. Sie haben noch eine Authentizität, die sich nicht aus hyperventilierendem Testosteron speist. An das Meisterwerk »Killer of Sheep« kommt »My Brother’s Wedding« nicht mehr ganz heran, sehenswert ist der Film aber immer noch. »The Exiles« sollte man sich in keinem Fall entgehen lassen.

»The Exiles« wird am 12.02. um 21:30 Uhr im Delphi und am 14.02. um 22:30 Uhr im Arsenal (ausverkauft) wiederholt.

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