Persönliche Buchkritik. Georg Seeßlens: Quentin Tarantino gegen die Nazis und mein Tarantino, Teil 2/3

»Der Bärenjude«

INGLOURIOUS BASTERDS gesehen. Na upa! Nachdem ich mir keinerlei Kritiken durchgelesen hatte, war ich absolut platt: Das war ja gar kein Naziploitation-Film, wie der Trailer nahelegt, auch kein Edeltrash. Das war ja mein Pulp Fiction Nr. 2 auf den ich 15 Jahre lang warten musste: Tolle Dialoge, ultraspannende Story, glänzende Schauspielerleistungen und irgendwie cool. Tarantino behandelt diesen Stoff, mit dem sich alle extrem schwer tun (ganz schlimm die Deutschen), mit einer begnadeten Leichtigkeit, ohne aber das Thema zu verharmlosen, die Nazis lächerlich zu machen, und macht daraus eine komische und extrem spannende Geschichte mit tollen Dialogen. Der Film des Jahres – ohne Witz!

Jetzt aber zurück zu Seeßlen. Im Kapitel »A Lot of Plot« erzählt Seeßlen auf 60 Seiten den Film nach und analysiert ihn – mal überzeugend, mal weniger, mal ist es einfach und einleuchtend, mal sind die Verweise relativ komplex. Hier mal drei Beispiele:

1.) Bei den Nazis geht das Gerücht um, dass unter den Bastarden ein »Bärenjude« sei. Einer erzählt sein Erlebnis mit dem »Ungeheuer«. Rückblende: Er ist mit seinen Kameraden im Wald; plötzlich sind sie von Bastarden umstellt. Dialoge, Drohungen, etc. Dann: Kurz bevor der »Bärenjude« aus seiner Höhle tritt, um den Anführer zu töten, zeigt die Kamera im Schuß-Gegenschußverfahren abwechselnd Höhleneingang und das Gesicht des deutschen Anführers, der zermalmt werden soll. Typischer Horrorfilm-Stil. (Ich glaube beim Cut auf die Höhle gibt es auch noch eine Kamerafahrt.) Wie auch immer: Der Gag: Es kommt nur Eli Roth heraus, der ziemlich normal menschlich und klein aussieht. Eli Roth ist Horror-Filmregisseur (»Hostel«) und diese Szene wie eine Horrorfilmszene zu drehen, schien naheliegend.

Zusatz: Seeßlen schreibt jetzt auch noch, dass diese Szene in Cannes nicht so gut ankam, weil ja nichts passierte. Im Horrorfilm passiert aber auch häufig nichts. — Erinnerte mich aber eher an eine Szene aus Monty Pythons »Ritter der Kokosnuss«: Das Ungeheuer vor dem sich alle fürchteten war ein harmlos aussehendes weißes Kaninchen, welches dann aber doch mit seinen Beißerchen mächtig zu hauen konnte (in dem es sich auf sein menschliches Opfer stürzte und es auffraß). Wie Eli Roth mit seinem Baseballschläger. Aber ich muss den Cannes-Kritikern irgendwie Recht geben: Bei Tarantino funktioniert der Witz irgendwie nicht so. Egal. Ausschweifungen. Nächste Analyse.

2.) »Bar« heißt auf hebräisch »Sohn« und »bat« heißt »Tochter« und da Eli Roth mit einem Baseballschläger (engl. »bat«) tötet, könnte der »Bärenjude« mit seinem Schläger auch für die rächenden Kinder Israels stehen. Na, ja — das ist für mich Kaffeesatzleserei.

3.) Andererseits hat Tarantino offensichtlich auch absichtlich einige komplizierte Fährten gelegt – wahrscheinlich in der Hoffnung, dass die Kritiker wie Detektive danach recherchieren: In einer Szene, die in England spielt, fragt Churchill, einen Kenner des deutschen Kinos: »Goebbels will also Leute wie Louis B. Mayer mit den eigenen Waffen schlagen?« – »Goebbels sieht sich eher wie ein David O. Selznick.« Nun schlägt die Stunde für Seeßlen. Er hat seine Hausaufgaben gemacht und befördert – Analyse hin oder her – eine unheimlich interessante, etwas komplizierte Background-Story über die Juden in Hollywood zu Tage: Der jüdische Drehbuchautor Ben Hecht protestierte gegen die »amerikanisierten Juden« (solche wie Louis B. Mayer, ja genau der aus Metro-Goldwyn-Mayer), die ihre Macht, die sie in Hollywood besaßen, nicht für das Schicksal der Juden in Europa einsetzten. Sie seien so »amerikanisiert«, dass sie sich nicht mehr als Juden, sondern als Amerikaner betrachten würden. In der Tat: Mayer wollte nur die »gesunde Unterhaltung« für das amerikanische Volk. Ben Hecht schrieb also einen Artikel gegen diese »amerikanisierten Juden« und bekam u. a. Unterstützung von einem gewissen Peter Bergson, der eben jene Idee verfolgte, die Tarantino mit seinen INGLOURIOUS BASTERDS umsetzte: Er wollte eine speziell »jüdische« Truppe gründen, die nicht der Befehlsgewalt der amerikanischen Armee unterstellt war.
Von Selznick gibt es eine überlieferte Anekdote, dass dieser zunächst eine Benefiz-Veranstaltung von Hecht zugunsten einer jüdischen »Basterd-Gruppe« in Europa nicht unterstützen wollte, dann aber aufgrund einer Wette doch spendete usw.

In diesem Misch-Masch-Stil findet Seeßlen ›zig Verweise auf die Historie, auf das italiensche Exploitation-Kino, auf den Italo-Western, auf Ami-Western, auf Nazi-Filme, auf Schauspieler.… Außerdem analysiert er auch geschnittene Szenen, die abhebend grau gedruckt wurden. Das liest sich alles sehr interessant und mag auch irgendwie stimmen, nur wissenschaftlichen Kriterien hält das natürlich nicht stand – da keinerlei Quellen benannt werden und keinerlei Reflektion über das Quellenmaterial stattfindet. Dafür wird das ganze natürlich umso unterhaltsamer, aber nicht gerade glaubwürdiger.

Weiter bin ich noch nicht gekommen. Liegt jetzt nicht an der Lektüre, sondern an meinem etwas anstrengenden Arbeitsalltag. Morgen sehe ich mir INGLOURIOUS BASTERDS noch mal an und dann lese ich Seeßlen zu Ende. Dritter Teil folgt dann hoffentlich bald.

Jetzt noch mal ein kurzer Exkurs: Tarantino als Autorenfilmer (siehe Teil 1): Wie auch immer man diesen antiquierten Begriff definieren will — Seeßlen tut es nicht — hier die simple, vereinfachte Blogdefinition: Autorenfilme = intellektuell, innovativ, mit einer Idee dahinter, die nicht vom Geld-scheffeln getrieben wird vs. Unterhaltungskino = billiger Schrott, x-te Fortsetzung vom Erprobten, Kohle (!), Zielpublikumsansteuerung, alte Soße, die einem verdummten (zahlendem) Massenpublikum vorgesetzt wird.

Ich kann — angesichts von I.B. — nachvollziehen, warum es den Filmkritikern schwer fällt, Tarantino einzuordnen. Er ist Querschläger. Meine Ansicht: Handwerklich perfekt. Kennt das Kino, kann damit gut rumjonglieren. Benutzt dafür nicht den bewerten Mainstream, sondern das Gegenteil: Trash, Exploitation, Western. Er ist sozusagen der Mainstream-Trash-Filmer, weil er die besten Teile des Undergrounds verwertet. Er ist Handwerker. Bastelt verschiedene Stücke aus unterschiedlichen Genres zu einer eigenen, funktionierenden (!) Story neu zusammen. Bei Tarantino ist das aber Talent (Riecher) — keine verkopfte Auseinandersetzung. Er ist einfach kein Intellektueller, der sich mit irgendwas auseinandersetzen will: Kinosprache, Themen etc. Auch wenn er Univorlesungen zum 2. Weltkrieg besucht hat und irgendwelche aufgeschnappten Thesen und Namen eingestreut, um die Kritiker zu begeistern. Das ist alles nur Show und PR.

Er ist einfach einfach nicht der Typ dafür, sondern einer, der sein ganzes Leben nichts anderes gemacht hat, als sich Filme anzusehen. Dabei hat er ziemlich gut kapiert, wie sie funktionieren. Er hat sich das Beste zusammengesucht und neu zusammenmontiert. Nichts weiter.

Teil 3 in Kürze.

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