Defamation — die heilige Kuh Israels

Regie: Yoav Shamir
Israel, Österreich 2009
93 Min.

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Abe Foxman, Chef der Anti-Defamation League: »Wenn ich hier in Auschwitz mit Armeeangehörigen lang gehe, so an die 150 Mann, fühle ich mich stolz und stark«

Als sein Film »Checkpoint«, ein Film über israelische Soldaten, in die Kinos kam, wurde Shamir als der »israelische Mel Gibson bezeichnet« — was bedeutete, dass er genauso ein Antisemit sein sollte wie Gibson (»Die Passion Christi«). Die Bezeichnung brachte ein jüdischer US-Journalist in Umlauf. Shamir war amüsiert und irritiert: Wie konnte jemand, der in den USA lebte, einer, der seinen Militärdienst nicht abgeleistet hatte, einer der seinen Großvater nicht im Krieg verloren hatte, ihn als Antisemiten bezeichnen?

Das Wort »Antisemitismus« ist in Israel ständig gegenwärtig, und die Ausgangsfrage von Shamir war, was verstehen die Israelis unter diesem Begriff, in welchem Zusammenhang benutzen sie ihn? Herausgekommen ist ein sehr unbequemer Dokumentarfilm, der den »israelischen« Umgang mit Begriffen wie Holocaust und Antisemitismus problematisiert.

Zentrale Figuren sind dabei Abraham Foxman, Chef der Anti-Defamation League, einer US-Organisation, die in erster Linie antisemitische Vorfälle gegen Juden dokumentiert, und Norman Finkelstein, ein Politologe, der den Begriff der »Holocaust-Industrie« geprägt hat und der den Neuen Antisemitismus für eine Erfindung hält. Nach Finkelstein schlägt Israel aus dem Holocaust Profit. Wie man sich vorstellen kann, sind die beiden erbitterte Erzfeinde. In einer sehr emotionalisierten Szene, bezeichnet Finkelstein Foxman als den schlimmeren Hitler und macht dazu den Hitlergruß. Shamir weist ihn darauf hin, dass er sich vor laufender Kamera befinde, doch Finkelstein erwidert rotzig und verbittert, er könne es doch rausschneiden, ihm sei es egal.

Mit Foxman und Finkelstein zeigt Shamir zwei extreme Ansichten, verdeutlicht aber unmißverständlich, dass er die Ansichten von Finkelstein teilt. Israel benötigt ein Feindbild, um sich als eine starke, einheitliche Nation zu fühlen, insofern muss es der Welt immer wieder ins Gedächtnis rufen, wie verhaßt der Jude sei. Die Motive dafür sind komplex — Foxman ist ein Holocaust-Überlebender; andere wiederum sind einfach nur rechts.

Die dramatischen Auswüchse zeigt Shamir, in dem er eine israelische Schulklasse auf ihre Reise nach Polen begleitet. Da draußen lauter Nazis rumlaufen, trauen sie sich abends nicht ihr Hotel zu verlassen: »Man hat uns von klein auf begebracht, dass die ganze Welt uns haßt.« Drei blöde alte Herren machen die jungen Mädchen an, die sie für Chinesen halten. Der Lehrer hat den Schülern eingeschärft mit niemandem zu reden und ist jetzt genervt, dass sie doch mit diesen Judenhassern reden. Alles wird sofort politisiert.

Der Regisseur lässt dabei auch viele zu Wort kommen, die die Sache differenzierter sehen: »Wenn Du einen Juden anmachst, bis Du für viele gleich ein Antisemit«, sagt Rabbi Hecht. »Doch was ist daran antisemitisch, wenn man einen Schwächeren angreift?« Shamir streift auch kurz, die Antisemitismus-Debatte, die eigentlich gar keine ist, im Zusammenhang mit Israels Palästina-Politik. Allein diese Verbindung ist für viele ein absolutes Tabu.

In Auschwitz fühlen sich zwei Mädchen schlecht, weil sie nichts fühlen können. Angesichts der Schuhberge brechen sie dann doch in kollektives Weinen aus und die Jungen schwenken die Fahne Israels. Dann bilden alle einen festen geschlossenen Kreis. Um sie herum stehen Touristen, die sie fotografieren.

Läuft nicht mehr während der Berlinale.

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2 Kommentare zu Defamation — die heilige Kuh Israels

  1. Bernd sagt:

    Sehr gelungene Dokumentation fand ich, hoffentlich kommt er in die Kinos und sorgt dafür dass ihn mehr Leute zu sehen bekommen

  2. Pingback: das blog zum hof - berlinale und film blog » Blog Archive » +++Forumswiederholungen im Arsenal ab sofort abrufbar+++

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