Tirador und Tribu (Forum) — Ghetto-und-Gangster-Filme von den Philippinen

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Filme von den Philippinen tauchten immer wieder mal sporadisch im Forum auf. 2007 muss als ein besonderer Jahrgang des philippinischen Kinos gezählt werden. Gleich vier Filme wurden für das Forum nominiert, und die beiden, die bis jetzt liefen, hatten eine außergewöhnlich hohe Qualität. Thematisch liegen »Tirador« und »Tribu« eng beeinander. Sie erkunden das Leben jugendlicher Kleinkrimineller in den Slums.

Tribu
Regie: Jim Libiran
2007
95 Min.

Tirador
Regie: Brillante Ma. Mendoza
2007
86 Min.

Tirador»Tirador« (zu deutsch: Katapult) von Brillante Ma. Mendoza erzählt die Geschichte einer Handvoll Slumbewohner, die von Taschendiebstählen und kleineren Straßenräubereien leben. Mendozas exzessiv eingesetzte Handkamera erzeugt eine ungeheure Rasanz ohne allzuviele Bildschnitte, in der sich der Zuschauer mitunter tatsächlich wie von der titelgebenden Schleuder abgefeuert fühlt. Schnelligkeit ist hier alles. Ständig laufen Menschen vor irgendwas weg. Besonders gelungen ist die Eingangsszene des Films, die eine Polizeirazzia in einem Wohnblock des Slums zeigt. Minutenlang folgen wir der Kamera durch dunkle Schächte der Abwässerkanäle, sehen nur den kleinen Ausschnitt einer nervösen Taschenlampe, bis das Haus erreicht und dann von unten nach oben systematisch durchkämmt wird. Sämtliche Männer werden festgenommen, säuberlich getrennt in die mit Tätowierung und die ohne. Zahlreiche Geschichten sind ineinander verwoben, auch die Wahlen spielen eine Rolle. Wir sehen, wie philippinische Politiker Stimmen in den Slums kaufen. Oft verhindert die schnelle und wendige Kamera leider, die Figuren näher kennen zu lernen. Das ist sehr schade, denn da, wo es gelingt, entstehen sehr schöne Filmgeschichten, die nicht so schnell vergessen werden wie die rasanten Kamerafahrten durch Menschenmassen. Etwa, wenn einer (sehr jungen) Frau ihr neues Teilgebiss, für das sie lange gespart hat, während eines Streits mit ihrem Ehemann ins Abflussbecken fällt und sie und ihr Mann anschließend weinend im Kot des offenen Abflusskanals wühlen, um es wieder zu finden. Die im Film verwobenen Geschichten sind authentisch, wie auch die Drehorte, allerdings sind die Szenen mit professionellen Schauspielern nachgespielt worden, die meisten davon persönliche Bekannte von Regisseur Brillante Ma. Mendoza, da er über kein nennenswertes Budget verfügte und auch eine Produktion im klassischen Sinne nicht stattgefunden habe, wie er in der anschließenden Diskussion verschmitzt erklärt.

TribuAuch Tribu (Tribe) von Jim Libiran wurde mit geringsten finanziellen Mitteln erstellt. Der Film erzählt von einem Bandenkrieg unter Jugendgangs in Tondo, der finstersten Gegend Manila, der Hauptstadt der Philippinen. Libiram wuchs hier selbst auf. Das Leben der Jugendlichen und Kinder besteht aus Kriminalität, Drogen und HipHop. Im Q&A nach dem Film erzählt Libiram, wie er seine Protagonisten gefunden hat: In einer Zeitungsannonce suchte er Jugendliche, die 1.) echte Gangmitglieder waren, 2.) in einem Film mitspielen wollten und 3.) rappen konnten. Es meldeten sich Mitglieder aller sieben in Tondo aktiven Gangs, die untereinander verfeindet waren, was anfangs zu erheblichen Spannungen in der Crew führte. Schließlich erklärte Libiram das Filmteam kurzerhand zur achten Gang Tondos und sich selbst zum Gangchef. Das Drehbuch basiert auf den Erzählungen der Jugendlichen. Die eher nebensächliche Geschichte ist schnell erzählt. Zu Beginn werden Initiationsriten der Gang Thugs Angels gezeigt. Dann wird ein ermordetes Gangmitglied auf der Straße gefunden. Am nächsten Tag werden von befreundeten Gangs Waffen geliehen. In der Nacht kommt es dann zu einem Gangkrieg mit beträchtlichen Verlusten auf beiden Seiten. Alle gezeigten Waffen, hauptsächlich Messer und dumpfe Schlaginstrumente, sind echt, erzählt der Regisseur anschließend. Es sind die Waffen, die die Gangs tatsächlich benutzen. Das ursprüngliche Vorhaben, den Jugendlichen die Rapgesänge vorzuschreiben lehnten die Protagonisten aber ab. Es verstieß gegen ihre Ehre, andere Rapps als ihre eigenen zu singen. Zum Glück! Die poetische Tiefe und sprachliche Vielschichtigkeit der minderjährigen Intensivtäter ist ganz erstaunlich hoch (die Texte über das Gangleben wurden glücklicherweise mitübersetzt), der Soundtrack des Films ist so gut geworden, dass Libiram während der Berlinale CDs am Ausgang verkauft.

Beide Regisseure berichten übereinstimmend von großen Problemen, ihre Filme auf den Philippinen selbst zu zeigen. Zum einen seien die kommerziellen Kinos zu 98% in einer Hand, zum anderen müssen Filme, die in einem kommerziellen Kino laufen, erst die staatliche Zensur passieren. So sind beide Filmemacher darauf angewiesen, die Filme in Schulen und Universitäten zu zeigen. Ihr Geld verdienen sie mit kommerziellen Arbeiten, Mendoza macht Werbefilme, Libiram dreht normalerweise TV-Dokus. Im Rahmen der Berlinale laufen die Filme leider nicht mehr, aber falls das Arsenal die Filme in der nächsten Woche wiederholt, sollte man sich diese beiden Filme eines ungewöhnlich starken philippinischen Filmjahrgangs nicht entgehen lassen. I

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