Elementarteilchen (Wettbewerb) — Roehler verfilmt sein Kindheitstrauma

Regie: Oskar Roehler
Deutschland: 2006
105 Minuten
19.2. 23.30 Uhr, Urania
Deutscher Kinostart: 23.2.06

Sehenswerte Neuinterpretation eines Skandalstoffes. Roehler ist von Houellebecqs morbiden Nihilismus, mit dem dieser unsere Gesellschaft analysiert, weit entfernt. Und es ist sein gutes Recht! Roehler verschiebt die Akzente und kritisiert die Elterngeneration, die 68er.


Ging es dem französischen Autor vor allem darum, die pathologische Kraft der Individualisierungstendenz hervorzustreichen, kritisiert Roehler die Elterngeneration: „Genau wie Houellebecq machen Sie den libertinären Lebensstil Ihrer Mutter für Ihre Beziehungs- und Liebesunfähigkeit verantwortlich?«, fragt Nicodemus im Zeit-Interview. »Absolut. Genau das werfe ich meiner Mutter vor«, so Roehler.

Houellebecq, der aus der gleichen Generation wie der Regisseur stammt, erhebt ebenfalls diesen Vorwurf, verallgemeinert ihn aber. Das Im-Stich-Lassen der beiden Söhne und Halbbrüder Bruno und Michel ist nur ein Beispiel für die sozialen Entwicklungen in der Moderne. Durch das Zusammenbrechen von gemeinschaftlichen Werten und Institutionen, allen voran Ehe und Familie, ist bei Houellebecq das Individuum auf sich und seine (sexuellen) Triebe fixiert – der Fall Bruno. Oder aber, es empfindet gar nichts mehr, betrachtet die Welt wie aus einem Glashaus – der Fall Michel. In der Verfilmung betrifft dies vor allem eine bestimmte Generation, die Kinder der 68er in Deutschland, die lebenslänglich gebrandmarkt ist, nur verkrüppelte Beziehungen eingehen zu können.

Brunos (Moritz Bleibtreu) und Michels (Christian Ulmen) Hippiemutter Jane ist unfähig, auf die Gefühle der Pubertierenden Rücksicht zu nehmen: „Nimmst Du schon die Pille?. Das ist wichtig für eine freie sexuelle Entwicklung«, fragt sie naiv die junge Freundin von Michael, Annabelle (Jelena Weber), im Beisein der jugendlichen Halbbrüder. Auf die naheliegende Idee, dass dies für die Jugendlichen, die noch nicht so weit sind, peinlich sein könnte, kommt sie nicht. Dann wackelt sie wieder für Jahre von dannen – in ihre Hippiekommune, irgendwo auf der Welt.

Aber es sind nicht nur die Hippie-Eltern, die in der Verfilmung angeklagt werden, sondern auch die konservativen: In einer Szene sitzt die erwachsene Annabelle (Franka Potente) mit Michael auf einem Zaun und sie schauen hinab auf den friedlichen Garten, in dem Annabelles Eltern harmonisch wuseln. So lange leben sie schon zusammen und es hat niemals Streit gegeben zwischen ihnen: Die Frau hat den Haushalt besorgt und der Mann den Lebensunterhalt. Sie hatten kein ein anderes Ziel als ein geregeltes Familienleben – und es hat funktioniert. Wie dies in Szene gesetzt ist, sieht es so aus, als schauten Annabelle und Michael auf eine andere Welt, ohne Abscheu, vielleicht mit Wehmut. Es ist eine der gelungensten Szenen des Films.

Auch Annabelle ist ein Gefühlskrüppel, dem es nicht gelungen ist, einen Partner fürs Leben zu finden. Am Ende erkrankt sie an Gebärmutterkrebs, so dass ihr Fortpflanzungsorgan entfernt werden muss. Bruno gelingt es, sich von seinen pädophilen Fixierungen zu lösen, und Christiane (Martina Gedeck) zu lieben. Doch auch Christiane hat ein körperliches Leiden, erkrankt daran und stürzt sich vom Balkon.

Man kann die körperlichen Verkrüppelungen der Frauen als Metapher für den Verfall des weiblichen Körpers im Alter lesen. Die beiden Halbbrüder sind seelische Krüppel, denen es an Mutterliebe fehlte. Am Ende sehen wir doch noch ein »Happy End«, welches freilich im Rahmen seiner Möglichkeiten bleibt. Dass Houellebecqs Buch zu einem berühmten Skandalroman wurde, ist nicht verwunderlich. Als Literat ist er brillant, seine Thesen sind im höchstem Maße streitbar. »Elementarteilchen« ist nicht frauenfeindlich, sondern eher als eine Absage an die Sexualität im allgemeinen zu verstehen. Die Geschichte um die beiden Halbbrüder wird verallgemeinert und in die Sozialgeschichte der Moderne eingebettet. Demnach sind alle alternden Männer, egal ob hetero- oder homosexuell, pädophil. Die alternden Frauen kranken daran, dass sie körperlich nicht mehr geliebt werden. Die ökonomische Notwendigkeit der Ehe gibt es nicht mehr, also dreht sich alles nur noch um Sexualität – die Houellebecq am liebsten abschaffen würde.

Es ist eine Sichtweise, die auf den menschlichen Trieb beschränkt bleibt und den darauf Menschen reduziert. Roehler formt dies um, indem er das Sittenbild einer Generation zeichnet und indem er die Beziehung in den Vordergrund stellt. Gelungene Auseinandersetzung mit dem Stoff.

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