Dorfpunks — Jugendsünden, pubertäre Peinlichkeiten und Bier

Regie: Lars Jessen
Deutschland 2009
93 Min.

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Bier im Haar und schreckliche Klamotten müssen einfach sein.

Etwas unfreiwilig — Pfiffl hat einen »Überraschungsfilm« bei den Special-Screenings für Fachbesucher angekündigt — gerate ich in die Rocko-Schamoni-Verfilmung über eine 80er-Punk-Clique in Schmalenstedt. Der Film hat das Problem, dass ihm zwar eine schöne Authentizität gelingt, aber wer möchte sich schon gern an die eigenen verpeilten Jugendsünden von vollgekotzten Teppichen über Klamotten, die völlig neben der Spur sind, bis hin zu komischen Sex erinnern. Einen gewissen belustigenden Unterhaltungswert hat das aber schon. Zum Glück versucht Lars Jessen nicht, irgendeine nostalgisch-verklärende Tiefe — die ja Schamonis etwas belangloses Buch auch nicht enthält — hineinzuinterpretieren.

Den Inhalt muss man wohl nicht groß erzählen und kann man wie folgt verschlagworten: 1984, schleswig-holsteinische Kleinstadt, 17Jährige. Die eigentliche große Punkwelle ist schon vorbei und kommt mit einiger Verzögerung auch in den Dörfern an — oder zumindest das, was dort unter Punk verstanden wird: Sich-Daneben-Benehmen, Punk hören und gegen die Spießigkeit aufmucken.

Lars Jessen (TV-Regisseur: SOKO, Großstadtrevier) schafft es, das jugendliche Rumpubertieren der Punkclique ganz ansehnlich zu gestalten und Szenen zu inszenieren, die einen mit einem leisen Erschrecken an die eigene Phase des Aufbegehrens erinnern und einen aus der Distanz auch belustigen. Natürlich war damals alles schrecklich, aber gerade deshalb ist es heute auch ganz unterhaltsam.

Wenn Protagonist »Roddy Dangerblood« nach einer versoffenen Nacht früh durch ätzende Blockflöten-Töne geweckt wird, bekommt man gleich Kopfschmerzen und ein leeres Gefühl in der Birne — man ist froh, dass diese Zeit vorbei ist. Nostalgisch kommt  der Film nicht daher — insofern ist er ein angenehmes Gegenstück zu all dem verklärendem Gesülze über die »Ach-so-schöne-Jugend«.

Da das ganze in Schleswig-Holstein spielt, bietet es sich an, dem populären Urgestein Axel Prahl einen kleinen Auftritt zu verpassen. Er mimt den Dorfkneipier, der sich in Suff-Laune in eine Frank-Zappa-Ekstase hinsteigert, womit die Jungs überhaupt nichts anfangen können. Und als er dann noch halb besoffen singt: »Der schönste Hund im Rudel ist der Pudel« — nehmen sie schnell die Beine in die Hand. Mit den Erwachsenen können sie nicht viel anfangen und als die Band, die bis auf zwei katastrophale Provinz-Auftritte nie gespielt hat, auseinanderbricht, hat Roddy niemanden mehr, dem er sein jugendliches Leid klagen kann. Die Kommunikation mit der Mutter beschränkt sich auf »Wo warst Du?«, »Nimmst Du Drogen?« — »Was geht dich das an?«, und der Dorfkneipier rennt seinerseits schnell weg, als Roddy ausholt, um von seinen Problemen zu erzählen. Jugendlicher sein, heißt nämlich, trotz ständigem Rumhängen mit seinen Freunden, auch viel Alleinsein.

DORFPUNKS ist ein etwas langweiliger Stoff, den ich mir aus eigenen Stücken nie angesehen hätte. Lars Jessen holt da trotzdem ziemlich viel heraus. Ein ganz ansehnlicher Film über Pubertäts-Leiden und -Peinlichkeiten sowie Freundschaft.

Läuft nicht mehr auf der Berlinale.
Deutscher Kinostart: 23.4.2009

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