FILMKRITIK: Die Bill-Douglas-Trilogie (Forum)

My Childhood (48 Min)
My Ain Folk (55 Min)
My Way Home (78 Min)

Regie: Bill Douglas
GB 1972/1973/1977

Wird während der Berlinale nicht mehr gezeigt.

Ich erinnere mich, als wir seine Filme zum ersten Mal sahen, wie berührt wir davon waren, dass seine Filme also im Vergleich zu, sagen wir Ken Loach oder Mike Leigh visuell so interessant waren. „ (Kuratoren So Yong Kim & Bradley Rust Gray)

Der Protagonist Jamie wächst 1945, der Krieg liegt in den Nachwehen, in allergrößter Armut in einem kleinen schottischen Dorf auf. Er lebt mit seinem Bruder Tommy bei seiner Großmutter, die mit geschlossenen Augen, mehr tot als lebendig, nur noch im Lehnstuhl hockt. In ganz wenigen Momenten scheint ihr das Leben noch einmal Atem einzuhauchen, dann schießt sie, wenn die beiden Jungs Dummheiten machen, wie ein Lauerjäger aus ihrer Lethargie hervor. Seine Mutter kennt er zunächst nur von einer einzigen Fotografie.
Jamie lebt in Einsamkeit, Angst und ist sich selbst überlassen. Als sein einziger Freund, der Kriegsgefangene Helmut, nach Deutschland zurückfahrt, bricht für ihn eine Welt zusammen….
Bill Douglas arbeitet mit ästhetischen Mitteln, die man gemeinhin als „realistisch“ bezeichnet, sowie auch die beiden von den beiden Kuratoren oben genannten Regisseure Loach und Leigh. Die Inszenierung tritt scheinbar zurück und das „Authentische“, „Wirkliche“ schimmert hervor. Der Anreiz des realistischen Films liegt darin, den Zuschauer zu verunsichern, ihn sich fragen zu lassen: Was ist Inszenierung, was ist Wirklichkeit? Die Trilogie beruht auf stark autobiographischen Zügen. Das mag eine sehr  große Rolle gespielt haben, trotzdem – auch wenn Douglas hier eine kathartische Aufarbeitung seiner Passion betreibt – bleibt es doch eine Inszenierung und zwar eine sehr gelungene. Denn Bill Douglas schafft einen äußerst beeindruckenden und überzeugenden filmischen Realismus. Die ruhigen, fast statischen und wortkargen Schwarz-Weiß-Einstellungen im 1,37er-Format scheinen (!) mehr in der Nähe der Fotografie zu liegen als im Filmischen. Sie wirken wie authentische historische Aufnahmen. Die episodische Erzählweise, die präzise Montage – die däumelnde Großmutter, das Sonnenlicht, das in einem bestimmten Winkel auf das Buch fallt, die Wanduhr – suggerieren traumatische Erinnerungsfetzen, die sich minutiös ins Gehirn gefressen haben. Der dramatische Moment als seine Großmutter väterlicherseits, zu der er kommt, nachdem die andere verstorben ist, ihm vorwirft, ihren Namen in der Buchwidmung wegradiert zu haben und dass er sie nicht liebe, in diesem Moment versinkt alles im Dunkel, nur er steht voll ausgeleuchtet mit hängenden Schultern da.
Dabei sind Arbeitsweise und Thematik keinesfalls neu. Wie viele Regisseure der verschiedenen Realismusströmungen arbeitete Douglas mit Laien und an Originalschauplätzen. So wählte er sein Kindheitsdorf als Drehort und einige Bewohner übernahmen Rollen. Die Thematik des vernachlässigten, streunenden Kindes und die tiefe Armut der Bevölkerung verfilmte schon der italienische Neorealismus, insbesondere in den Filmen von Vittorio De Sica. Bill Douglas erschafft also bezüglich dieser beiden Punkte nichts Neues und arbeitete dennoch so präzise, dass er selbst noch in den 70ern die Kritiker begeistern konnte. Das Geheimnis liegt offenbar in der Kombination von Besessenheit, sich von seinen traumatischen Kindheitserlebnissen zu befreien, also sie wieder zu durchleben, in dem man sich so genau wie möglich an Einzelheiten erinnert – und dem Können, dass er sich in der London Film School erwarb. Denn Douglas’ Trilogie beschreibt nicht nur seine Kindheit, sondern im dritten Teil, MY WAY HOME, auch den Prozess, der zum „Aussprechen“ des Traumas befähigte. Auch hier decken sich Story und Autobiographie. Wie der Protagonist Jamie findet auch Bill Douglas den Ausweg nur in einem radikalen Bruch mit seinem bisherigen Leben. Er geht zur Royal Air Force nach Ägypten und findet dort einen Freund, der seine Depressionen, seine Sprachlosigkeit, in Kreativität verwandelt. Als Jamie in sein Dorf zurückkommt, bricht der Frühling an – hier endet die Trilogie – und als Bill zurückkehrt, versuchte er zunächst am Theater Fuß zu fassen und erhält dort einen Assistentenjob, um von dort aus zum Film zu gelangen. Aber offenbar war das damals genauso schwer wie heute. Eine Bewerbung an der Royal Academy of Dramatic Arts in Edinburgh wird abgelehnt. Der Freund aus dem Militär schenkte ihm eine 8mm-Ausrüstung. Später bewirbt sich Douglas an der London School of Film Technique – mit einem Drehbuch für einen 1-Minuten-Film: MY CHILDHOOD – und wird angenommen.
Aus heutigem Blickwinkel heraus betrachtet, sind Filme – nennen wir sie mal autobiographisch-dokumentarische Filme – ebenfalls nichts Neues. Nur nutzen sie selbstverständlich andere realistische Mittel. Nennen wir sie mal „digitaler Realismus“, das Sichtbarmachen von scheinbar stümperhafter Camcorder- Handhabung (z. B. Wackelei, [REC]-Funktion wird einkopiert, Fehler jeglicher Art) sollen suggerieren, dieser Dokumentationsprozess ist authentisch und echt. Als Beispiel sei hier TARNATION (2003) von Jonathan Caouette genannt. Dieser nutzte allerdings nicht nur den Digitalen Realismus, sondern sehr kreativ eine Montage aller möglichen realistischen Mittel: Videotagebücher, frühe Super-8 Homemovies, Anrufbeantworter-Nachrichten, um seine Kindheit filmisch zu verarbeiten. Leider sind diese Mittel inzwischen inflationär, der Mainstreamfilm hat sich diese unter den Nagel gerissen – und zwar der fiktionale. Deshalb findet seitens des Zuschauers wiederum eine Verunsicherung statt, der sich jetzt nicht mehr fragt: Ist das echt, sondern richtig vermutet: Das ist doch alles inszeniert. Bill Douglas ist ein früher Vorreiter des Autobiographisch-Dokumentarischen Realismus, den ich aus so früher Zeit nicht kenne. Das Spiel mit realistischen Mitteln hingegen begann schon mit den Kinderjahren des Films (1922, NANUK, DER ESKIMO).
Die BILL-DOUGLAS-TRIOLOGIE: mein erster Berlinale-Film und gleich eine Entdeckung!

 

 

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2 Kommentare zu FILMKRITIK: Die Bill-Douglas-Trilogie (Forum)

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