FILMKRITIK: Double Tide (Forum) — Zwei Einstellungen und eine Muschelsammlerin

Regie: Sharon Lockhart
USA/Osterreich 2009
99 Minuten

 

Der ungefähre Bildausschnitt von DOUBLE TIDE (Foto: Berlinale)

 

Als ich mir die Karte für diese Vorstellung holte, meinte Holger: „Du weißt schon auf was du dich da einlässt? Du musst einer Muschelsammlerin 99 Minuten bei der Arbeit zu sehen.“ – „Kein Problem – ich liebe muschelnsammeln!“

Ich wusste allerdings nicht, dass dieser 99-Minuten-Film aus nur zwei Einstellungen besteht, die sich nur zeitlich unterscheiden. DOUBLE TIDE zeigt den gleichen Bildausschnitt (siehe oben): einmal morgens, einmal abends. Dann geht nämlich die Muschelsammlerin für jeweils 45 Minuten ins Watt, wühlt im Schlamm und sammelt die Muscheln in ein Eimerchen. Die Schwarz-Weiß-Einstellung im 4:3-HD-Format beginnt im Morgennebel. Die Muschelsammlerin kommt ins Bild und zieht eine Art Mini-Boot hinter sich her. Dann bückt sie sich, greift mit dem halben Unterarm in den Schlamm, erfasst eine Muschel – wir bekommen nicht eine vors Gesicht (wie auch, dafür wäre ein Schnitt erforderlich) – rüttelt, damit sich der Sandschlamm etwas lockert und sie die Muschel herausziehen kann, packt sie dann in das Eimerchen. Dabei entfernt sie sich von ihrem Miniboot und der Kamera immer weiter, bis sie nur noch als entfernter Punkt erkennbar ist. Das ist die Handlung. Da ich nicht weiß, dass DOUBLE TIDE aus nur zwei Einstellungen besteht, sage ich mir: Mal sehen, wie lange diese Einstellung noch dauert. Irgendwann muss sie ja mal aus dem Bild laufen. Der Wald links ist schemenhaft zu erkennen. Man sieht das Watt im Vordergrund und die Muschelsammlerin – alles andere versinkt im Nebel. Nach einer gefühlten Zeit von zehn Minuten verlässt der erste Zuschauer den Saal. Das geht dann ungefähr 20–30 Minuten so weiter – dann ist erst mal Ruhe. Inzwischen denke ich mir: Der Schnitt kommt bestimmt doch nicht so schnell. Ich komme mir albern vor, dass ich mir das angucke. Dann freue ich mich, dass ich einen Experimentalfilm erwischt habe. Vielleicht kann ich Holgers James Benning mit seinen zehn Einstellungen auf 100 Minuten mit DOUBLE TIDE übertreffen. Inzwischen schweife ich ab, überlege wie teuer wohl ein BVG-Ticket für drei Tage sein mag oder ob ich die letzten Berlinale-Tage doch mit dem Fahrrad fahren sollte. Andererseits sind meine Augen immer noch vereitert – wie sich heute herausstellte – ich müsste sie eigentlich windtechnisch schonen.
Auf dem Screen vor mir hat sich nicht viel verändert. Die Muschelsammlerin ist fleißig bei der Arbeit, während ich faul im Kinosessel lümmle. Vögel sind zu hören, alle paar Minuten nervt ein Nebelhorn. Neben mir wird getuschelt und gekichert. Ich muss auch grinsen: Wenn DOUBLE TIDE ein Bildschirmschoner wäre, würde ich ihm einen Preis verleihen. Tatsächlich ist nämlich kein Bild (= 23,98tel Sekunde) wie das andere. Plötzlich erkenne ich, dass der Film gar nicht Schwarz-Weiß ist, sondern in Farbe. Der Nebel, der sich nun zu lichten scheint, lässt am linken Waldrand erste Farbflecken durchschimmern. Und jetzt kommt Action in die Szene: Der Nebel lichtet sich tatsächlich! Er gibt den Blick immer mehr frei. Am Horizont haben inzwischen Punkte meine Aufmerksamkeit geweckt. Sind das Menschen? Bewegen die sich? Ich starre konzentriert auf den Screen. Tatsächlich, die bewegen sich. Sie vollführen die gleiche Bewegung wie unsere Muschelsammlerin. Andere Muschelsammler. Inzwischen hat sich der Nebel gänzlich verzogen. Flugzeuglärm ist zu hören. Die Muschelsammlerin ist inzwischen nur noch ein Punkt, weit entfernt. Und dann…Cut! Schwarzer Screen! Wow! Ein Raunen geht durch die Zuschauerreihen, als wäre der Schnitt soeben erfunden worden. Dann: gleiche Einstellung. Vom Licht her nun offenbar Abend. Es ist wieder dämmrig, aber irgendwie anders. Es schwirren mehr Insekten vor der Kamera herum. Gefühlte Zeit: ca. 30 Minuten. Ich schweife wieder ab. Denke an die noch kommenden Filme und, dass es gar nicht mehr so viele sind. Inzwischen bewegen sich die Zuschauer umgekehrt – es kommen ein paar Leute von draußen rein und setzen sich in den Saal. Jetzt grinsen die vor mir. Und ich grinse, weil ich mir Folgendes vorstelle: Wenn jemand Bekanntes neben mir sitzen wurde, wurde ich jetzt aufs Klo gehen und ihm vorher zu flüstern: „Erzähl mir dann was passiert ist!“ Die Muschelsammlerin sammelt und sammelt fleißig. Die Sonne geht unter und es wird langsam Abend. Wieder entfernt sie sich immer weiter von der Kamera. Plötzlich sehe ich einen Vogel rechts. Er steht da ewig rum. Dann schweife ich wieder ab und als ich mich erneut auf den Vogel konzentriere, merke ich, dass er inzwischen weiter nach links gewandert ist. Die Muschelsammlerin ist wieder nur ein Punkt, kommt dann aber zu ihrem Miniboot, säubert alles. Dann: Cut und Abspann!
Verblüffung! Gefühlte Zeit: ca. 50 Min. Real vergangene Zeit: 99 Min. Yes: Zwei Einstellungen! Yes: Ich habe Holger um acht Einstellungen weniger übertroffen! Yes: Ich habe endlich einen richtigen Experimentalfilm gesehen! Als im Abspann „Editor: May Rigler“ auftaucht: Gelächter. Das ist der vierte Film von Sharon Lockhart zum Thema Arbeit.

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