Grbavica — Esmas Geheimnis (Wettbewerbsgewinner)

Regie: Jasmila Zbanic,
D:Mirjana Karanovic, Luna Mijovic
Österreich/Bosnien-Herzogowina, Deutschland, Kroatien 2006
90 Minuten

Es riecht wie vorher.

 

Im Café „Bašcaršija“ am Taubenplatz. Der Platz gesäumt von niedrigen Holzhäusern der Altstadt Sarajevos, Zeugen der osmanischen Zeit, die in Bosnien-Herzegovina die engen Gassen, die hölzernen Minarette, den Geruch von Kaffee und das Geräusch des Kupferhandwerks hinterließ.

Am Tisch sitzen eine Frau und ein Mann, erstes Rendezvous. Sie erzählt von ihrem Mitleid mit den Brasilianern. In einer Reportage hörte sie von einem Mann, der elendig stirbt und ganz allein ist. Niemand kommt zu seiner Beerdigung.

Du verrücktes Huhn.“ Liebevolles Kopfschütteln über diese Frau, die sich abrackert, den Lebensunterhalt für sich und ihre Tochter zusammenzukriegen und Nachtschichten als Kellnerin in einem Nachtclub schiebt, um das Geld für die Klassenfahrt der Tochter aufzutreiben.

Schweigen. Beide rauchen und schauen auf den Taubenplatz. Die Tauben fliegen hoch, ein kaltes Grau, nur der Straßenkehrer in Orange bringt Farbe in diesen Tag.

Und dann sagt sie diesen Satz: Der Geruch.…
… Es riecht wie vorher.

Vorher und nachher ist die bosnische Zeitrechnung: Vor dem Krieg und nach dem Krieg. Vor und nach der Belagerung Sarajevos durch serbische Tschetniks. Der Krieg als Zeitenwende.

Esmas Tochter Sara ist zwölf. Im Krieg geboren, zeigt ihr Lebensalter die fortschreitende Distanz zur Zeitenwende. Wie sieht ihr Leben aus in Sarajevos Stadtteil Grbavica zehn Jahre nach Kriegsende? In den Zeitzonen Sarajevos, die sich wie Jahresringe das Flusstal der Miljacka entlangziehen, liegt Grbavica zwischen Moderne und Sozialismus. Der Alltag von Esma und Sara streift selten die pittoreske Altstadt aus osmanischen oder das prächtige Zentrum aus Habsburger Zeit. Kein Film, die Schönheiten Sarajevos zu zeigen. Höchstens während eines zweiten Rendezvous oben in den Bergen bei dem etwas unbeholfenen Versuch, beim Grillen Schneeromantik mit Aussicht auf Sarajevo zu erzeugen.

Die Aussicht ist noch immer grandios, aber dass die wunderschöne Lage inmitten der Berge dieser Stadt zum Verhängnis wurde, als von dort tagtäglich auf die Bevölkerung heruntergeschossen wurde und jeder Gang zur Schule oder in die Kellertheater zum todesmutigen Widerstand wurde, lässt sich schwer abschütteln bei einem Rendezvous in den Bergen. Das Stadtviertel Grbavica ist Zeuge dieser Zeit, die Einschusslöcher masern noch immer die Fassaden, weiter bergauf häufen sich die Ruinen. Und sind doch Kulisse eines normal aussehenden Lebens, das um Familie, Schule und Arbeit kreist.

Spiegelbildlich knüpfen Mutter und Tochter vorsichtige Beziehungen. Es ist die Solidarität der Opfer, die sie zusammenführt: Esma sah Pelda zum ersten Mal bei der Kriegsopferidentifikationsstelle. Sara kommt gerade jenem Klassenkameraden näher, der ebenfalls ohne Vater aufwächst. Beide Väter im Krieg gestorben, ein Šehid, ein Kriegsheld, ein Märtyrer.

Als Sara mit der Nachricht nach Hause kommt, dass sie eine Bescheinigung als Tochter eines Šehiden braucht, damit sie die Klassenfahrt nicht bezahlen muss, gerät die fest geklopfte Familienidentität ins Wanken. Sara spürt, dass etwas verborgen bleibt, aber Esma gibt auf ihre Fragen keine Antwort.

Das Nicht-Reden ist das große Thema dieses ersten Spielfilms der 32-jährigen Regisseurin Jasmila žbanić. Mit dem Nicht-Reden beginnt ihr Film: lange Einstellungen auf orientalische Muster. Teppiche an der Wand. Tepppiche auf dem Boden. Die Frauen, die dort nebeneinander liegen. Erzählen, weinen. Esma geht ins Frauenzentrum nur, um sich die monatliche Unterstützungsraten abzuholen. Sie spricht nicht.

Statt dessen hastet sie weiter, zur Nähwerkstatt, zur Nachtschicht im Nachtclub, nach Hause zu ihrer Tochter. Lässt sich von Sara aus dem kurzen Schlaf reißen, in eine turbulente Kissenschlacht verwickeln. „Prestan!“ „Hör auf!“, schreit Esma ihre Tochter an, als sie am Boden liegt, Sara obenauf, ihre Mutter im Spiel festhaltend.
Sara versteht nicht, ist verstört. Esma schweigt.

Grbavica“ ist durchzogen von Szenen, in denen die Erinnerung durchbricht, der Alltag zusammenbricht, Esma sich in Angst zurückzieht. žbanić verzichtet jedoch darauf, Esmas traumatische Erinnerungen zu zeigen. Sie verzichtet auf das Weiterleben der Gewalt durch die Macht der Erinnerungen, verzichtet auf die Bilder der Vergewaltiger, die Esma immer wieder heimsuchen, verzichtet auf die Anklage der Täter. Saras Vater? Kein Šehid, sondern ein Tschetnik, ein serbischer Kriegsvergewaltiger, dem Esma als Muslimin im Konzentrationslager ausgeliefert war.

Sara provoziert ihre Mutter, bis alles zwölf Jahre lang Verborgene herausbricht: „Du bist ein Bastard! Dein Vater ist ein Tschetnik! Er hat mich vergewaltigt!“

Sara rasiert sich die Haare, Identifikation mit den Opfern. Selbstbestrafung zugleich. Und kann doch am Ende mit den KlassenkameradInnen die Reise antreten, sitzt mit im Bus und stimmt ein: „Sarajevo, ljubavi moja — Sarajevo, meine Liebe“.

Zuvor aber sieht man noch einmal die orientalischen Teppiche und Esma beginnt zu erzählen.

Bewertung:
Ein berührender, ein wichtiger Film, hervorragend gespielt und trotz des furchtbaren Themas Kriegsvergewaltigung mit viel Humor und Hoffnung erzählt. Auch die ZuschauerInnen in Serbien waren übrigens bei der Premiere begeistert. In jeder Hinsicht ein bemerkenswerter Film!

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