FILMKRITIK: Exit through the Gift Shop (Außer Konkurrenz) — Was ist Kunst?

Regie: angeblich ein echter Banksy
GB 2010
86 Min

Nach dem Films fragte ich mich: Welche Teile dieser vergnüglichen Arthouse-Documentary über echte und falsche Kunst wohl gefakt und welche authentisch sind.

Die Story: Der in die USA immigrierte Thierry Guetta hat eine Obsession: Alles zu filmen, was ihm vor die Kamera kommt. Als ein Verwandter mit dem Künstlernamen Space-Invader damit beginnt, Space-Invader-Figuren (frühes Videospiel ab den End-70ern mit Pacman-Ästhetik; Wiki-Link) auf die Gebäude von Los Angeles zu kleben, filmt er auch das. Guetta findet Gefallen an der Streetartszene und begleitet – durch Space-Invader lernt er andere kennen – die Künstler auf nächtliche Streiftouren. Ihn reizt der Nervenkitzel des Illegalen. Die Streetartkünstler hingegen brauchen jemanden der ihre kurzlebigen Werke dokumentiert. Irgendwann genügt es Guetta nicht mehr, er will den ganz Großen: Banksy. Banksy ist ein britischer politisch- motivierter Kommunikationsguerillero, ein Aktionskünstler, der vor allem dadurch bekannt wurde, dass er seine Werke ungefragt in die berühmtesten Kunsthäuser der Welt, wie den Louvre oder die Tate Modern, hängte.

Banksy-Installation: Guantánamo-Häft-lingspuppe in Disneyland, September 2006.  

Eine reiche Kunstsammlerin erzählt, dass Banksy-Werke inzwischen genauso anerkannt seien, wie Werke von Paul Klee oder Andy Warhol. Zehn seiner Werke wurden 2007 in London für 546 000 Pfund (785.500 Euro) ersteigert. Und Gareth Williams, Experte für zeitgenössische Kunst beim Auktionshaus Bonhams, trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er sagt: Das Kuriose an der Karriere von Banksy seien nicht die hohen Preise, sondern, dass „ein selbsternannter Guerilla-Künstler inzwischen so uneingeschränkt von eben jenem Establishment umarmt wird, über das er sich lustig macht.“ (Quelle: Focus online, 25.10.2007) Aber um diesen Aspekt geht es in EXIT THROUGH THE GIFT SHOP nicht.

Guetta kommt mit Banksy in Kontakt und es entsteht die gleiche Symbiose zwischen dem Dokumentaristen und dem Künstler wie schon mit den anderen. Teilhabe an der Szene (Guetta) gegen Dokumentation (Banksy). Für Banksy hat der Filmsüchtige sogar noch eine viel mächtigere Funktion: Er soll nicht nur Banksys Kunst dokumentieren, sondern auch deren Schockwirkung, z. B. die Reaktion nach Installation der Guantánamo-Bay-Puppe in Disneyland. In den Interviews mit Banksy und den anderen Streetart-Künstlern, behaupten sie aber noch etwas anderes: Guetta lies sie die ganze Zeit in dem Glauben, dass er eine Dokumentation über Streetart drehe. In Wirklichkeit stellte sich aber heraus, dass Guetta nur ein Messie war, der gar nicht an einer Doku interessiert gewesen sei, sondern die Tapes alle nur sammle. Als er Banksy eine erste Fassung schickte, hatte dieser sofort erkannt, dass Guetta nur ein elender Stümper sei, der nicht die geringste Ahnung von Schnitt und Film habe. Daraufhin schmiedete Banksy den Plan, die Doku selbst zu beenden. Um ihn von seiner obsessiven Filmerei abzulenken, animierte Banksy Guetta, sich selbst in Streetart zu versuchen. Und Guetta legte los und stümperte in kürzester Zeit massenhaft „Kunstwerke“ zusammen. Mit angeblichen Erfolg.

Guetta lässt sich abbilden.

Er leierte einen großangelegten PR-Rummel an, unterstützt durch die Streetartszene (weil er sich dabei finanziell verausgabt hatte und das Geld wieder rein musste), organisierte eine Riesenkunstausstellung und verkaufte dort angeblich für viel Geld seine zusammengeschusterten Werke. Die Besucher standen Reihenweise an, in der Hoffnung, eines der 200-Gratis-Siebdrucke zu ergattern und bei einer neuen Entdeckung dabei zu sein. Soweit die Story.

Thierry Guetta ist natürlich ein Fake, eine Kunstfigur. Die Streetartkünstler sind authentisch. Was ändert das an der Aussage? Zunächst einmal: EXIT THROUGH THE GIFT SHOP ist vor allem ein Statement der Streetartszene: Unsere Kunst ist echt – Guettas „Kunst“ ist eine Kopie. Die Begründung: Ein Künstler muss eine eigene Idee, ein eigenes Konzept haben und jahrelang darin wachsen. Es ist die alte Theorie des sich selbstzerfleischenden Künstlers, der sich quält, um seine Idee, seinen Ausdruck in Materie umzusetzen. Der kommerzielle Erfolg ist dabei zweitrangig. Manche schaffen es, so wie Banksy, andere haben nie Erfolg. Das was zählt ist nur, schafft der Künstler es, sich auszudrücken. EXIT THROUGH THE GIFT SHOP führt uns also vergnüglich vor, was keine Kunst ist: Nämlich das was Guetta betreibt. Doch wenn wir in eine Galerie gehen, sehen wir auch nur den Output. Wie können wir dann Echtes von Falschem unterscheiden? Und es wird noch schwieriger. Haben Dramatiker, Schriftsteller, Maler, Musiker, Regisseure und die Subkreativen, Journalisten, Redakteure, Blogger nicht schon immer voneinander kopiert? Und hat Andy Warhol nicht genau das zur Kunst erhoben? Ist nur jeder, der sich ein Ohr abschneidet, ein Künstler? Die Antwort von EXIT THROUGH THE GIFT SHOP lautet: Ja. Ein Kunstwerk ist nur dann authentisch, wenn es durch eine eigene Idee inspiriert wurde. Kunst bezieht sich zwar immer aufeinander, darf also streckenweise auch kopieren, aber es sollte immer noch etwas Eigenes dahinterstehen. Und: Echte Kunst kann nicht jeder erkennen – wenn wir davon ausgehen, Guettas Ausstellung und der Hype um ihn durch das herbeieilende Straßenvolk war kein Fake. Also brauchen wir Kritiker, Sammler, Kenner, die die Werke studieren und erkennen: Tut hier jemand nur so, als habe er eine Idee – oder ist eine Linie, ein Konzept, eine Entwicklung erkennbar.

 

 

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2 Kommentare zu FILMKRITIK: Exit through the Gift Shop (Außer Konkurrenz) — Was ist Kunst?

  1. andrea sagt:

    Hallo Kleo, eine interessante Sicht auf den Film. Ich würds noch etwas anders sehen: Es geht schon um das Kunst-Establishment. Den Clou finde ich: Andere KünstlerInnen haben kopiert, mit der Intention, den Akt des Kopierens zu thematisieren. Oder sie haben eine Kloschüssel in eine Ausstellung gestellt, um genau die Frage »Was ist Kunst?« zu stellen. Guetta ist eine Figur, die irgendwie auch genau das macht, aber er meint es ernst. Er hat nicht selbst die Intention, den Kunstbetrieb zu hinterfragen. Noch was: Woher weisst du, dass die Person Guetta ein Fake ist?

  2. kleo sagt:

    Interneteinträge über Guetta existieren nur im Zusammenhang mit der Publicity zu EXIT THROUGH THE GIFT SHOP – im Gegensatz zu den anderen im Film. Wichtiger: Im Imdb-Eintrag wird er als die Hauptfigur nicht erwähnt. Das ist ungewöhnlich. Sie müssten doch eigentlich schreiben: „Thierry Guetta: himself” oder faken. Wenn sie s nicht tun, wollen sie nicht verraten, dass Thierry Guetta nicht von Thierry Guetta gespielt wird, damit er für viele echt bleibt. Außerdem: Die Erklärung seiner Kameraobsession (seines Messietums): Äußerst unglaubwürdig! Das alles führt zu dem Verdacht, dass dieser Typ einfach gar nicht existiert. Aber wie gesagt ist es eigentlich nicht wichtig. Wichtig ist: Was will der Film eigentlich? – Ist Kopieren nur dann Kunst, wenn ich gleichzeitig den Kunstbegriff reflektiere?

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