Persönliche Buchkritik. Georg Seeßlens: Quentin Tarantino gegen die Nazis und mein Tarantino, Teil 1

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Seeßlen, der sich gern als einen postmodernen Kritiker des postmodernen Kinos sieht, kann es mal wieder nicht lassen und gibt seinen Senf zum neuesten Trash von Tarantino dazu. Ich lese ganz gerne mal Texte von Seeßlen und hatte eigentlich gar keinen Bock mehr auf diesen Tarantino-Hype. Jetzt kommt dieser INGLOURIOUS BASTERDS heraus – da kommt man wohl nicht wirklich drum rum. Also probiere ist es noch mal. Eine Buchkritik, Teil 1.

Das erste Kapitel:

Der Untertitel »Alles über Inglourious Basterds« ist irgendwie ebenfalls trashig und verweist schon mal darauf, was das 176-seitige Bändchen nicht sein will: Es ist keine wissenschaftliche Abhandlung über Tarantino. Und so beginnt das erste Kapitel auch recht essayistisch und etwas sperrig. Seeßlen prägt für die Tarantino-Filme den Begriff des »Bastard-Kinos«, welcher vor allem Tarantinos Verhältnis zu seinen Kinovorbildern beschreibt.

Aufgewachsen in der unteren Mittelschicht, mit zwei Jahren von einer Halbblut-Mutter allein großgezogen, verbrachte der nach einer Figur aus »Rauchende Colts« benannte Teenager seine Kindheit mit europäischen und asiatischen Trashfilmen. Dies sind aber laut Seeßlen nicht die filmischen Vorbilder, denen Tarantino unhinterfragten Respekt zolle, sondern diesen B-Movies (= »verschwundenen Väter«) stehe der Kultregisseur in einer Mischung aus »Missachtung und Sehnsucht« gegenüber und zitiere sie obsessiv und in maßloser Übertreibung. Der Bastard (oder die Bastarde) sei aber auch der Protagonist in Tarantinos Filmen: Nach eigenen Gesetzen lebend, ohne Identität, getrieben von Rache. Rache an den Menschen, die, das Bild d e r Familie zerstört haben. Die Dialoge bezeichnet Seeßlen als »brillant«, die den Fluss des Plots eher hemmen, als vorantreiben.

Seeßlen lässt Tarantinos Filmkarriere Revue passieren, gelangt dann zur Vorgeschichte von INGLOURIOUS BASTERDS: Tarantino widmet sich nun erstmalig einem historischen Stoff: dem zweiten Weltkrieg. Dabei geht Seeßlen knapp auf verschiedene Kriegsfilme, hauptsächlich die Mainstreamfilme der letzten Jahre wie THE THIN RED LINE, FLAG OF OUR FATHERS und SAVING PRIVATE RYAN ein und beschreibt deren Sichtweise.
Über die komisch-grotesken Nazi-Komödien schreibt Seeßlen treffend:
» […den Widerspruch, dass Hitler, nach allem wie man ihn mit den Mitteln der Pop-Kultur abbilden kann, nur zu einer grotesk-komische Gestalt taugt […] (und), dass dieses Volk […] von grausam-kindischen Krautz in der Lage war, den >Zivilisationsbruch Ausschwitz zu begehen […], konnten diese […-]kriegsfilme nicht auflösen«. Die Intention Seeßlens im ersten Kapitel beruht auf alle Fälle darauf, Tarantino als einen verkappten, größtenteils noch unerkannten postmodernen Autorenfilmer zu definieren, der sich zwar auch gekonnt als quer (meinetwegen auch bastardisch) vermarktet — und wie er sich erfolgreich mit INGLOURIOUS BASTERDS vermarktet, beschreibt Seeßlen ausführlich (diese ganze Gerüchteküche monatelang vorher, die Geschichte mit dem Drehbuch im Internet usw.) — der es aber auch trotzdem drauf hat, etwas Neues, Kluges zu fabrizieren. Tarantino ist zwar in aller Munde; trotzdem sind die Kritiker noch gespalten: Die einen, die sich gern als »modern« oder »postmodern« sehen, versuchen ihn zu hypen, die andern reagieren eher vorsichtig. Schließlich zitiert Tarantino hauptsächlich europäisches »Schundkino«: »Schöner Stuss das Meiste, eine Fließbandproduktion, die darauf reagiert hatte, dass der B-Film-Nachschub aus der Traumfabrik Hollywood ausblieb« (Seeßlen). Auf der anderen Seite: »So wie es in der Musik Leute gibt, die das absolute Gehör haben, so kann man jemandem wie Quentin Tarantino einen >absoluten Blick zuschreiben. Er erkennt das Bild, die Szene, die Aura, die Geste, die Entstellung, den Schnitt, der aus einem gewaltigen Rauschen des trivialen und seriellen Produzierens von audiovisueller Massenware herausragt […]« (Seeßlen). Diese Huldigung, dieser Hype, dieses »absolut« kommen mir schon etwas suspekt vor. Jetzt mal Cut. Mein Tarantino: Irgendwann hab ich mir aus der Videothek PULP FICTION ausgeliehen, ohne irgendwelche Vorkenntnisse (ich war noch kein Cineast!). Die Anfangsszene fand ich so genial, dass ich den Film erstmal gar nicht weiter gesehen habe. Ich habe ´zig mal das Tape vorgespult und mir die Einstiegsszene erneut angesehen. Das ging eine Weile so. Dann habe ich meinen Freund angerufen und gesagt, das musst du sehen. Dann haben wir gemeinsam den Film zu Ende geguckt. Und dann zitierten wir wochenlang nur noch diesen Film. Er war einfach unerreichbar und ein paar andere sagten, man muss sich auch noch RESERVOIR DOGS ansehen – den Film fand ich ganz o.k. Silvester habe ich diesen Hotel-Film gesehen – Tarantinos Episode (die ich inzwischen schon von anderen erzählt bekommen hatte) war die Beste. Dann kam FROM DUSK TILL DOWN von Rodriguez. Der Anfang war ganz Tarantino und dann kam diese Vampire-Story. Mit Genrefilmen konnte ich damals noch gar nichts anfangen – ich dachte nur, was ist das für ein Blödsinn. Dann kam JACKIE BROWN (ich war immer noch kein Cineast, wusste nur, dass sämtliche Kritiker darauf abfuhren) und dachte mir, dass kann unmöglich derselbe Typ gedreht haben, der diesen genialen PULP FICTION gedreht hatte. Ich hab JACKIE BROWN seitdem nicht wieder gesehen, weil ich ihn damals enttäuschend fand. Ich wollte eine Fortsetzung von PULP FICTION sehen. Dann gab es eine längere Pause. Ich fand eher Filme wie TRUE ROMANCE und KILLING ZOE genial, ohne zu wissen, dass Tarantino daran beteiligt war. Wahrscheinlich habe ich damit die Vorliebe für das Genre-Kino entwickelt. NATURAL BORN KILLERS hingegen fand ich total daneben. Tarantino habe ich erst wieder wahrgenommen, als KILL BILL rauskam. Aber da war ich schon mitten in meinem Filmwissenschaftsstudium. Und natürlich interessierten mich die Wurzeln. Tarantinos KILL BILL fand ich nicht gut. Ich fand ihn zu aufgemotzt. Edeltrash. Zu viel von allem. Das Original von Toshiya Fujita empfand ich von der Story her als wesentlich intensiver, während bei Tarantino der Plot irgendwie in einem einzigen Bilderrauschen und in den Kulissen unterging. Seitdem habe ich den Zugang zu Tarantino verloren und hatte schon einige Diskussionen deswegen. Es gibt eine Menge Tarantino-Anhänger. Ich bin kein Freund von Italo-Trash. Corbucci empfinde ich als scheußlich. Leone ist für mich schon kein Trash mehr, sondern Klassiker. Klar sind die Story dünn und bei ihm ist auch alles reine Ästhetik — aber bei weitem nicht so aufgemotzt wie bei Tarantino. Tarantino war für mich nie der visuelle Künstler, sondern eher einer der Dialoge.Um wieder auf Seeßlen zurückzukommen: Im zweiten Kapitel analysiert Seeßlen haarklein den Film und ohne ihn mir anzusehen, will ich darüber nicht schreiben. Deshalb werde ich mir morgen wohl seit langem mal wieder einen Tarantino ansehen müssen.

Fortsetzung folgt!

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