WENDY AND LUCY

Regie: Kelly Reichardt

USA 2008
80 Minuten
DVD-Verleih: Filmgalerie 451, OmU
Wendy will mit ihrer Hündin Lucy nach Alaska fahren, aber sie stranden in einer kleinen Stadt in Oregon. Erst springt das Auto nicht mehr an, dann verschwindet auch noch Lucy. Alaska, wo das Mädchen einen Job zu finden hofft, scheint nun unerreichbar.  Minimalis-tische Filme können nerv-tötend langweilig sein oder aber faszinierend – so wie dieser. Eine Filmanalyse.

Box-Office-Analyse (Quelle Zahlen: imdb)

 Das geschätzte Budget des Films betrug 200.000 Dollar und bis April 2009 spielte WENDY AND LUCY in den USA 854.942 Dollar ein, also mehr als das Vierfache. Das ist ein ganz gutes Ergebnis für einen minimalistischen Arthouse-Film, bedenkt man, dass der Film mit nur zwei Kopien startete und es immerhin auf 40 brachte. Der Erfolg beruht also auf Mundpropaganda und Medienrezeption. Das macht WENDY AND LUCY für eine dramaturgische Analyse interessanter und aussagekräftiger als Filme, die mit vielen Kopien starten und durch geschickte Marketing-Kampagnen gleich am ersten Wochenende die höchsten Ergebnisse einfahren. Misslungene Filme, die sich in erster Linie über Mundpropaganda vermarkten müssen, floppen in der Regel. WENDY AND LUCY lief auch auf verschiedenen Festivals, darunter dem A-Festival Cannes und erhielt einige Preise.

Konzept: Minimalismus

 Der Film beschränkt sich auf sehr minimalistische Mittel. Wenige Orte: Innenraum Auto, Supermarkt innen und außen, Tierheim, Toilette einer Tankstelle, Auto-Werkstatt, ein Cafe, Bahnhofsvorplatz, der Wald und die Schienen. Ebenso tauchen nur wenige Nebenfiguren auf. Die Dialoge sind ebenfalls auf das Nötigste beschränkt.

Die Story

 Exposition: Die Reise

Harmonie pur in der Natur: Wendy spielt mit Lucy.

Ausgangssituation und Ziel der Hauptfigur Wendy (Michelle Williams) werden in der relativ langen Exposition deutlich. Wendy ist allein mit ihrem Hund unterwegs und auf der Durchreise nach Alaska, um dort einen Job zu finden. Ein paar jugendliche Hobos am Lagerfeuer geben ihr Tipps, wo man dort am besten Geld verdienen kann.

Enges Budget für Wendy

Die nächste Szene zeigt, wie sorgfältig Wendy alles geplant hat. Nachts im Auto fährt sie mit dem Finger die Karte Richtung Norden ab, bis zu dem Punkt, an dem sie die USA verlassen will und mit den Northwest Ferries weiterreisen muss. Sie zählt noch 525 Dollar, die sie in ihr Ausgabenheft notiert. Jede Ausgabe auf der Reise ist dort genau verzeichnet. Damit ist angedeutet, wie eng der finanzielle Spielraum für Wendy ist. Man stellt sich die Frage: Wird sie es bis nach Alaska schaffen? Am Morgen wird Wendy vom Bahnhofsplatz verscheucht, weil dies Privatgelände ist. Das Auto springt nicht an. Der Wachmann hilft ihr den Wagen auf die Straße zu schieben. Wendy versucht den Honda noch mal zu starten – ohne Erfolg.

Ein Missgeschick jagt das Nächste

 Das Futter für Lucy geht aus. Die Werkstatt ist geschlossen. Das Sammeln von Dosen bringt zu wenig Geld ein, so dass Wendy sie an die Obdachlosen verschenkt. Im Supermarkt stiehlt sie zwei Dosen Hundefutter und wird prompt erwischt. Lucy versucht sich herauszureden, doch die Ladenbesitzer rufen die Polizei – „So sind die Regeln.“ Wendy wird festgenommen, erkennungsdienstlich behandelt, mehrere Stunden sitzengelassen und 50 Dollar werden ihr als Strafe auch noch abgeknöpft. Dann kann sie endlich zu Lucy eilen, doch der Hund ist nicht mehr vor dem Supermarkt…

Plot-Point: Auf der Suche nach Lucy
Lucy ist nicht mehr da.

Bisher hat Wendy tapfer alle Missgeschicke geschluckt. Doch der vermisste Hund reist ihr den Boden unter den Füssen weg. Von nun an konzentriert sich alles auf die Suche nach Lucy. Sie geht alle Orte ab – ohne Erfolg. Ihre Schwester und ihr Typ, mit beiden telefoniert sie kurz aus einer Zelle, zeigen wenig Anteilnahme. Der Wachmann vom Morgen rät ihr, im Tierheim zu suchen. Doch das habe jetzt schon zu. Sie schläft allein im Wagen; nachts laufen zwei männliche Teenager vorbei (man hört nur ihre Stimmen). Sie unterhalten sich über Cheerleader und stellen erschreckt fest: Da liegt ja eine Frau im Wagen!

Das Tierheim: Etablierung des Wendy-Themas 

Die Tierheim-Szene ist mit insgesamt vier Minuten verhältnismäßig lang. Die Regisseurin Kelly Reichardt zerlegt alle Sequenzen – sie haben eine durchschnittliche Länge von 1:00 bis 1:30 – in relativ viele Einstellungen. Die Tierheim-Szene ragt deshalb heraus, weil im Mittelpunkt eine einzige lange Kamerafahrt entlang der Tierkäfige steht (mit einem kurzen Zwischenschnitt auf Wendy), Dauer 1:17. Diese traurige Einstellung zeigt Hunde allein in ihrem Zwinger. Diese formal hervorstechende Szene ist eine Allegorie für Wendys Situation. Sie ist allein auf sich gestellt. Sie ist einsam – im Kontrast zu ihr treten alle Nebenfiguren in Gruppen oder im Doppelpack auf (sogar der einsame Wachmann vom Bahnhofsvorplatz taucht in einer späteren Szene mit seiner Freundin auf). Wendy befindet sich in einer Zwangslage, wie in einem Käfig: Sie hat kein Geld, keinen festen Wohnsitz, keinen Job. Sie ist von Gott und der Welt verlassen sowie die Hunde von ihrem Herrchen. Niemand interessiert sich für ihr Schicksal (mit einer Ausnahme). In diesem Zusammenhang wird deutlich, welche Bedeutung Lucy für sie hat. Mit ihr scheint Wendy nun alles verloren zu haben. Die Hündin ist nicht im Heim, aber Wendy soll öfter anrufen und nachfragen. Sie füllt einen Bogen aus, kann aber keine feste Adresse und Telefonnummer angeben. Als Wendy wieder zurückkommt, ist die Autowerkstatt endlich offen. Der Besitzer telefoniert lange und beschimpft einen Kunden. Das weckt in Wendy wenig Vertrauen. Als er mit seinem Telefonat endlich fertig ist, bestätigt er zuerst den Preis, den Wendy sich erhofft hat. Aber er weiß ja noch gar nicht, ob diese Diagnose, die Wendy von irgendjemandem gehört hat, stimmt. Außerdem mochte er 50 Dollar für das Rüberschieben des Wagens zur Werkstatt. Ein Schlitzohr! Während Wendy den Wagen freiräumt, beobachtet sie der Wachmann.

Thema Nr. 2.: Die seelenlosen Kleinstadt-Zombies

Thema Nr. 2.: Die seelenlosen Kleinstadt-Zombies

Der jugendliche Supermarktangestellte, der Wendys Diebstahl bei seinem Chef anzeigt, begründet dies mit: So sind eben die Regeln. Der Polizeiangestellte entschuldigt sich dafür, dass er ein zweites Mal Fingerabdrucke nehmen muss, weil er mit der Maschine nicht klar kommt. Der Besitzer der Autowerkstatt ist von seinen Kunden genervt. Sie sind teilnahmslos an Wendys Schicksal. Einzige Ausnahme ist der Wachmann. Sein Job kommt ihm nutzlos vor, er beobachtet Wendy und hilft ihr mit Telefonmünzen aus, damit sie mit dem Tierheim telefonieren kann. Er bietet sich auch als Kontaktperson fürs Tierheim an. Sie reden auch über Jobs und dass es keine mehr gibt. Dann versucht er sie aufzumuntern, indem er ihr eine Geschichte erzählt, in der ein Hund einfach zurückgekommen ist. Eine Steigerung erfährt das Thema der seelenlosen Kleinstadt-Zombies bei Plotpoint Nr. 2.

Plotpoint Nr. 2: Wir sind verloren, Mann!“  Bedrohung im Wald

Da der Wagen nun in der Werkstatt ist, schläft Lucy nachts im Wald, in der Nähe der Gleise. Geweckt wird sie von einer männlichen, mittelalten Penner-Gestalt, die ihr gebietet, sie nicht anzuschauen. Sie liegt da in Todesangst. Die Kamera ist fast die ganze Zeit nur auf Wendys erstarrtes Gesicht gerichtet, das schwach ausgeleuchtet wird. Ansonsten: stockdunkel. Man kann formlich spüren, wie sie sich zu Stein verkrampft, während Herz und Atem rasen. Die ganze bedrohliche Szenerie wird durch die überdeutlichen Schienengeräusche der nächtlichen Güterzuge plastisch ins traumatische Erleben gesteigert. Eine Klasse-Szene! Das Gefluche und die Drohgebärden, die gleich auf sie hinunterprasseln, könnte das Gestammel eines Serienkillers kurz vor der Tat sein. In Wirklichkeit aber ist es die Reaktion auf die Stadt der seelenlosen Zombies. Aber das kann Wendy nicht wissen. Stoßweise bricht es aus dem Penner heraus: „Ich mag die Stadt nicht… Die verdammten Leute stören mich. Ich bin hier draußen…versuche ein guter Junge zu sein. Und sie lassen mich einfach nicht….Sie behandeln mich wie Dreck…Ich meine, sie können es riechen, wenn man schwach ist….Die sollten wissen, dass ich mehr als 700 Leute mit meinen bloßen Händen getötet habe…Wir sind verloren, Mann…Fuck…“

Bloß weg hier!

Nachdem der Penner verschwunden ist, rennt Wendy zurück in die Kleinstadt. Ins Tankstellenklo. Dort bekommt sie einen Atem- und Weinkrampf. Sie will sofort weg hier, sie muss etwas unternehmen, diese Situation beenden – doch die Werkstadt ist noch geschlossen und es ist noch dunkel. Der Wachmann hat seinen freien Tag, kommt aber mit seiner Freundin trotzdem vorbei, um Wendy mitzuteilen, dass das Tierheim angerufen hat. Wendy ruft sofort zurück und erfährt, dass Lucy von jemandem mitgenommen wurde. Gute Nachrichten! Der Wachmann steckt Wendy Geld zu – seine Freundin soll es nicht erfahren. Es sind sieben Dollar.

Klimax: Wiedersehen mit Lucy und Fortsetzung der Reise

 In der Autowerkstatt eine Hiobsbotschaft: Das Pleuel ist kaputt, eine Reparatur kostet mindestens 2000 Dollar. Wendy fährt mit dem Taxi zu der vom Tierheim angegebenen Vorstadt-Adresse. Der Mann, der Lucy mitgenommen hat, steigt gerade in einen Wagen und fährt davon. Im Garten, hinter einem Zaun, sitzt Lucy. Die gegenseitige Freude ist groß. Wendy steht noch halb unter Schock, da sie jetzt kein Auto mehr hat. Mitten im Stöckchenspiel beschließt Wendy, Lucy dort zu lassen – mit dem Versprechen, zurückzukommen, wenn sie Geld verdient hat. Sie entscheidet sich also für eine Weiterreise, die ohne Auto mit Lucy kaum stattfinden kann. Unter Tränen verabschiedet sie sich von der Hündin. Wendy läuft die Gleise entlang und springt dann auf einen anfahrenden Güterzug. Mit ihren letzten Habseligkeiten, die sie in zwei Säcken aufbewahrt, setzt sie ihre Reise fort. Mit einem Blick aus dem fahrenden Güterwagen auf die hereinbrechende Dunkelheit endet der Film.

Tränenreicher Abschied von Lucy.

Die Story funktioniert deshalb so gut, weil Wendy, obwohl sie schon sehr arm ist, sehr viel zu verlieren hat: Ihren Hund und den klapprigen Honda. Das Auto ist nicht nur ihr Fahrzeug, sondern auch ihr Zuhause. Lucy ist nicht nur eine Hündin, sondern treue Gefährtin, die ihr mentale Kraft in der Fremde gibt. Deshalb sind Hund und Auto nicht nur wertvoll, sondern geben ihr auch noch ein bisschen Unabhängigkeit. Beides wird sie verlieren. Es steht also sehr viel auf dem Spiel. Da sie aber stark ist, schafft sie es, sich aus dieser lähmenden und aussichtslosen Situation zu befreien. Allerdings nur unter großen Opfern. Sie muss illegal weiterreisen, ist nun wirklich obdachlos und vollkommen allein. WENDY AND LUCY zeigt, wie schnell man aus der Gesellschaft hinausschlittert, wenn man eh schon unten ist. In den üblichen, dramatischen Filmen beherrscht in der Regel der starke Charakter die Situation. Da dieser Film aber eher realistisch ist, wird Wendy vollkommen vom Umfeld und den Nebenfiguren determiniert. Eine kleine Geste, die Bereitschaft zu Kompromissen und die Fähigkeit zur Empathie von Supermarktangestellten, Polizei und Autowerkstattbesitzer hatten nicht zu dieser Katastrophe für Wendy führen müssen. Bedenkt man, dass für all diese Leute kaum etwas auf dem Spiel stand, so kann man den verrückten Penner und seine Wut auf die Leute aus der Stadt sehr gut nachvollziehen. Die Filmsprache korrespondiert vollkommen mit dem Plot und der Hauptfigur. Kurze, statische Einstellungen, Verzicht auf Off-Musik, knappe Dialoge.

 

 

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