FILMKRITIK: Tower. A Bright Day (Forum) — Unter der Oberfläche

Regie: Jagoda Szelc, Polen 2017, 106 Minuten

Das Debüt von Jagoda Szelc,  Absolventin der berühmten Filmhochschule in Lodz, ist ein Familiendrama in das immer wieder Elemente des Psychothrillers und des Horrorfilms hereinbrechen.

Die erste Szene ist eine Reminiszenz an Kubricks »Shining«:  Aus Vogelperspektive schlängelt sich ein Auto zu unheilverkündender Musik durch dichte Nadelwälder. An Bord Verwandte von Mula und ihre Schwester Kaja. Sie reisen zur Erstkommunion von Nina, die aber, wie sich gleich zu Beginn herausstellt, nicht die Tochter von Mula ist, sondern die von Kaja. Aber das dürfe niemand wissen. Auch nicht, dass Kaja, die ziemlich fertig aussieht, sechs Jahre verschwunden war.  Allein mit ihrer Tochter dürfe sie auch nicht sein. Resolut, in einem Vier-Augen-Gespräch in der Garage des Landhauses, stellt Mula diese Regeln auf, bevor sie ihrer Schwester einen ungemütlichen Schlafplatz auf einer Britsche zuweist.

Die Idylle der herrlichen Frühsommerlandschaft, gedreht wurde im Glatzer Kessel, nahe der tschechischen Grenze, der im wesentlichen von den Gebirgszügen der Sudeten umschlossen wird, scheint im harten Kontrast zu den Spannungen der beiden Schwestern zu stehen. Doch mehren sich Unregelmäßigkeiten und Störungen, die die unheimlichen Wälder selbst hervorzubringen scheinen.  Als könnte die Natur einen Angriff auf Mulas geordnete Familienverhältnisse planen.

Zuerst verschwindet der Hund der Verwandten im Gebirge, den Mula vergessen hatte, anzuleinen. Dann sind im Kaminabzug fremde Geräusche eines vielleicht verirrten Tieres zu hören. In einem plötzlichen Wutausbruch hämmert Mula ein Loch in den Abzug, als wolle sie mit aller Macht verhindern, dass irgendetwas Fremdes in ihr Leben dringt. Argwöhnisch beobachtet sie ihre Schwester und Nina, die von ihrer wahren Mutter nichts ahnt. Oder doch? Nina selbst ist ihr inzwischen unheimlich geworden.

Noch verrückter wird es dann als die im Bett dahinsiechende, eigentlich schon fast totgeglaubte Großmutter plötzlich zu neuem Leben erwacht, einen frischen Schlüpfer verlangt und an den Frühstückstisch marschiert, um dort Kaffee zu trinken. Die umstehenden Gäste und Familienmitglieder stehen da wie gelähmt. Als Mula dann beobachtet wie Kaja, die Großmutter und Nina abseits des Familienpicknicks verschwörerisch zusammenhocken, rastet sie völlig aus.

Mit Handkamera-Perspektive versucht »Tower. A bright Day« den Zuschauer dicht in das Geschehen zu holen, ihn zu verunsichern. Die Tonspur ist überfrachtet von überlauten Geräuschen, die von nicht sichtbaren und damit fremdartigen Ereignissen stammen, die aber weitestgehend wieder den unheimlichen Wäldern der Sudetenlandschaft zugeordnet werden können. Alles steuert auf eine Katastrophe hin, die aber bald nicht nur Mula betreffen, sondern auch die Gemeinde. Der Kommunionsunterricht, der zuerst normal zu verlaufen scheint, ist plötzlich ebenfalls Störungen unterworfen. Die zuvor braven und schüchternen Kinder werden plötzlich ungehorsam und aufmüpfig, der Priester stammelt, weil er die eigentlich standardisierten, da ritualisierten Worte vom Empfangen des Leibes und Blutes Christi — in Polen sind 87% der gesamten Bevölkerung römisch-katholisch —  vergessen hat.

Einmal mehr entwirft ein Film auf der diesjährigen Berlinale das Zusteuern auf eine gesellschaftliche Katastrophe. Bei Jagoda Szelc beginnt sie in der kleinsten Einheit, der Familie. Eine kurze Szene im Wald zeigt einen fremdaussehenden, arabischsprechenden Menschen — doch Szelc hütet sich davor, eine zu deutliche Sprache zu sprechen. »Tower. A  Bright Day« deutet an, dass die von uns als Normalität erlebte Realität ein Trugschluss ist, und dass wir dies schockartig erfahren werden, denn ein Zwischentitel beschreibt dies als Ereignisse aus der Zukunft.

Fr., 16.2., 21.30 Uhr, CineStar ImaX
Sa., 17.2., 20.00 Uhr, Cubix 9
Mo., 19.2., 13.45 Uhr, CineStar 8
Mo., 19.2., 21.30 Uhr, Tilsiter Lichtspiele
Sa., 24.2., 22.00 Uhr, CinemaxX 4

 

Über kleo

Blogge über Filme.
Dieser Beitrag wurde unter Berlinale 2018, Forum 2018 abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.