Gen Zong (Eye in the Sky) im Forum – You must remember everything!

Land: Hongkong 2007
Regie: Yau Nai Hoi
Länge: 90 Minuten
Sprache: Kantonesisch mit englischen UT

Wertung: Experimenteller Polizeifilm, postmoderner Edelthriller, harter und schneller Hongkong-Stadtfilm, metaphysischer Punk-Videoclip. Der Hongkong-Thriller ist wieder da. Ganz starkes Debüt.

Colosseum 1 18.02. 20:00 Uhr

Ein Film wie ein fiebriger Rausch. Unglaublich schnelle, harte Schnitte. Handkamera, schnelle, verwackelte Schwenks, unscharfe Aufnahmen von Überwachungskameras, die Bilder unterlegt mit ultraharten Technorocksounds. Ich sitze in der 9. oder 10. Reihe des Cubix-Kinos und was ich sehe, geht hart an die physische Schmerzgrenze. Meine Augen beginnen schon nach wenigen Minuten zu flimmern. Hoffentlich geht das nicht den ganzen Film lang so. Es ging nicht den ganzen Film lang, aber immer wieder, bei den Überwachungsszenen. Wer glaubt, Überwachung habe etwas mit Ruhe und Geduld zu tun, wird hier eines Besseren belehrt. Überall passieren Dinge, die Blicke hetzen von Mensch zu Mensch, von Straßenecke zu Straßenecke, der Mann am Imbiss, der Abfalleimer an der Straßenlaterne, die Zeitung auf der Bank: You must remember everything!

Die junge Polizistin Bo fängt neu an beim Central Intelligence Bureau CIB in Hongkong, einer Spezialabteilung zur Observation. Ihr Kollege und väterlicher Freund wird Captain Huang. Gemeinsam suchen die beiden nach einem Juwelenraub einen Verdächtigen. Nach und nach kommen sie der Bande auf die Spur. Als ein zweiter Juwelenraub in letzter Sekunde vom Chef der Bande Chen abgesagt wird, kommt es zu einer wilden Verfolgungsjagd, in deren Verlauf nach und nach fast alle Verbrecher erschossen werden. Bo verliert aber Chen aus den Augen, als dieser einen unbeteiligten Polizisten tötet, und Bo bei diesem bleibt, bis er in ihren Armen verblutet ist. Durch einen Zufall begegnet sie ihm wenige Tage später wieder. Bei der nun folgenden Verfolgungsjagd verletzt Chen Captain Huang schwer an der Halsschlagader. Während Captain Huang wie durch ein Wunder nicht stirbt, verletzt sich Chen schließlich beim Flüchten auf ein Boot durch einen herabhängenden Fleischerhaken, den er übersieht, selbst an seiner Halsschlagader tödlich. Am Ende steht Piggys Beförderung für ihren ersten Einsatz. Sie heißt jetzt Doggy.

Auf psychologische Tiefe verzichtet der Film weitgehend. Den Protagonisten werden sprechende Codenamen zugewiesen, Bo ist Piggy, Captain Huang Dog-Head. Auch die Verbrecher tragen Codenamen, Fatman und Hollowman. Filme, die von der Beobachtung leben, gibt es eine Reihe. Bekannte Beispiele sind „Fenster zum Hof“ von Hitchcock oder „Blow Up“ von Antonioni. „Eye in the Sky“ ist aber wohl der erste Film, in dem Überwachungskameras die Hauptrolle übernehmen. „Eye in the Sky“ ist die Geschichte der Überwachungsgesellschaft, in der wir leben. Die Allgegenwärtigkeit der Aufnahmegeräte wird immer wieder motivisch integriert, ob als verwackelte S/W-Aufnahmen der Handlung oder als allgegenwärtiges Dekoelement der Häuserwände und Decken in Innenräumen. Im Bus, im Restaurant, im Juweliergeschäft, auf der Straße, jede Bewegung der Verbrecher kann minutiös nachvollzogen werden. Und wo die Bilder fehlen, können sie schnell produziert werden. So fotografiert Piggy Hollowman im Vorbeigehen einfach mit ihrem Handy, das sie sich zur Tarnung ans Ohr hält.

Aber nicht nur die Polizei beobachtet die Verbrecher, umgekehrt beobachten die Verbrecher ebenfalls vor und während der Raubzüge den Tatort und die sie verfolgenden Polizisten. Als Hollowman Piggy im Restaurant enttarnt, nutzt er die für Gäste einsehbare Überwachungskamera des Restaurants, um ihren herbeieilenden Kollegen Dog-Head auszumachen und kurz darauf abzumurksen. „Beobachtung ist eine Technik, die von beiden Seiten eingesetzt wird“, erläutert Regisseur Yau Nai Hoi später im Publikumsgespräch. Jede Beobachtung erzwingt die Gegenbeobachtung, zeitweise entsteht so ein Gleichgewicht. Beobachtung ist ein kreisförmiger Prozess.

Überwachung ist die Möglichkeit, Dinge, die passiert sind, sich wiederholen zu lassen, wieder geschehen zu lassen. Dies findet seinen filmischen Ausdruck darin, dass sich fast alles irgendwie wiederholt. Piggy gerät anfangs bei einer Übung in eine Situation, in der sie Captain Huang in einem Restaurant enttarnt. Später wiederholt sich die Szene einer Enttarnung im Restaurant mit Hollowman. Erst verblutet ein unbekannter Polizist in Piggys Armen, später Dog-Head. In beiden Fällen reagiert sie das erste Mal falsch, das zweite Mal richtig. Erst wird Dog-Head die Halsschlagader aufgerissen, dann Hollowman, es finden zwei nahezu identische Juwelenraube statt, usw.

Ein weiteres wichtiges Motiv des Films ist die Undurchführbarkeit einer reinen Beobachtung. Beide Seiten, Verbrecher wie Polizisten, werden immer wieder gezwungen, den Beobachtungsposten aufzugeben und in das Geschehen einzugreifen. So bspw. wenn Piggy den Verblutenden verzweifelt die Wunden mit Kleidungsstücken zu verstopfen versucht. Die Szenen dieses Übergangs vom passiven Beobachten zum aktiven Eingreifen sind von einer eindringlichen und verstörenden Körperlichkeit. Man sieht förmlich die Herzpumpe arbeiten und mit 60 Pumpschlägen/ Minute immer wieder ein neue Schwälle Blut durch alle Kleidungsstücke hindurch pressen. Dog-Head überlebt schließlich nach minutenlangem Ausbluten in Nahaufnahme in einer Lache aus mindestens 10 Litern Filmblut liegend.

Was mit „Eye in the Sky“ genau gemeint ist, erläutert Yau Nai Hoi im Publikumsgespräch. Das kantonesische „Gen Zong“ (Eye in the Sky) hat zwei Bedeutungen. Zum Einen das Überwachen selbst, mittels Kameras, Augen, etc. Andererseits hat Gen Zong aber auch die Bedeutung eines himmlischen Auges, eines göttlichen Sehens, zugespitzt auf so etwas wie Schicksal. So gesehen kann man „Eye in the Sky“ als Illustration von Foucaults Grundthese aus „Überwachen und Strafen“ sehen. Nach Foucault hat die Säkularisierung die Menschen gezwungen, das göttliche Sehen, das bis dahin das Wohlverhalten der Menschen kontrolliert und im Jenseits sanktioniert hat, zunehmend selbst zu übernehmen. Dieser Prozess nimmt seinen Anfang im Gefängnis, das damit den Kerker des Mittelalters ablöst. Am Anfang des 21. Jahrhunderts scheint der Prozess nun abgeschlossen zu sein. Die gesamte Welt ist ein großes überwachtes Gefängnis, in dem wieder, wie im Mittelalter, jeder noch so kleine Schritt jedes Menschen von einer übergeordneten Instanz jederzeit überwacht werden kann.

Yau Nai Hoi arbeitet seit über 10 Jahren als Drehbuchschreiber. Er hat mit einigen der bekanntesten Regisseure Hongkongs zusammengearbeitet. Dies ist seine erste eigene Regiearbeit. Nach einigen schwächeren Jahren hat sich der Hongkong-Thriller mit „Eye in the Sky“ eindrucksvoll im Forum der Berlinale zurückgemeldet. Und abseits von allem intellektuellem Geschwafel: Dit wa’n jeiler Film, Leute.

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