FILMKRITIK: The Green Fog (Forum) — San Francisco by Guy Maddin

Regie: Guy Maddin, USA/Kanada 2017, 63 Minuten (mit Vorfilm 72 Minuten)

Maddins trashiger Montage-Assoziationsfilm ist angelehnt an Hitchcocks  »Vertigo«. »The Green Fog« ist gefüllt mit Film- und TV-Serienschnipseln, die in San Francisco spielen, nach New York und L. A. die meist-gefilmte US-Stadt, die in »Vertigo« geradezu kartographiert wird. Bei Maddin steuert sie auf eine Katastrophe zu.
Rahmenhandlung von »The Green Fog« ist ein Mann, der mit vorgehaltener Pistole dazu gezwungen wird, sich Filmmaterial auf einer Leinwand anzusehen. Ausschnitte von Filmen, die in San Francisco gedreht wurden und die wir als Zuschauer sehen werden, rattern durch einen alten Filmprojektor. Video-Bildschirme, an denen Leute aus alten Filmen altes Filmmaterial sichten, tauchen immer wieder auf:  »Wonach suchen wir, Sir?« — »Ich weiß es nicht, aber ab diesem Punkt nehme ich alles.« Dann läuft plötzlich ein Musikvideo der Zukunft über den Video-Screen: die Boygroup NSYNC.

Dann ist da noch dieser grüne Nebel, der sich wie ein Nebel des Grauens über die Stadt legt, während die Einwohner sich im geschützten Zuhause vor den Radiogeräten versammeln.

Die Struktur der Filmausschnitte ist Hitchcocks »Vertigo« lose nachempfunden: die Verfolgungsjagd über den Dächern San Franciscos, das Restaurant Ernie´s, in dem Scotti (James Stewart) Madeleine (Kim Novak) zum ersten Mal sieht, Scottis Stalking im Auto zum Blumenladen, der Kirche, dem Friedhof. Der Turm von dem sich Madeleine stürzt. Die Dialoge wurden weitestgehend herausgeschnitten, so dass abstruse Jump-Cut-Szenen entstehen (siehe Filmausschnitt). Sie heben das Mienenspiel der Schauspieler hervor, das jedoch aus dem Zusammenhang gerissen, da ohne Dialog, äußerst komisch aussieht. Bei der berühmten Szene im Empire Hotel, Judy tritt als Madeleine verkleidet aus dem Badezimmer, quillt bei Maddin der grüne Nebel nicht nur unter der Hotelzimmertür hervor, sondern verbreitet sich überall in der Stadt. Hitchcock selbst nutzte die grüne Neonreklame der Hotelfassade als »Schauereffekt«, »als käme sie wirklich aus der Totenwelt« (Hitchcock im Truffaut-Interview).

Maddin hingegen inszeniert den grünen Nebel (und das Beben und die Monster, die er aus den San-Francisco-Schnipseln herausgesucht hat) als eine hereinbrechende Katastrophe, die nicht nur San Francisco heimsucht, sondern alle Städte: »All the cities of the world are eroding, decaying, and dying«. Man kann nun im Falle des aktuellen San Francisco assoziieren, dass die hohen Verdienste bei Google und Facebook die Mieten im Silicon Valley so in die Höhen treiben, dass immer mehr Nicht-ITler gezwungen sind, in Zelten zu hausen. Man kann diese Gentrifizierung auch verallgemeinern oder man interpretiert alle möglichen anderen Katastrophen und Mißstände hinein, wie Terroranschläge, Hochhausbrände, Autounfälle, Staus, Giftmüll, den täglichen Wahnsinn jeder Stadt.

Wenn man an Judy als Madeleine denkt, oder an Kim Novak als Judy u n d Madeleine muss man unweigerlich an Meetoo denken, wenn Scotti Judy zwingt, sich in Madeleine zu verwandeln, oder wenn Hitchock und Truffaut darüber lästern, dass Kim Novak keinen BH getragen habe. Bei Hitchock musste man auch schon daran denken, bevor es die aktuelle Debatte überhaupt gab, denn er hatte schon immer einen etwas übergriffigen Ruf, was Frauen betrifft. Jetzt muss man aber auch schon daran denken, wenn man Maddins Persiflage sieht, wie eine Schauspielerin mit einer Sturmhauben-Frisur von den herumstehenden Männern als ganz natürlich aussehend bezeichnet wird.

Die Stärke des Auseinanderreißens von Zusammenhängen ist es, dass sie beim Zusammenmontieren einen breiten Spielraum für Assoziationen lassen. Denn die Teile passen nie ganz zusammen. Schon Alexander Kluge hatte zu seiner Zeit auf ähnliche Weise versucht, dieses Prinzip zu nutzen. Guy Maddin verwendet viele Filmteile bekannter und unbekannter Filme und Serien, wie zum Beispiel »The Invasion of the Body Snatchers« (1978) oder »The Streets of San Francisco (1972 — 1977)«, und hat dort nach Bildern gesucht, die den ungefähren Ausdruck der »Vertigo«-Szenen treffen und montierte sie zusammen. Themen, die im aktuellen zeitgenössischen Diskurs gerade kochen, knüpfen unweigerlich dort an. Gerade die Stadt ist immer ein Brennpunkt sozialer Konflikte gewesen. Indem Maddin sie in den  Zusammenhang mit einer Katastrophe setzt, dramatisiert er sie als einen Ort des Untergangs, aber das im typischen Maddin-Trash-Stil.

Denn natürlich ist Maddins »The Green Fog« äußerst komisch und vergnüglich. Das Mienenspiel ohne Dialog, damit spielt Guy Maddin wieder auf seine Obsession für Stummfilme an, sieht einfach völlig schräg aus. Aber es ist auch wie ein Sog, dem man sich nicht leicht entziehen kann. Denn die alten Filme haben auch etwas sehr gemütliches an sich. Auch die kathartische Dramatik in alten Filmen ist irgendwie besser als die in neuen.

Am Ende werden die Filmtitel aller Filme, die Maddin und sein Team gesichtet haben, eingeblendet. Es lohnt sich daher, bis zum Ende sitzen zu bleiben.

Di, 20.02., 21.30 Uhr, CineStar IMAX
Mi, 21.02., 22.45 Uhr, Cubix 9
Fr, 23.02., 11.00 Uhr, CineStar 8
So, 25.02., 16.00 Uhr, Delphi

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