Half Nelson

Regie: Ryan Fleck
USA 2006
D: Ryan Gosling
107 Min.
Deutscher Kinostart: 27.3.2008
Berlin: Kino Central, Neue Kant Kinos

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Ein Half Nelson ist ein Haltegriff beim Ringen. Genauso fest steckt Lehrer Dan.

Seit »Dangerous Minds« mit Michelle Pfeiffer ist der Typ des idealistischen Lehrers, der es schafft, sich unter lauter »verdorbenen« Jugendlichen Respekt zu verschaffen, zu einem unerträglichen Klischeebild verkommen. Ryan Flecks Debütspielfilm verwendet es und bricht es dennoch radikal. Ein wirklicher Independent, der es nur wegen »Lars und die Frauen«, in dem Ryan Gosling ebenfalls die Hauptrolle spielt, in einige wenige Kinos geschafft hat.

Der weiße Geschichtslehrer Dan (Ryan Gosling) unterrichtet afroamerikanische Jugendliche in Brooklyn. Sein Lieblingsthema ist der historische Materialismus nach Marx. Als Beweis dient ihm die Emanzipation der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Die Widersprüche, die zu einem geschichtlichen Fortschritt führen sollen, veranschaulicht er durch Armdrücken. Wenn die Stunde zu Ende ist, geht er in der Schultoilette eine Crackpfeife durchziehen, denn Dan ist ein Junkie. Eines Tages findet ihn dort seine Schülerin Drey (Shareeka Epps) völlig zugedröhnt und fertig neben dem Klo hocken.

Jeder Pseudo-Arthousefilm hätte ab dieser Stelle angefangen, Spannung aufzubauen: Wird sie ihn verraten oder erpressen? Beginnt ein böses Spiel zwischen den beiden Kontrahenten? Wer wird gewinnen? HALF NELSON verweigert sich dieser Unterhaltungsdramaturgie radikal und plätschert, nach dieser Entdeckung, ruhig vor sich hin. Nach und nach lernen wir die beiden Protagonisten kennen: Drey lebt allein mit ihrer Mutter, die als Polizistin arbeitet. Ihr Bruder sitzt wegen Dealerei im Gefängnis. Und weil er den Boss, Frank, nicht verraten hat, fühlt dieser sich verantwortlich für Drey. Dan, der auch noch Baseballtrainer ist, ist schon lange eine Junkie, der den Absprung einfach nicht geschafft hat. Nicht, wie man vielleicht erwartet hätte, weil er ein ausgebrannter Lehrer ist. Eigentlich ist er mehr ein Junkie, der auch unterrichtet und der über seine Schüler sagt: »Die halten mich am Leben.«

Ryan Fleck schafft es, jedes Klischee, jede Rührseligkeit zu umschiffen. Dass ein idealistischer Lehrer, der fest an den geschichtlichen Fortschritt der Unterdrückten glaubt, hoffnungslos drogenabhängig ist, bricht den Typus des aufrechten Vorbilds, Gut- und Übermenschen mainstreamiger Lehrerfilme à la »Club der toten Dichter« und »Dangerous Minds«. Die weiße Lehrerin Louanne Johnson, die in »Dangerous Minds« darum kämpft, ihre Afro-Schüler davon zu überzeugen, dass Unterricht wichtig ist, ist eine tumbe, naive Figur. Die Botschaft des Films ist blanker Hohn, wenn schwarzen Jugendlichen weiß gemacht werden soll, dass mit einem bisschen Lernen alle (Rassen-)Probleme aus der Welt geschafft wären und alles gut wird. Dieses Problem hatte Weir mit John Keating (Robin Williams) wenigstens nicht, denn Keatings Schüler kamen ja aus der High Society und nachdem ihnen das Aufrechtsein gelehrt wurde, stand dieser Elite tatsächlich die Welt offen. Selbst wenn sie böse war, konnten sie sie ja nun ändern.

Um einen glaubhaften Lehrer zu entwerfen, sollte man den Widerspruch mit dem jeder Lehrer tagtäglich zu kämpfen hat, in die Figur legen: Den Widerspruch zwischen zu vermittelndem idealisiertem Lehrziel und rauer Realität. Dan weiß, dass die Schüler, die er unterrichtet gegen Goliath ankämpfen müssen und er hat Spaß daran, sie als Trainer und Geschichtslehrer immer wieder anzuheizen. Dass er selbst diesen Kampf schon lange verloren hat, macht ihn erst wirklich glaubhaft. Denn welcher ernstzunehmende Lehrer glaubt schon an die Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Lüge? Dans Mr-Hyde-Seite korrespondiert mit der Realität. Und diese Realität lässt Dans Bruder fragen, wie der Unterricht mit den »Affen« wohl läuft. Aber da HALF NELSON sich auch einem Schwarzweiß-Bild verweigert, entschuldigt sich der betrunkene Bruder sofort für diese Frage. Minimalistische Gesten, schwarze Dealer, ein Gefängnis, in dem nur Schwarze sitzen, ein unfairer Schiedsrichter beim Baseballspiel, eine todmüde Mutter genügen, um anklingen zu lassen, wie die Welt da draußen tatsächlich ist. Ryan Fleck begeht nicht wie viele andere Filme den Fehler, Sozialkritik überzustrapazieren.

HALF NELSON ist auch die Geschichte einer unmöglichen Freundschaft zwischen einem Junkielehrer und seiner Schülerin. Dan ist nicht fähig eine dauerhafte Beziehung zu einem Menschen aufzubauen. Doch Drey klebt an ihm wie eine Klette und akzeptiert ihn so wie er ist, denn ändern wird er sich nicht mehr. Für Drey ist der Lehrer Dan ein Abbild der widersprüchlichen Welt, die sie langsam zu begreifen anfängt. Am Ende spitzt der Regisseur die Unmöglichkeit dieser Freundschaft noch einmal zu, ohne dass er sie dabei zerstört. Insofern ist dieser Film nicht hoffnungslos pessimistisch, sondern lässt auch Hoffnung durchschimmern. It’s a very, very Mad world.

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