FORUM 2008 — politisch, experimentell, streitbar

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Wie machen es die Insekten? GREEN PORNO von Isabella Rossellini zeigt es.

Wenn eine Berlinalesektion für sich in Anspruch nehmen kann, politische Filme zu zeigen, so ist es das Forum. Hervorgegangen aus dem Skandal um Michael Verhoevens Film »o.k.«, 1971, zeigt das Forum unkonventionellere, experimentellere und politischere Filme als andere Bereiche. Für thematisch Interessierte ist es interessant, weil Ansichten zugelassen werden, die andere Sektionen heute nicht mehr zeigen würden: Beiträge, die an die Grenzen gesellschaftlicher Konventionen gehen. Die Filmemacher sind häufig streitbar und suggestiv. Für Cineasten ist das Forum interessant, weil es die ausgetretenen Pfade herkömmlicher Stilmittel verlässt. Allerdings gibt es inzwischen innerhalb des Forums einen Bereich, der das toppt: das Forum expanded.
Das 38. Forum bietet eine Menge interessanter Beiträge aus 33 Ländern. Hier eine subjektive Auswahl — wobei ich schon das Vergnügen hatte, einige Filme davon zu sehen.
Eröffnet wird mit Guy Maddins MY WINNIPEG und Isabella Rossellinis Kurzfilm GREEN PORNO. Der Kanadier Maddin (The Saddest Music in the Word) hat einen eigenen Stil, der sich an Stummfilmen und am Surrealismus orientiert. Seine Schwarz-Weiß-Filme haben eine Handlung, sind aber mit surrealistischen Traumelementen durchsetzt. Hinzu kommt ein spezieller schwarzer Humor. Alles zusammen genommen ist dies der Guy-Maddin-Stil. In »My Winnipeg« beschreibt er seine Heimatstadt und seine Kindheitserinnerungen. Die Schauspielerin Isabella Rossellini, die viel mit Maddin zusammengearbeitet hat, hat einen fünfminütigen „Porno“ über Insekten gedreht. Es treten aber keine wirklichen Insekten à la Mikrokosmos auf, sondern kostümierte Schauspieler.
In UNITED RED ARMY rekonstruiert Wakamatsu Koji die Geschehnisse der japanisch-studentischen Terrorgruppe, die die Hälfte ihrer Mitglieder selbst umbrachte. Der 190Minüter ist im ersten Teil dokumentarisch und im zweiten Teil Spielfilm. 37 Jahre nach den Geschehnissen ist der Regisseur von den Ereignissen noch hochgradig betroffen und inszeniert ein grausames Drama um Macht und Gruppenhierarchie. Von Wakamatsu, der früher Pink Movies mit politischen Inhalten drehte – bei den Japanern ist alles anders – werden auch noch drei weitere Filme zu sehen sein. Unter anderem KABE NO NAKANO HIMEGOTO (Secrets Behind the Wall), der 1965 im Wettbewerb lief, zu einer Zeit, wo auch dort noch Skandale möglich waren. Wakamatsus Beitrag brachte Ärger mit dem japanischen Produzentenverband, die den Film nicht als offiziellen Beitrag Japans haben wollten. Offensichtlich deshalb, weil er nicht in einem der fünf großen japanischen Studios gedreht worden war.
Mit der Langzeitreportage OBCAN HAVEL (Bürger Havel) kommt der während der Dreharbeiten tödlich verunglückte Regisseur Pavel Koutecký dem ehemaligen tschechischen Präsidenten Václav Havel erstaunlich nahe: Subtil, ohne ihm auf die Pelle zu rücken, fängt er die Stimmung Havels während der Hochs und Tiefs politischer und persönlicher Ereignisse genau ein. Glücklicherweise wurde das Projekt von Miroslav Janek zu Ende geführt.
Der einzige deutsche Beitrag im Forum, NACHT VOR AUGEN, ein Spielfilmdebüt über einen rückkehrenden Soldaten aus Afghanistan, beschäftigt sich mit den Schattenseiten des Lebens: dem Trauma. Indem der Soldat David seine Erlebnisse auf den jüngeren Bruder projiziert, ihn das durchleben lässt, was er erfahren musste, werden die Kriegsschrecken für den Zuschauer erahnbar. Der Film geht dabei hart an die Grenzen.
Ebenfalls unter die Haut geht der mexikanische Dokumentarfilm LA FRONTERA INFINITA von Juan Manuel Sepúlveda, der den nicht abreißenden Migrantenstrom durch Mittelamerika in Richtung USA verfolgt. Der Regisseur begibt sich mit seiner Kamera in Auffanglager, an die Gleise, in Grenzstädte. Er zeigt Menschen, die ihre Gliedmaßen beim Aufspringen auf Züge verloren haben. Einige versuchen es trotzdem immer wieder, werden zurückgeschickt, um es erneut zu versuchen. Die Lage ist zum Verzweifeln, doch so lange die Flüchtlinge noch einen Ausweg aus der Armut sehen, geben sie nicht auf.
Es gibt drei Filme aus den Philippinen. Einer davon, TRIBU, zeigt die Alltagskultur in den Slums, wobei die Gangs Familienersatz werden. Wie in der brasilianischen Stadt Gottes lernen die Kinder und Jugendlichen dort nach eigenen Gesetzen zu leben. Gewalt ist an der Tagesordnung.
Das australische Debüt CORROBOREE ist ein Schauspielexperiment: Dem Hauptdarsteller wurden erst während des Drehs die Dialoge überreicht, die er auf Teufel komm raus zu spielen hat. Seine Mitspieler kennen ihre Parts und Figuren. Drumherum hat der Regisseur Ben Hackworth eine abgefahrene Story gebastelt.
Es gibt auch wieder restaurierte Filme. Mit Charles Burnett, der im letzten Jahr schon mit Killer of Sheep im Forum lief, und Kent Mackenzie sind zwei Vertreter der American Independents auf der Leinwand. Mit THE EXILES (1961) drehte Mackenzie einen Spielfilm mit dokumentarischen Einflüssen. Jahrelange Recherchen über den Alltag junger Natives gingen dem Film voraus. Die illusionslose Milieustudie spielt in den Bars, Tankstellen und Einzimmerwohnungen von L. A. und spiegelt die Atmosphäre der amerikanischen 60er wider. Das einmalige ist die Filmkopie, die keinen einzigen Kratzer aufweist und die unglaubliche Schärfe, die nur diese alten Schwarz-Weiß-Filme haben. In MY BROTHERS WEDDING (1983) von Burnett muss ein junger Afroamerikaner eine wichtige Entscheidung treffen, die auch die Frage seiner Zugehörigkeit betrifft.
Wer es experimenteller mag, kann testen, ob er PR von James Benning durchhält. In 111 Minuten zeigt der Regisseur 37 Einstellungen, in denen er das Herannahen und Passieren der Züge rhythmisiert. Auf der Tonspur fügen sich zeitgeschichtliche Sprach- und Musikfragmente zu einer Montage.

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