Der Kick (Panorama) — Protokoll eines Brandenburger Mordfalls

Regie: Andres Veiel (»Die Spielwütigen«, »Black Box BRD«)
Deutschland: 2006
82 Minuten
16.2. 13.00, CineStar 3
19.2. 15.30, Colosseum 1
Deutscher Kinostart: 6.4.2006

Sehenswerte Umsetzung des gleichnamigen Theaterstücks, das von einen Mord an einen 16Jährigen handelt. Basis sind die Vernehmungsprotokolle der Täter sowie Interviews von Verwandten und Bekannten.


Vermutlich hat jeder von dem Mordfall des 16jährigen Marinus Schöberl im brandenburgischen Potzlow, 60 km nördlich von Berlin, gehört. Er wurde im Sommer 2002 durch einen Sprung auf den Hinterkopf getötet. Vorbild war der sogenannte »Bordsteinkick« aus dem Film »AMERICAN HISTORY X«. Veiel hat Freunde und Angehörige der Opfer und Täter interviewt. Daraus — und aus den Gerichts- und Vernehmungsprotokollen der Täter — inszenierte der Regisseur ein Stück am Maxim-Gorki-Theater in Berlin. Dieses hat er nun filmisch umgesetzt.
»Der Kick« ist eine Theaterverfilmung, sehr reduziert, nur zwei Schauspieler (Susanne-Marie Wrage, Markus Lerch) sprechen die verschiedenen protokollarischen Interviews. Ort ist die Bühne. Es gibt keine Requisiten, außer einem Bauwagen, welcher gleichzeitig Vernehmungsraum und Gerichtssaal ist. Seine Wirkung entfaltet der Film über die Gestik, Mimik und Sprache der Schauspieler, die in die verschiedenen Haltungen der Interviewten/Vernommenen/Vernehmenden schlüpfen und über die Lichtsetzung auf der Bühne. Ein Zitty-Kritiker bemängelte, dass Veiel keine filmische Form für das Theaterstück gefunden habe. Ich möchte dagegen halten: Gestik, vor allem Mimik können auf dem Theater — auf Grund der Distanz zwischen Schauspieler und Zuschauer — nur bedingt eine Wirkung entfalten. Gerade das Mienenspiel, welches häufig im Kontrast zum gesprochenen Wort steht, verrät die innere Haltung, den brechtschen Gestus, des Sprechers. Auf die Frage des »TAZ«-Redakteurs Stefan Reinecke, warum er dieses Theaterstück verfilmt habe, antwortet Veiel: »Banale Antwort: Weil nicht so viele Leute ins Theater gehen.«
Was geschah in der Nacht zum 13. Juli 2002? Was war das Motiv?
Die Ereignisse werden Stück für Stück aufgerollt: Marinus war mit seinen Freunden, den späteren Tätern, unterwegs. Man hatte viel getrunken. Erst einen Kasten »Sternburger«, später harte Sachen. Dann wurde der Ort gewechselt — zu anderen Bekannten. Es wird weiter Schnaps getrunken. Das Brüderpaar Marco und Marcel Schönfeld, sowie ihr Kumpel Sebastian Fink fangen an, den schon völlig betrunkenen Marinus, zu provozieren. Aus Jux. Er solle zugeben, dass er ein Jude ist. Er will es nicht zugeben. Er übergibt sich im Garten, verträgt nicht so viel Alkohol. Als er irgendwann zurückkommt, geht es weiter. Die Bekannten, denen das Haus gehört, sagen, dass er es zugeben solle, damit die Provokationen aufhören. Also sagt Marinus, dass er ein Jude sei. Doch dann schlagen die anderen erst Recht auf ihn ein. Später in der Nacht fahren die drei Jugendlichen mit ihren Fahrrädern zurück in ihr Nachbardorf. Marinus bleibt zurück, schläft auf der Couch der Bekannten. Man entschließt sich, umzukehren, ihn zu holen — die Bekannten bräuchten doch ihre Ruhe. Die Provokationen beginnen erneut. Sie holen ihn und töten Marinus in einem Schweinestall: Er muss in die Kante des Futtertrogs beißen. So wie sie es in einem Spielfilm über amerikanische Skinheads gesehen haben. Marcel springt auf seinen Hinterkopf. Doch er ist noch nicht tot. Jetzt könnten sie ihm sowieso nicht mehr helfen, jetzt müsse er restlos »alle gemacht« werden, so Marcel. Erst vier Monate später, im November 2002, wird der skelettierte Leichnam gefunden.
Der Zuschauer ist distanzierter Beobachter der protokollarischen Vernehmungen der beiden Täter. Der jüngere Marco, der von seinem älteren Bruder Marcel abhängig ist, wird von Wrage zusammengesunken und introvertiert gespielt. Es ist nicht Marcels erste Gewalttat, denn er ist erst kurz vorher aus der Haft entlassen worden. Er hat seinen Bruder offensichtlich völlig unter Kontrolle. Während er im Knast saß, hatte sich Marco die Haare lang wachsen lassen. Aus Angst vor seinem Bruder lässt er sie sich wieder kahl scheren.
Was diese Tat besonders grausam macht, ist dass viele Leute dabei waren und gesehen haben, was sich da andeutet. Und, dass es vier Monate dauert — nämlich als einer der Täter eine Andeutung macht — bis die Leiche geborgen wird. Also interessierte sich Veiel besonders für die Einwohner des Ortes. Veiel: »Die Staatsanwaltschaft meinte, dass dem Dorf der zivilisatorische Standard fehlt. Das war auch meine Ausgangsthese. Aber das stimmt nicht. Der Ort Potzlow ist kein einheitlicher Chor, sondern ein vielstimmiger.«
Wie so oft bei Recherchen zu grausamen Mordfällen, stellt sich heraus, dass die Tat nicht auf ein Motiv reduzierbar ist. Was zu Beginn nach einem eindeutig rechtsextremistischen Mord aussieht, entwickelt sich zu einer Vielfalt von Motiven und Mißverhältnissen. Dazu Veiel: »Es gibt bei solchen Taten oft auch Gewalt in den Familien, Missbrauch, Alkoholismus, Demütigungen. Doch bei den Eltern der Täter Marcel und Marko trifft das nicht zu. Eine Spur zu Traumatisierungen gibt es über den Großvater, der ansehen musste, wie seine Eltern im Krieg stranguliert wurden, und das erst am Totenbett dem Vater erzählen konnte. Das ist keine Kette von Ursache und Wirkung, aber gerade Verschwiegenes arbeitet in Familien ja weiter.« Hinzu kommt der Alkoholmissbrauch der Jugendlichen und die offenbar extrem starken Aggressionen von Marcel, denen sich die anderen Beiden, sein Bruder Marco und Sebastian Fink, nicht entziehen können. Der Ältere übt starken Einfluß auf die Jüngeren aus. Der rechtsextremistische Hintergrund scheint nur ein Ventil, eine Selbstrechtfertigung vor sich selbst und in der Gruppe, um Gewalt offen ausüben zu dürfen.
Es gibt viele kleine Details, die der Film versucht, aufzuzeigen. Er nähert sich über die Gewalttat hinaus den Bewohnern von Potzlow, ihren Biographien und ihrem Alltagsleben an. Nimmt sie ernst und kann deshalb den voyoristischen Blickwinkel und eine Reduktion auf eine moralische Verteufelung der Tat vermeiden. Denn das Portrait der Einwohner zeigt uns normale, sogar symphatische Bewohner, die mit ihren Problemen häufig allein gelassen wurden und überfordert waren. Daraus entwickelte sich eine Apathie, eine Gleichgültigkeit, die über lange Zeit zum Wegsehen führte. Die Heranwachsenden wurden sich selbst überlassen und es konnten sich problematische Gruppenhierarchien bilden, die zu dieser Tat führten.

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