Die Hölle, made by Ikea — Zwei schwedische Filme sezieren das Furchtbare im Gewöhnlichen

MAN TÄNKER SITT (Burrowing);  Schweden 2009, 76′
Regie: Henrik Hellström, Fredrik Wenzel

H:R LANDSHÖVDING (Mr. Governor); Schweden 2008, 81′
Regie: Måns Månsson

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So ganz hat man dem schwedischen SPD-Paradies ja noch nie getraut. Zwei völlig unterschiedliche Filme zeigen jetzt aus ungewöhnlichen Perspektiven Abgründe des skandinavischen Kleinbürgertums.

Ein kleiner Junge beobachtet in Man tänker sitt das Leben in der schwedischen Kleinbürgersiedlung am Waldrand. Das Leben ist beherrscht von Langeweile und kleinen Kränkungen und Demütigungen, mit denen sich die Nachbarn das Leben schwer machen.

Zweite Hauptfigur neben dem Jungen Sebastian ist Jimmy, ein alleinerziehender arbeitsloser junger Mann, der immer noch bei seinen Eltern leben muss und keinen Schlüssel für das Haus bekommt. Die zahlreichen Demütigungen eskalieren schließlich in einem Schlag mit der Schaufel auf den Hinterkopf eines Nachbarn, danach flüchtet er mit seinem Jungen in den Wald. Auch Sebastian drängt es immer wieder in den Wald und ins Wasser. Ausdruck dieser Sehnsuch nach der Natur geben die beiden jungen Filmemacher durch ein dem Film vorangestelltes Zitat aus Thoreaus Walden, der Bibel aller Aussteiger. Der Film krankt leider an der falschen Konstellation, dass der 11-jährige Sebastian einerseits als allwissender Erzähler mit philosphischem Tiefgang, andererseits aber auch als ganz normaler Bengel dargestellt wird. Die beiden gegensätzlichen Rollen fügen sich nicht zusammen und lassen den Zuschauer etwas ratlos zurück.

Filmstill: H:r Landshövding

Filmstill: H:r Landshövding

Måns Månsson nähert sich den schwedischen Abgründen mittels eines Dokumentarfilms über den Gouverneur von Uppsala, den ehemaligen schwedischen Außenminister Anders Björck. Dieser Landshövding ist eine 400 Jahre alte schwedische Institution. Die Gouverneure werden nicht gewählt, sondern vom König ernannt. Ihre Aufgaben sind rein repräsentativer Natur, sie müssen Essen geben, Denkmäler einweihen, bei Festbanketten des schwedischen Königshauses anwesend sein. Wir sehen Björck beim Planen, bei Einweihungen, beim Telefonieren und Zeitung lesen.

Regisseur Månsson hat H:r Landshövding als moderne Cinéma vérité Doku angelegt und wie die großen Vorbilder Leacock, Maysles und Wiseman auf körnigem 16 mm SW-Filmmaterial gedreht. In der stärksten Szene des Films sehen wir in einer grandiosen Hommage an die legendäre Szene in Primary von Robert Drew, in der John F. Kennedy von der Kamera verfolgt einen endlos langen Gang entlang geht, um am Ende beim jubelnden Wahlpublikum anzukommen, wie Anders Björk einen endlos langen Gang entlang geht. Aber auf Björk wartet am Ende keine jubelnde Menschenmenge, Björks Weg führt ins Nichts.

MAN TÄNKER SITT 10.02. 22.30, CineStar 8
ZUSATZVORSTELLUNG: 11.2., 15.30, Arsenal 2

H:R LANDSHÖVDING 15.02. 14:30, CineStar 8

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