Filme gegen Neoliberalismus: The Shock Doctrine und L’Encirclement zeigen Wege des antikapististischen Films

The Shock Doctrine
GB 2009, Michael Winterbottom, Mat Whitecross, 90 Min.

L’Encirclement
CA 2008, Richard Brouillette, 160 Min.

The Shock Doctrine (Foto: Berlinale 09) und L’Encirclement verhandeln den antikapitalistischen Diskurs in Zeiten der Finanzkrise und zeigen zwei ganz verschiedene Wege auf, die der Dokumentarfilm nehmen könnte.

Über alle Filme, die derzeit erscheinen und irgendwie mit Wirtschaft zu tun haben, heißt es, sie kämen genau zur richtigen Zeit. Das mag sein — berücksichtigt man aber, wie lange ein Film von der Idee bis zur Postproduktion braucht, dürfte jedem klar sein, dass Michael Winterbottom und Mat Whitecross ebenso wie der französischsprachige Kanadier Richard Brouillette einfach Glück gehabt haben. 12 Jahre lang hat Brouillette an seinem Film angeblich gearbeitet, genauso gut hätten es vermutlich zehn oder 20 Jahre werden können, dann wäre der Film halt zur Unzeit gekommen.

The Shock Doctrine heißt ein Buch von Naomi Klein. Es ist ein Weltbestseller und gilt als Bibel der Globalisierungskritiker. In dem Buch schildert Klein, wie im Gefolge von Katastrophen oder Kriegen neoliberale Wirtschaftskonzepte durchgesetzt werden. Davon erfährt der Zuschauer im Film The Shock Doctrine von Michael Winterbottom und Mat Whitecross leider nur sehr wenig. Die beiden Regisseure trauen ganz offensichtlich nicht dem gesprochenen Wort und ersetzen Theorie oder auch nur Information durch einen entfesselten antikapitalistischen Bildersturm. Atemlos lösen sich da Pinochet, Thatcher, Bush Senior und Bush Junior ab, inmitten einer bunten Flut aus fallenden Bomben, toten Kindern und gefolterten Opfern.

 

The Shock Doctrine 

Dass es bei The Shock Doctrine um Wirtschaft geht, merkt man nur an den häufigeren Einblendungen von Milton Friedman. So entfaltet der Film seine stärksten Momente, wenn er kurz innehält und einfach nur eine Rede Naomi Kleins zeigt.
Nun ist man von Winterbottom gewohnt, dass er nicht wie sein Vorbild Godard mit dem argumentativen Florett fechtet, sondern lieber die Streitaxt nimmt. Mit The Shock Doctrine haben Winterbottom und Whitecross in ihrer sturen Fixiertheit auf bekannte politische Gegner aber ein großes Thema verschenkt.
So kann man dem Film zu Recht vorwerfen, dass er mit propagandistischen Kurzschlüssen, bei denen dann z.B. kurz hintereinander erst fallende Bomben auf den Irak, dann Bush, dann Leichen gezeigt werden, auf billigen Applaus schielt, schließlich sind inzwischen selbst die Republikaner gegen den Irakkrieg.
Schlimmer aber ist, dass sich die Filmemacher in ihrem eigenen Konzept verheddern und Kleins Thesen immer mehr aus den Augen verlieren. Geht es bei Klein noch um die Wirtschaftsreformen im Gefolge von Katastrophen, so montiert der Film The Shock Doctrine die Kriegs- und Greuelbilder so gekonnt hintereinander, dass man am Ende glaubt, Milton Friedman habe als Mastermind und Reinkarnation von Dr. Mabuse alle diese Kriege beschlossen, um seine Wirtschaftskonzepte weltweit durchzusetzen. Dieser reine Propagandafilm verrät leider kaum etwas von der Schocktheorie Naomi Kleins.

Wie wenig Interesse die Filmemacher an einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den wirtschaftspolitischen Implikationen hatten und wie sehr sie auf die alten Gegner Thatcher, Pinochet und Bush eingeschworen waren, kann man an den Auslassungen erkennen. Zwei der wichtigsten Beispiele, die Naomi Klein nennt, Südafrika nach der Übernahme durch den ANC und Sri Lanka nach dem Tsunami, werden im Film weggelassen — den Tsunami konnten Winterbottom/Whitecross beim besten Willen nicht Bush in die Schuhe schieben.

Eisernes Talking-Head-Pic und dennoch Thriller: L’Encirclement: hier Noam Chomsky

 

Wie man es ganz anders und dabei viel besser macht, zeigt der Kanadier Richard Brouillette mit seinem Film L’Encirclement (Encirclement). L’Encirclement ist ein Monstrum von Film in fast jeder Hinsicht. Gedreht in harten SW-Bildern nähert sich dieser Film der Kritik des Kapitalismus in einer völlig unzeitgemäßen formalen Strenge und asketischen Brillanz. Richard Brouillette traut den Bildern nicht und zeigt deshalb nur redende Menschen. Nur minimal wird Archivmaterial genutzt, und wenn, dann meist nur als Foto. Ansonsten sehen wir mit unbeweglicher Kamera einen Theoretiker, der uns seine Wirtschaftstheorie erläutert, darunter bekannte Kapitalismuskritiker wie Noam Chomsky, aber auch neoliberale Vordenker. Der Gedankengang der Wissenschaftler wird  nicht durch Fragen unterbrochen, so kann man sich beim Zuhören ganz auf die Entwicklung der Argumentation konzentrieren. Richard Brouillette arbeitet als Filmemacher vor allem im Nachhinein, das Material ordnend, der Film wird säuberlich in zwei Teile und beide Teile wieder in fünf Kapitel eingeteilt. Jedes Kapitel wird mit einem Zwischentitel angekündigt und beinhaltet Redebeiträge von ein bis drei Denkern.
Brouillettes Konzept geht auf, die Konzentration auf das gesprochene Wort, die Ideen, machen aus dem scheinbar langweiligen Thema Wirtschaftstheorie einen intellektuellen Thriller, der einen 160 Minuten lang gebannt zuhören lässt. Erst die filmische Beschränkung der Mittel macht diese Spannung möglich. Während Michael Winterbottom und Mat Whitecross Naomi Kleins Thesen in einer Flut aus Bildern ertränken, gelingt es Richard Brouillette mit einfachsten Mitteln uns die Freude daran zurück zu geben, Menschen beim Denken zusehen zu können.
L’Encirclement ist ein filmisches Experiment und Wagnis, das auch den Caligari-Filmpreis hätte gewinnen können. Ob damit die schleichende Michael-Moorisierung des politischen Dokumentarfilms aufgehalten werden kann, muss aber bezweifelt werden. Den Panorama-Publikumspreis hat The Yes-Men fix the World gewonnen.
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3 Kommentare zu Filme gegen Neoliberalismus: The Shock Doctrine und L’Encirclement zeigen Wege des antikapististischen Films

  1. kathi sagt:

    Habe ich exakt genauso gesehen!
    A)
    Winterbottom/Whitecross wollen wahrscheinlich die auf Katastrophensituationen geeichten Medien mit den eigenen Waffen schlagen — nur erreichen sie damit nur eher ein »Nicht schon wieder Bomben!« beim Publikum und lenken die Aufmerksamkeit so auf den visuellen Overkill, dass der durchgehend gesprochene (und bestimmt interessante) Text dagegen absolut verblasst. Ein weiteres Ärgernis waren für mich die Animationshäppchen, die Foltermethoden »vorstellten«: also entweder man nimmt diese Abscheulichkeiten ernst und behandelt sie dementsprechend, oder man lässt es ganz. Aber so als kleine, formale Spielereien zur Auflockerung zwischen durch, war es einfach geschmacklos. Die Michael-Moorisiserung (wie du so schön sagst) mag für viele Themen gut sein, um eine breites Publikum zu erreichen und zu unterhalten, für einige Themen ist das Wir-machen-mal-ganz-frech-und-witzig aber einfach entwürdigend.
    B)
    L’encerclement kann ich auch uneingeschränkt empfehlen, siehe meine Rezension dazu.
    Viele Grüße,
    kathi

  2. s. sagt:

    ich erfeue mich gerade an dem buch von n.klein- hatte das gefühl, das lesen zu müssen, nachdem nach dem film scheinbar so viel unfrieden herrschte. klein beschreibt das vorgehen beim herbeiführen von katastrophen (zunächst politischer art am beispiel südamerikas)die dann zu dem gewünschten wirtschaftsmodell- in dem fall der frei flottierende kapitalismus- führen können sehr gut und anschaulich. im buch wird, wie im film auch, direkt auf m.friedman, nobelpreisträger und aktiver verfechter seiner eigenen, wenn auch von hayek stark beeinflußten theorie des freien marktes, hingewiesen.berechtigterweise.
    die vergleiche, wie in südamerika- und nicht nur dort- der kampf gegen den sozialismus/kommunismus einsatz von folter und übergehen der menschenrechte rechtfertigte zu der situation heute in denen dem kampf gegen den islamischen terrorismus keine grenzen mehr gesetzt sind ist vielleicht ein wenig zu kurz gekommen im film.
    ich empfand die folterszenen keineswegs als witzig und frech.
    l’encirclement möchte ich auch unbedingt sehen!!

  3. RealitaetKriegtAlle sagt:

    s.
    Nicht zu vergessen wie der Einsatz fuer den Sozialismus/Kommunismus Folter und Uebergehung der Menschenrechte kostete …

    Genau diese selektiven Ausblendungen des Herrn »s.« hier ist auch beiden Filmen vorzuwerfen, Naomi Klein mit ihrer Kinderfibel sowieso.

    Ansonsten ist der letzte Film ist nur formal aesthetischer als der erste. In Wirklichkeit sind beide selektiv-schlicht und wirklichkeitsfremd …

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