Chronist des Wahnsinns – Okamoto Kihachi-Filmreihe (Forum)

Bewertung: Die Filme Okamoto Kihachis als Tribute im Forum. Nihilistische Samurei-Epen und knallharte Antikriegsfilme. Ohne Wenn und Aber: Die Entdeckung der Berlinale.

Die Filme Kihachis werden noch bis Ende März im Kino Arsenal wiederholt.

Wo graben die nur diese ganzen geilen Filme aus? Jedes Jahr wird im Forum mit schöner Regelmäßigkeit einfach ein neues japanisches Regiegenie aus der Taufe gehoben, als hätten die da Anfang der 50’er ein ganzes Faß aufgemacht. Nach dem phantastischen Nobuo Nagakawa auf der letzten Berlinale heißt die neueste Ausgrabung dieses Jahr Okamoto Kihachi. In Europa kannte man bislang nur sein Samurei-Meisterwerk „The Sword of Doom“. Im Forum war jetzt noch mehr zu sehen.

Fangen wir mit seinem bekanntesten Werk an. „The Sword of Doom“ (Daibosatsu toge) aus dem Jahr 1966 erzählt die Geschichte des Samurei-Schwertkämpfers Tsukue Ryunosuke. Nicht zum ersten Mal, drei sehr erfolgreiche Verfilmungen dieses bekannten Romans um einen Krieger am Ende des Tokugawa-Shogunats in Edo (Tokyo), also um ca. 1860, hatte es zuvor schon gegeben. Aber Kihachi findet einen völlig neuen Zugang zum populären Stoff, indem er das Psychopathische der Hauptfigur in den Vordergrund seiner Inszenierung stellt. Ryunosuke wird zum nihilistischen Monster, hervorragend gespielt von Nakadai Tatsuya mit Buster-Keaton-Mimik. Ryunosuke ist ein Fremdkörper in dieser Welt, er gehört nirgends dazu, er hat keine Freuden, keine Frau, keine Ideale. Er lebt ausschließlich für den Schwertkampf, in dem er mit unerbittlicher Konsequenz alles abschlachtet, was sich ihm in den Weg stellt, den besten Freund inbegriffen. Großartig sind die Choreographien der Schwertkämpfe, in denen mehrmals ein ganzes Heer von einem einzelnen Samurei hingerichtet wird (warum lassen die sich eigentlich immer schön einer nach dem anderen abmurksen, statt einfach alle auf einmal anzugreifen, muss wohl mit dem japanischen Ehrenkodex zusammenhängen). Am Ende wird Ryunosuke endgültig wahnsinnig. Er sieht überall Schatten und zerschlägt in einer gewaltigen Schlacht die Inneneinrichtung des Geisha-Hauses, in dem er sich gerade befindet, während seine Gegner draußen auf ihn warten. Es ist das erste Mal im Film, dass sich seine Gesichtszüge verändern. Sie entstellen sein Gesicht zu einer Maske des Wahnsinns, während er auf den Bambus eindrischt. Ryunosuke ist nicht mehr länger ein Mensch, er ist nur noch die Verlängerung seines Schwertes. Leo gibt für Doom die Übersetzungsvarianten „drohendes Unheil, dunkles Schicksal, Untergang, Verhängnis“ aus. Passend scheinen alle Varianten. Von daher wäre es interessant zu wissen, was im japanischen Titel denn nun genau steht. In Japan floppte der Film im Gegensatz zum Westen, ein so negatives und düsteres Bild des Kriegers wollte man wohl nicht sehen.

Kihachis Filme zerfallen in zwei große Blöcke, einerseits die Samurei-Filme, andererseits die zahlreichen Kriegsfilme. Letztere halte ich für die große Entdeckung der Berlinale. Zwei völlig gegensätzliche Filme markieren dabei die beiden Höhepunkte im Filmschaffen Kihachis. Die Großproduktion der Produktionsfirma Toho „The Emperor and a General“ (Nihon no ichiban nagai hi) wurde mit Staraufgebot und Riesenbudget zu Ehren des 35-jährigen Bestehens der Firma gedreht, die Realisierung von Kihachis persönlichstem Projekt „Human Bullet“ (Nikudan) hingegen verweigerte Toho drei Jahre lang, bis Kihachi schließlich entnervt aufgab und mit minimalen Produktionskosten das Projekt auf eigene Rechnung drehte. Anzumerken sind die völlig verschiedenen Produktionsbedingungen den beiden Filmen aber nicht.

The Emperor and a General“ ist ein spannendes und realistisches Dokudrama über die letzten 24 Stunden vor der japanischen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg. Gespräche und Verhandlungen der Regierung sowie die aufbegehrenden Offiziere der kaiserlichen Garde, die eine Verstärkung der Kamikaze-Angriffe und eine Endschlacht auf dem japanischen Kernland fordern, eskalieren die Situation schnell an den Rand eines Staatsstreiches. Schon nach kurzer Zeit entwickelt der Film die Spannung eines Hollywood-Thrillers, obwohl man das Ende ja eigentlich kennt. Unglaublich beängstigend sind die jungen Soldaten, die, moderne Wiedergänger Ryunosukes, jedem rationalen Argument verschlossen sind. Die fanatische Begeisterung, mit der sie den eigenen totalen Untergang herbeizwingen und ein ganzes Land in den Seppuku-Selbstmord treiben wollen, wird von Kihachi großartig in Szene gesetzt. Was für Drogen mag er seinen Darstellern gegeben haben, dass diese wie vollkommen Irrsinnige kreischen, dass Hitler auf der Klimax seiner Reden verglichen damit wie ein sachlich und nüchtern argumentierender Intellektueller wirkt.

Kihachi selbst hat es später als großes Glück gesehen, dass er den 2. Weltkrieg überlebt hat. Er gehört der verlorenen Generation an, die 1924 geboren wurden. Kein anderer Geburtsjahrgang hatte nach dem Krieg mehr Opfer zu beklagen. Für Kihachi war der Krieg ein Initiationserlebnis, das er nie vergessen sollte, obwohl er nur die letzten 8 Monate dienen mußte. Seine persönliche Abrechnung mit dem Krieg gelang ihm 1968 mit der rabenschwarzen Satire „Human Bullet“. Wieder steht ein Kamikaze-Krieger im Mittelpunkt der Handlung, aber diesmal wird ein ganz anderer Film daraus. Nicht der Soldat ist der Wahnsinnige, die Umstände sind wahnsinnig. Terada Minori spielt den dummschlauen Schelm „Er“, der als menschliches Geschoss (Human Bullet) am Ende des Krieges in einem Fass an einen Torpedo angekettet, den Feind sucht. Während er im Fass seiner Bestimmung entgegenschwimmt, zieht sein bisheriges Leben an ihm vorbei, der Drill und der Hunger nach der Einberufung, die „Beförderung“ zum Kamikaze-Krieger, die erste Liebe, die Zerstörung der Stadt bei einem Fliegerangriff. Die Absurdität des Krieges und vor allem der massiven Selbstmordeinsätze in den letzten Tagen kontert Kihachi mit groteskem Witz, vielleicht nur vergleichbar mit dem fast zur selben Zeit entstandenen „Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ von Kubrick.

Die Filme Kihachis werden im Februar und März im Kino Arsenal gezeigt. Nach den Erfahrungen der letzten Jahre zu urteilen, dürfte dies die letzte Gelegenheit sein, die Filme zu sehen. Weder Ozu noch Nagakawa hatten im Anschluss an die Berlinale Eingang ins europäische Filmtreiben. Lediglich von „The Sword of Doom“ gibt es eine DVD-Fassung. Ich empfehle ausnahmslos alle Filme, besonders aber „The Emperor and a General“ und „Human Bullet“. Termine gibt es hier: http://www.fdk-berlin.de

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Ein Kommentar zu Chronist des Wahnsinns – Okamoto Kihachi-Filmreihe (Forum)

  1. Klaus sagt:

    Sehr schön geschrieben, macht neugierig! Kenne noch keinen von Kihachis Filmen, Sword of Doom habe ich irgendwie immer verpasst. Aber spätestens nach deinem Bericht muss es jetzt mal sein!

    Schöner Blog übrigens und Glückwunsch zum gelungenen Titel! Ich war bei meinem irgendwie sehr viel weniger kreativ…

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