Der freie Wille (Wettbewerb) — Die Sicht eines Triebtäters

Regie: Matthias Glasner
Deutschland: 2006
163 Minuten
14.2. 12.00 Uhr, Urania
14.2. 15.00 Uhr, Urania
14.2. 20.00 Uhr, International
19.2. 12.30 Uhr, Berlinale Palast
Kinostart Deutschland: 24.08.2006

Zu Beginn sehen wir eine ca. 10minütige Vergewaltigungsszene, die ähnlich schonungslos und ausgiebig inszeniert wird wie in „Irreversible“ (Caspar Noé, Uraufführung Filmfestspiele Cannes): Handkamera, gebleichtes Farbmaterial, keine Schnitte, Geschlechtsorgane sichtbar. Theo (Jürgen Vogel) penetriert ein Mädchen in den Dünen, welches soeben auf einer Küstenstraße mit dem Fahrrad an seinem Wagen vorbei gefahren ist. Damit sich die Radfahrerin nicht wehrt, schlägt er ihr hemmungslos ins Gesicht.

Blutig verschmiert, die Kleidung hängt in Fetzen von ihrem Körper herab, beginnt der Akt der Vollstreckung. Während dieser Szene wurde gegen die Sonne gefilmt – die Erbärmlichkeit einer Vergewaltigung soll so realistisch und protokollarisch wie möglich wirken. Diese harte Szene gleich am Anfang des Films macht Sinn, denn »Der freie Wille« verfolgt die Perspektive des Triebtäters Theo. Er wird damit gleich zu Beginn als äußerst brutal und gewalttätig vorgestellt. Dem Opfer gelingt es schließlich zu entfliehen und Hilfe herbeizuholen — Theo lässt es nach der Tat kurz allein, um den Verbandskasten vom seinem Auto zu holen. Seine Verfolger knüppeln ihn in einem nahe gelegenen Waldstück zu Boden — er kommt in den Maßregelvollzug.

Jahre später wird er entlassen, da er seit zwei Jahren ohne Triebhemmer auskommt und sich beim Ausgang bewährt hat. Er versucht, ein normales Leben zu beginnen. Wir sehen ihn im Bus mit Schülerinnen, beim Masturbieren, beim Kampfsport als Aggressionsventil, beim stillen Beobachten von Frauen in der Disco, anmachen kann er sie nicht. Aus seiner Sicht sind sie die Ursache für sein Leiden. Er ist eine gequälte Woyzeck-Gestalt, meist hoffnungslos vom Trieb gesteuert. Opfer und Täter in einem.

Der Film streift auch noch eine zweite Perspektive – die von Nettie (Sabine Timoteo). Sie ist von ihrem Vater — das ist derjenige, der Theo in seiner Druckerei einstellt („Wiedereingliederung durch geregelte Arbeit“) — emotional abhängig. So wie der Vater von ihr. Ödipus-Komplex nennt man das wohl zwischen Mutter und Sohn. Mit Gewalt versucht sie sich von ihrem Vater zu lösen – sie zieht aus und lernt Theo kennen und lieben. Erst viel später erfährt sie, dass er Triebtäter war und ist, denn inzwischen hat er wieder vergewaltigt. Sie liebt ihn. Trotzdem! Auch dann noch, als sie von einem seiner Vergewaltigungsopfer erfahren muss, wie sich so etwas anfühlt. Dem Zuschauer bleibt nichts erspart: Denn das Opfer, welches sie aufsucht, vergewaltigt sie mit einer Toilettenbürste. Sie schreit nach Hilfe.

Der freie Wille“ begibt sich so quälend dicht an seine Hauptfiguren, dass eine Außenwelt nicht eindringen kann. Es gibt keine Off-Filmmusik, keinerlei komische Momente. Die Kameraästhetik bleibt so wie zu Beginn, meistens Handkamera, häufige Nah-Aufnahmen, wenig Gegenschnitte, die Erleichterung verschaffen könnten. Gebleichte Farben und triste Natur- und Stadtlandschaften, in denen sich die Figuren bewegen, halten den Zuschauer 163 Minuten lang hermetisch gefangen in einem Raum des Abgründigen, der keinerlei Halt und Hoffnung bietet – nicht mal am Ende. Dort steigert sich alles noch einmal zu einem schonungslosen Gewaltakt.

Glasners Film wagt den Versuch, die Perspektive des Triebtäters einzunehmen, die wir, die Außenstehenden, zwar niemals verstehen, der wir jedoch nachzuspüren gezwungen werden. Die Kamera umkreist die vergeblichen Versuche Theos, ein Leben innerhalb der Gesellschaft führen zu wollen, zu stark wird er gesteuert. Er wird immer wieder zu einer Marionette seines Triebes, er ist ein gefangenes Tier, welches durch die Freizügigkeit eines Calvin-Klein-Plakates und die aufreizende Bekleidung in der Disco verhöhnend an seine Abnormität erinnert wird.

Was hat den Regisseur dazu bewogen, die Thematik des Triebtäters in einer so radikalen und noch nie da gewesenen Art und Weise zu inszenieren? Gewiss will er eine Sensibilisierung für dieses Tabu provozieren. Doch „Der freie Wille“ bietet keinerlei Erklärungs- und Lösungsansätze – deshalb ist er so ausgesprochen schockierend. Der Film beschränkt sich mit einer protokollarischen Ästhetik, zeigt lediglich auf und der Zuschauer wird ratlos zurückgelassen: Wir sind die Anderen, die zwar mit dem Menschen Theo mitfühlen sollen und dies auch tun, von dem uns aber gleichzeitig ein tiefer Graben trennt: Sein tierhaftes Verhalten, welches wir hassen, welches aber auch der Mensch Theo hasst und womit wir alle nicht umgehen können.

Glasners Portrait eines triebgesteuerten Täters ist ein Aufschrei, welcher kapituliert vor dem Abgründigen im Menschen — ein Film, der in seiner Konsequenz schwer zu akzeptieren und zu ertragen ist. Kann es wirklich sein, dass wir alle daran versagen?

Ich kann diesen Film nicht mit gutem Gewissen weiter empfehlen — jeder Moment ist eine quälende Tortur und am Ende wünscht man sich, ihn niemals gesehen zu haben.Ein außergewöhnlicher Film — vielleicht d a s Erlebnis dieser Berlinale — welcher/s mich noch lange Zeit beschäftigen wird.

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