Don’t play it again, David! Kommentar zur Berlinale Retrospektive 2010

Im Vorfeld jeder Berlinale warte ich mit Spannung auf die Bekanntgabe des Retro-Themas. Große Überraschung 2008: LUIS BUNUEL. Dunkel assoziierte ich ein Dienstmädchen in schwarzen hohen Stiefeln. Im Januar 2008 bekam ich zum Geburtstag EIN ANDALUSISCHER HUND geschenkt. Ein Bekannter hatte den Film auf analogem Filmmaterial beim Aufräumen gefunden, ihn abgefilmt und auf DVD gebrannt. Daher also das schon ‘zig mal gesehene Foto mit dem Auge und dem Rasiermesser. 14 Tage später saß ich schon in der Volksbühne und sah den HUND in restaurierter Fassung zu zeitgenössischer Live-Musik-Begleitung.

Ich hatte in eine extrem teure Kinokarte (ca. 20 €) für einen 16-Minuten-Film investiert – und jeder Cent davon hat sich gelohnt. Es war der beste surrealistische Film, den ich überhaupt gesehen habe und man muss ihn natürlich mit Live-Musik-Begleitung sehen. Jetzt wollte ich mehr über BUNUEL wissen. Ein Festival ist genau der richtige Ort, um so eine Regisseur-Werkschau zu veranstalten. Man kann die alten Filme in kürzester Zeit und chronologisch– vielleicht sogar in restaurierter Fassung – auf der Kinoleinwand sehen. Am schönsten sind natürlich Raritäten, die man nicht alle naselang irgendwo zu sehen oder auf DVD bekommt. Weniger passend finde ich ausufernde Retro-Themen. Zum 50.(!) Jahrestag der Berlinale veranstaltete die Deutsche Kinemathek die Reihe „Künstliche Menschen“. Kann ein neuntägiges Festival einem so schwer einzugrenzenden Thema überhaupt gerecht werden?

2010 – Play it again…!

Während ich noch mit dem Gedanken herumspielte, der Kinemathek einfach auch mal einen Regisseur vorzuschlagen, der „filmhistorische Bedeutung und Originalität“ besitzt, wurde das Thema für 2010 schon bekannt gegeben: PLAY IT AGAIN…! Die Begründung: Vor 50 Jahren gab es mit AUSSER ATEM (Wettbewerb) und der Nouvelle Vague eine entscheidende Wende für das Festival. AUSSER ATEM wurde der Silberne Bär zugesprochen. Einige altbackene Moral-Apostel der Presse moserten zwar, aber die meisten Kritiker fanden die Entscheidung ganz gut. Der eigentliche Streit verlief eher in den eigenen Reihen, in der Jury – Mainstream mit Stars vs. „Kunstkino“. Den großen Knall gab’s aber eigentlich erst zehn Jahre später: Ausgelöst durch O.K. (Michael Verhoeven, 1970), einem Film gegen den Vietnamkrieg. Es kam zum Jury-Clinch: Die Wettbewerbsfilme wurden eingestellt. Leute des Neuen Deutschen Films schalteten sich ein und gründeten das Forum, welches dann 1971 startete.
Die Play-it-again-Reihe jetzt zu veranstalten, erscheint mir daher ziemlich beliebig. Wieso nicht zum 50.? Wieso nicht zum 70.? Wieso nicht zum 66.? Schlimmer: Die bisher bekannt gegebenen Filme finde ich ebenfalls beliebig, vor allem aber vollkommen zusammenhangslos (AUSSER ATEM, MAGNOLIA, DIE DURCH DIE HÖLLE GEHEN). Viele sind ständig zu sehen: Außer ATEM mit seinem 1,37er Format finde ich im Lichtblick-Kino mit der Mini-Leinwand, das ihn schon seit Jahren hoch und runter spielt, sehr gut aufgehoben. Wer zum Teufel will sich MAGNOLIA nochmal ansehen? DIE DURCH DIE HÖLLE GEHEN läuft permanent im TV. Dieter Kosslick dazu: „Interessiert hat uns der Blick von außen: Welche Filme repräsentieren für den versierten Filmkenner David Thomson die Festivalgeschichte? Welche Filme sind in seiner persönlichen Erinnerung prägend gewesen?“ Vielleicht lässt sich also die „persönliche Erinnerung“ des britischen Retrospektive-Kurators DavidThomson entdecken, der offenbar 49 mal auf der Berlinale war und sie ausgiebig studiert hat. Was das Ganze mit der Berlinale selbst zu tun haben soll, ist mir schleierhaft. Unpassend dazu: eine schweineteure Süddeutsche-Berlinale-Edition aus lauter zusammengewürfelten Filmen. Also die Retro in diesem Jahr kann mir gestohlen bleiben. Ich habe keine Lust Tom Cruise wiederzuentdecken – Belmondo eigentlich auch nicht.

 

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2 Kommentare zu Don’t play it again, David! Kommentar zur Berlinale Retrospektive 2010

  1. claudia (die andere) sagt:

    Hallo Kleo, dem kann ich nur zustimmen, keine Linie, kein Zusammenhang, Skandalfilme, na schön… Während ich meine ersten Berlinalen hauptsächlich über die Retro habe kennen und lieben gelernt (als dort noch vorwiegend schwer zugängliche Stummfilme gezeigt wurden), und mich dann in das Forum hineingewühlt habe, weiß ich inzwischen nicht mehr, wozu die Retro überhaupt noch dient.

  2. Pingback: Berlinale – Retro 2011 « das blog zum hof

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