FANTASY FILMFEST 2009

In wenigen Tagen startet das Fantasy Filmfest zum 23. Mal in Berlin (18.8.) und Hamburg (19.8.), gefolgt von Köln, Frankfurt (26.8.) und Nürnberg (27.8.). Die Stuttgarter und Münchener Genrefans dürfen sich noch bis zum September (1./2.9.) vorfreuen. Das Programm besticht mal wieder durch ein weitgefächters Spektrum. Eine Filmauswahl.

FRESH BLOOD (Wettbewerb)/SPECIAL SCREENING

Zwölf Newcomer konkurrieren um den Fresh Blood Award.

Ein heißer Kandidat des vom Publikum vergebenen Preises ist Duncan Jones’ Science-Fiction-Thriller MOON: Nach dreijähriger Isolation auf einer Mondbasis darf Ingenieur Sam (Sam Rockwell) endlich wieder auf die Erde. Da die Funkverbindung zur Erde abbrach, ist Stationsroboter Gerty (Kevin Spaceys Stimme) Sams einziger Kontakt. Doch dann treten unerwartete Ereignisse ein, die Sams Rückkehr verhindern…

Statt VFX, kleine Miniaturmodelle vom Mond: MOON, FFF09

Jones Inspirationsquelle waren die Science-Fiction-Filme der späten 70er/frühen 80er, in denen Blue-Collar-Worker (Ripley aus »Alien«, Freeman Lowell aus »Silent Running«), als Helden gegen entmenschlichte Global Players antraten. Den Soundtrack schrieb Clint Mansell, der Composer von »Requiem for a Dream«. Fünf Millionen Dollar hat die Produktion gekostet. Klingt nach einer sympathischen Independent-Hommage, die zudem offenbar auch überzeugend ist: Preise auf zwei kleineren Festivals hat MOON bereits gewonnen.

In einer weiteren viel versprechenden Sci-Fi (SPECIAL SCREENING), produziert von Peter Jackson, leben außerirdische Flüchtlinge im Auffanglager DISTRICT 9 in Johannesburg. Sie verfügen über Waffentechnologien, die nur mit ihren Genen nutzbar sind. Somit sind sie für die Menschen ohne Wert und bald macht sich bald chauvinistischer Missmut unter den Erdlingen breit.

Die Heimat außerirdischer Immigranten: Der DISTRICT 9 (FFF 09)

Dieser eskaliert als ein Mitarbeiter einer Private Company, die vorgeblich für die »Abschottung und Integration« (!) zuständig ist, in Wirklichkeit aber nach außerirdischen Waffen sucht, sich mit Alien-DNS infiziert. Er wird zum Most-Wanted of the world, da er nun die Biowaffe nutzen kann. DISTRICT 9 vereint Sozialkritik, Action und Science-Fiction und startet am 10.9. (Sony Pictures) regulär in den Kinos.

DREAD bassiert auf Clive Barkers Kurzgeschichte »Moloch Angst« aus der Kurzgeschichten-Anthologie »Bücher des Blutes« (u. a. auch »Midnight Meat Train«, »Candyman«): Quaid, Steve und Cheryl interessieren sich für einen Abschlussfilm für die tiefsten Ängste anderer. Doch während es für Steve und Cheryl nur ein Uni-Projekt ist, wird die Reise zur dunklen Seite der menschlichen Seele für Quaid zur Besessenheit.

TRICK ´R TREAT kann es nicht lassen und nimmt sich eines klassischen Horror-Themas an: Es ist mal wieder Halloween. Vermutlich soll das Debüt von Michael Dougherty (Drehbuchautor von »X-Men 2«; »Superman Returns«) auf seine Starttauglichkeit im Herbst (Warner) getestet werden. Bleibt zu hoffen, dass es neben den üblichen, ganz netten Scary-Effekten genügend Ironie und Einfallsreichtum mitbringt, um nicht den hundertsten Aufguss eines etwas ausgenudelten Themas aufzutischen. Der Trailer sieht zumindest teilweise ganz viel versprechend aus.

1822 flüchteten acht Flüchtlinge von der britischen Gefängnisinsel Sarah Island. Ausgerüstet mit nur einer Axt schlugen sie sich durch die tasmanischen Wälder Australiens. Am Ende überlebte nur einer: Alexander Pearce, der fünf seiner Kameraden verspeist hatte. Kurze Zeit darauf wird er gefasst und hingerichtet.

Strafgefangener Bodenham in VAN DIEMEN›S Land (FFF 09)

Mit VAN DIEMEN´S LAND (so hieß Tasmanien ursprünglich) wurde die Alexander-Pearce-Story in kürzester Zeit erneut verfilmt (siehe »The Last Confession of Alexander Pearce«). Regisseur Jonathan auf der Heide schuf einen ruhigen Landschaftsfilm mit ausgeblichenen Farben und poetischen Off-Kommentaren, »Let God have his Heaven. I am blood«, die das aussichtslose Schicksal der Todgeweihten widerspiegeln.

FOCUS ASIA

Der aktuelle Chan-wook widmet sich dem alten Vampirstoff und variiert ihn neu: Ein Priester (Kang-ho Song — »The Host«) will der Menschheit etwas Gutes antun und nimmt an einem freiwilligen Impftest in Afrika teil. Dort infiziert er sich mit dem Emmanuell-Virus und stirbt. Nach einer Bluttransfusion erwacht nicht nur er wieder zum Leben, sondern auch eine noch nie empfundene Fleisches- und Blutlust, die ihn in ein moralisches Dilemma stürzt. THIRST gewann in Cannes den Großen Preis der Jury. Chan-wook soll bei der Vorstellung am 23.8. in Berlin anwesend sein.

Mamoru Oshii (»Ghost in the Shell«) animierte mit SKY CRAWLERS einen Bestseller von Hiroshi Mori: Nachdem endlich Weltfrieden herrscht, werden Kriegsspiele zur Zerstreuung der Bevölkerung erfunden. Der Luftraum wird von einer genmanipulierten Kaste verteidigt, von Kildren, Teenagern, die nie altern. Sie sterben dabei zu Tausenden.

Inszenierte Luftkämpfe als Massenunterhaltung: SKY CRAWLERS (FFF 09)

Auch Kildren-Pilot Yuichi, der auf einem Stützpunkt in Rostock arbeitet, muss begreifen, dass er nur dazu dient, um von den Konzernen verheizt zu werden. Der ständig wiederkehrende Alltag, Warten auf Einsatzbefehle, gefährliche Kämpfe und abendliche Barbesuche, befriedigen ihn nicht länger. Die Story klingt zwar viel versprechend, die Kritiken im Netz aber bescheinigen Mamoru Oshiis Plot eine gewisse Oberflächlichkeit und Verwirrtheit.

Der südkoreanische HANSEL AND GRETEL adaptiert das Motiv der verlassenen und misshandelten Kinder, hat aber ansonsten nicht viel mit dem Märchen-Klassiker zu tun.

Surreal und bizarr: HANSEL AND GRETEL (FFF 2009)

Nach einem Autounfall erwacht Eun-Soo aus der Bewußtlosigkeit und wird von einem kleinen Mädchen tief hinein in den Wald zu einem Haus geführt, dessen Inneres von Andy Warhol designt sein könnte: grellbunte Spielzeuge und Süßigkeiten und viele Hasen an den Wänden. Die Ausstattung stammt von Produktionsdesigner Seong-hee (»The Host«, »Old Boy«). Drinnen erwartet Eun-Soo eine Bilderbuchfamilie. Doch als die Eltern die Kinder urplötzlich verlassen, kippt die Situation schlagartig ins Gruselige.

SELECTED FEATURES

Die schlechte Nachricht zuerst. Nein, es wird kein [REC] 2 geben. Vermutlich hat das Fantasy Filmfest gegen Venedig und Toronto verloren, die ihn im Programm haben. Regulärer Kinostart ist der 29.10.

Organisatorin Frederike Dellert hob auf Radio Eins hervor, dass 2009 ein Komödienjahr sei. Das trifft wohl vor allem auf die britisch-irische Auswahl zu.

Die Low-Budget-Splatterkomödie DOGHOUSE von Jake West (»Evil Aliens«, FFF 05) wird im Programmheft in einem Atemzug mit »Shaun of the Dead« genannt: Ein paar prollige Dosenbier-Machos fahren übers Wochenende aufs Land, wo sie von weiblichen Zombies angegriffen werden.


Blutrünstige Vampirchefin Carmilla: LESBIAN VAMPIRE KILLERS
(FFF 09)

The battle of the sexes findet auch in LESBIAN VAMPIRE KILLERS statt: »The crucial difference is, while LVK celebrated its protagonists’ leery lad-mag misogyny, DOGHOUSE points up the Neanderthal blokes’ deep Freudian fear of being castrated by women«, schreibt die Time Out London.
In der kleinen, schwarzhumorigen, Slapstick-Komödie A FILM WITH ME IN IT tauchen plötzlich Leichen in einer heruntergekommenen Mietswohnung auf. Sie versetzen dem dahinplätschernden Leben der beiden Generation-X-lern, ein arbeitsloser Schauspieler und ein Möchtergern-Schriftsteller, einen ordentlichen Schwung. Der irische Film gewann den Spezialpreis der Jury in Istanbul.

Die Kanadier präsentieren sich in diesem Jahr eher düster und nihilistisch. Besonders auffallend: Sie scheinen große Angst vor ihren Kindern zu haben. Der komplett in schwarz-weiß gedrehte POLYTECHNIQUE basiert auf dem Amoklauf in der École Polytechnique de Montréal.

Der Amokläufer: POLYTECHNIQUE (FFF 09)

1989 tötete Marc Lépine 14 Frauen, bevor er sich selbst erschoss. Sein Motiv: Die Ablehnung seiner Bewerbung an der Technischen Hochschule, deren Ursache er im Gleichstellungsstellungsgesetz, das Frauen in Männerberufen bevorzugt, begründet sah. POLYTECHNIQUE soll stilistische Ähnlichkeiten mit Gus van Sants »Elephant« haben.

Wer ist hier wirklich das Opfer? CASE 39 (FFF 09)

Der us-kanadische ORPHAN gehört in die Reihe von Böse-Kinder-Filmen, die die Ängste von Eltern/Sozialarbeitern thematisieren: Die neunjährige Waise Esther wird liebevoll von der Pflegefamilie Coleman aufgenommen – ist aber strunzböse. Genauso wie Lilith in CASE 39 (Kinostart: 15.10. Paramount) – ebenfalls us-kanadisch – und die Kinder in CHILDREN (britisch). In dem kanadischen CRACE ist sogar schon ein Säugling sehr, sehr böse und monströs.

Der 69jährige Argento konnte für seinen GIALLO Adrien Brody gewinnen. Sein Film ist auch gleichzeitig eine Hommage an das gleichnamige italiensche Subgenre, in denen psychosexuelle, fetischistische Serienmörder Frauen abmurksen. Ebenfalls eine Hommage, an die Blaxploitation-Filme der 70er, (»Shaft«) ist BLACK DYNAMITE.

»Where does he buy his drugs?«, fragt sich Terry Gilliam: Bill Plymptons IDIOTS AND ANGLES (FFF 09)

Der Zeichentrickfilm IDIOTS AND ANGLES funktioniert komplett ohne Dialoge. Der Protagonist des Bill-Plympton-Films (»Hair High«) ist ein ziemliches Arschloch mit Flügeln. Im Zusammenspiel mit dem Sound von Tom Waits und Pink Martini (»Die Sopranos«) ist der skizzenhafte anarchische Animationsfilm im Noir-Stil sicher ein inspirativer, durchgeknallter Trip.

Links:
Offizielle Homepage und komplettes Filmprogramm mit sämtlichen Credits
Ausführliches Interview mit Festivalleiter Rainer Stefan über Finanzierung und Filmakquise
Online-Kartenkauf CinemaxX Potsdamer Platz (Berlin)
Online-Kartenkauf Cinestar Potsdamer Platz (Berlin)

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