»HALLO? IST DA JEMAND

Zum 22. Mal findet in acht deutschen Städten eines der größten Genre-Festivals statt. (Berlin & Hamburg: 12.8./13.8. — 20.8.; Köln & Dortmund: 20.8. — 27.8.; Frankfurt & Nürnberg: 27.8. — 3.9.; München & Stuttgart: 3.9. — 10.9.)

Zombies schweißen Lindsey und Jimmy wieder zusammen: Horrorteeniekomödie DANCE OF THE DEAD im Stil der 80er (Foto: FFF).

Die Bandbreite der gezeigten Filme umfasst dabei genau genommen weniger das Genre des phantastischen Films, sondern das des Horror-, Science-Fiction- und Gangsterfilms, des Thrillers, der schwarzen Komödie und des düsteren Animationsfilms. Was vor 22 Jahren als Undergroundfestival in Hamburg begann, ist inzwischen eine etablierte Plattform für Verleiher und Produzenten. Aber neben konventionelleren Filmen, die schon längst ihren Weg in die Kinos gefunden haben (z. B. TRANSSIBERIAN, Start: 11.12.2008) oder noch finden werden, steht nach wie vor der etwas abseitige Film im Mittelpunkt.
Es gibt fünf Sektionen (ausgenommen den Special Screenings). Ein Kurzüberblick

FRESH BLOOD

Die Wettbewerbsfilme konkurrieren unter der Kategorie FRESH BLOOD um den vom Publikum vergebenen FRESH-BLOOD-Award. Die Filme wurden von Newcomern gedreht, wobei es sich um ihr Debüt oder ihren zweiten Spielfilm handelt. Diesmal starten in dieser Sektion zehn Filme.

Im Kammerspiel THE STRANGERS (Bryan Bertino, USA 2008) platzt ein romantisches Verlobungswochenende und endet in einem abgelegenen Landhaus. Der Regisseur verzichtet auf reißerische Folter. Grusel-Effekte resultieren aus subtilen Mitteln. Eine stetig ansteigende unterschwellige Bedrohung lässt den Horror vor allem im Kopf des Rezipienten ablaufen. Der Film startet am 20.11.2008 regulär in den Kinos.

In Brandenburg bricht die Vogelgrippe aus: VIRUS UNDEAD (Foto: FFF)

Auch einer der beiden einzigen deutschen Langfilme des Festivals läuft im Wettbewerb: VIRUS UNDEAD (Wolf Wolff, 2008). Dieser Zombie-Film gehört zu den Apokalypse-Horrorfilmen und betrachtet sich als Erbe eines George A. Romeros und eines Danny Boyles. Der Horrorfilm hat es generell schwer in Deutschland, da das unabhängige Gefüge zensierender Institutionen (FSK, Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien und die staatsanwaltliche Beschlagnahmungsbefugnis) weltweit einzigartig ist. Hinzu kommt, dass solche Filme (wie Genre-Filme überhaupt) nicht gerade zu den Lieblingen der Filmfördergremien zählen. Umso überraschender ist es, dass VIRUS UNDEAD laut Programmheft mit großer Professionalität aufwartet: internationale Besetzung, große Stunts, englischsprachiges Drehbuch, überzeugende Effekte.

Mit lahmgelegten Stimmbändern lässt ›s sich nicht gut schreien: Horrorsatire MUM & DAD (Foto FFF)

Die Horrorsatire MUM & DAD (Steven Sheil, GB 2008) spielt mit den Klischees streng-puritanischer Erziehung. Nachdem die Reinigungskraft Lena ihren Bus zum Flughafen verpasst hat, muss sie sich nicht nur Dinge anhören wie »solange du deine Füße unter meinem Tisch stellst« und »Junge Dame, du hast Stubenarrest!«, sondern sie wird zum Spielball einer sadistischen Familie. Die beängstigende Atmosphäre von Brutalität und Unberechenbarkeit soll mit Tobe Hoopers TEXAS CHAIN SAW MASSACRE (USA, 1974) vergleichbar sein.

SELECTED FEATURES

Das Hauptprogramm, die SELECTED FEATURES, zeigt europäische und amerikanische Filme.
Der schwarze Humor aus Skandinavien hat hierzulande schon lange sein Publikum gefunden. Besonders derb sind die Dänen, die mit IDIOTEN (Lars von Trier, 1998) und ADAMS ÄPFEL (Anders Thomas Jensen, 2005), dieser lief zuerst auf dem Fantasy Filmfest, schon bewiesen haben, dass sie sich der »political correctness« verweigern können. Mal sehen, ob die Norweger das auch drauf haben.

Nihilistisch Infizierten helfen nur noch Drogen: THE ART OF NEGATIVE THINKING (Foto: FFF)

Der Plot von THE ART OF NEGATIVE THINKING (Bärd Breien, 2006, Kinostart Deutschland: 18.9.). verspricht dies jedenfalls: Geirr sitzt seit einem schweren Unfall im Rollstuhl und betäubt sich mit Kriegsfilmen, Joints und Johnny Cash. Seine Ehefrau muss dagegen etwas unternehmen, wenn sie ihren alten Mann wieder haben will. Sie lädt eine Therapiegruppe Schwerbehinderter ein, die von einer strengen Frau mit »Feel Good«-Parolen geleitet wird. Natürlich kommt es zu Reibereien zwischen ihr und Geirr. THE ART OF NEGATIVE THINKING hat auf dem Filmfest in Karlovy Vary den Regiepreis gewonnen. Ein weiterer Film aus Skandinavien läuft als so genanntes Centerpiece. Es ist eine Verfilmung des Romans LET THE RIGHT ONE IN – so lautet auch der Filmtitel des Regisseurs Tomas Alfredson (S, 2008). Zwei zwölfjährige Außenseiter fühlen sich zueinander hingezogen; das Mädchen ist ein Vampir. Der Genremix aus Vampir- und Horrorfilm, schwarzer Komödie und Coming-to-Age-Geschichte lässt sich mit keinem Film vergleichen. Er hat bereits auf vielen Festivals Preise abgeräumt und startet am 23.12.08 in den Kinos.

Enthält sehr viel gruseligen Suspense: Alexandre Ajas MIRRORS (Foto: FFF)

Mit MIRRORS (USA, 2008, Kinostart Deutschland: 30.10.2008), einem Remake des koreanischen INTO THE MIRROR (Sung-ho Kim, 2003), legt Alexandre Aja seine neueste Arbeit vor. Dass er die Sprache des Horrorfilms sehr gut beherrscht, hat er schon mit dem Wes-Craven-Remake THE HILLS HAVE EYES (USA, 2006) und HIGH TENSION (F, 2003), letzterer war Opfer der hiesigen Zensur, bewiesen. Der Wachmann Ben Carson (Kiefer Sutherland) soll ein altes Kaufhausgebäude bewachen, das kurz vor dem Abriss steht. Der riesige Spiegel im Eingangsbereich zieht ihn magisch an. Er wird von etwas Teuflischem bewohnt.

»MARTYRS ist ein metaphysisches Experiment in purem Schmerz…« (Text/Foto: FFF)

Die französisch-kanadische Koproduktion MARTYRS (Pascal Laugier, 2008) ist der Extremschocker des Festivals. Er steht in der Tradition der französischen harten Welle und behauptet, wie das so üblich ist, seine Vorgänger HIGH TENSION und INSIDE (Alexandre Bustillo, Julien Maury, F 2007) zu übertreffen: Anfang der 70er Jahre schleppt sich ein zehnjähriges Mädel schreiend und blutend durch ein verlassenes Industriegelände. Im Krankenhaus jedoch weist sie keine Anzeichen sexueller Gewalt auf. 15 Jahre später klingelt es an der Tür einer vierköpfigen Familie und davor steht eine Person mit einem Jagdgewehr.

Französische Spezialkost MARTYRS.

Die Splatterkomödie DANCE OF THE DEAD (Gregg Bishop, USA 2008) verbindet den Teenie-Slasher mit dem Zombiefilm und atmet den blutspritzigen Geist der 80er: Jeder bereitet sich auf die Prom Night vor, d.h. Klamotten sichten, Sexfantasien ausbrüten und Dates arrangieren. Doch das am Friedhof gelegene Atomkraftwerk macht den Partyhengsten einen Strich durch die Rechnung…

Tritt eine Reise in die Vergangenheit an: WALTZ WITH BASHIR (Foto: FFF)

Der Animationsfilm WALTZ WITH BASHIR (Ari Folman, Israel, F, D 2008) hatte schon im Wettbewerb in Cannes für Aufmerksamkeit gesorgt. Seit den graphic novels von Will Eisner hielt das Autobiographische in den Comic Einzug und seit der Verfilmung von Marjane Satrapis PERSEPOLIS (F, USA 2007) auch in den Animationsfilm. Doch war Satrapis Animation durch den Verzicht auf Farben und äußerste Reduktion geprägt, so wirken Folmans farbige Bilderwelten fast filigran. Der israelische Regisseur wurde eines Nachts von jemandem in einer Bar angesprochen. Der erzählte ihm von dem immer wiederkehrenden Alptraum, dass er von 26 dämonischen Hunden gejagt werde. Die beiden kamen zu dem Schluss, dass das mit dem Erlebnissen des Libanon-Kriegs zusammenhängen müsse. Folman, damals selbst Soldat, wunderte sich, dass er selbst sich an nichts mehr erinnern konnte. Also suchte er alte Kameraden auf, die er interviewte, um seine Erinnerungslücken zu füllen. WALTZ WITH BASHIR, mit einem 80er-Jahre-Soundtrack unterlegt, wechselt zwischen Interviews, surrealen Traumsequenzen und Kriegserinnerungen.

Trailer WALTZ WITH BASHIR

MIDNIGHT MADNESS

Die Sektion MIDNIGHT MADNESS, die in diesem Jahr sieben Filme umfasst, widmet sich den bizarreren und extremeren Filmen. In dem 36 STEPS (Adrián García Bogliano, Argentinien 2007) findet eine Sommerparty statt, die auf dem ersten Blick fröhlich aussieht. Der zweite allerdings offenbart, dass die Mädchen von einem Psychopaten verschleppt wurden und sich nicht vom Grundstück entfernen dürfen. »Russ Meyer meets Battle Royale« heißt es dazu im Programmheft und der Trailer sieht auch ganz danach aus.

Feiern bis zum Totumfallen: 36 STEPS

Die Zeiten ändern sich. Wurde einst von Teufeln gejagt, nun ist er selber einer: Bruce Campbell in MY NAME IS BRUCE (Foto: FFF)

Auch B-Movie-Star Bruce Campbell (TANZ DER TEUFEL) ist wieder am Start – diesmal allerdings nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera mit MY NAME IS BRUCE (USA, 2007): Jugendliche haben aus Versehen einen China-Dämon in Gummi-Ganzkörpermontur zum Leben erweckt, der daraufhin ein Dörfchen in Oregon bedroht. Der Bruce-Campbell-Fan Jeff hat die Idee, seinen Star im Kampf gegen die Kreatur einzusetzen. Doch der steckt gerade bis zum Hals in Dreharbeiten.

THE RAGE (2007) ist ein Trashfeuerwerk des Make-Up-Spezialisten Robert Kurtzman und auch der inzwischen 68jährige Giallo-Filmer Dario Argento kann es nicht lassen: Mit MOTHERS OF TEARS: THE THIRD MOTHER schießt er die bisher unvollendet gebliebene Trilogie SUSPIRIA (I, 1977), INFERNO (I, 1980) über ein Hexentrio ab. Friedhofsmitarbeiter finden den Sarg der dritten Hexe und der Spuk bricht erneut aus. »Typisch für Argentos Arbeiten sind vor allem formal extravagante Inszenierungen, die einem klassischen Filmverständnis als dramaturgisch und narrativ unmotiviert erscheinen könnten, eine meist wenig kohärente Plotgestaltung, die seinen Filmen oft traumähnlichen Charakter verleiht, und die für gewöhnlich rauschartig wirkenden Inszenierungen spektakulärer Morde.« (Wikipedia)

FOCUS ASIA

Die Sektion FOCUS ASIA widmet sich dem asiatischen Raum. Johnny To verfilmte mit MAD DETECTIVE (Hongkong 2007) einen High Concept-Thriller. Die Visualisierung der Schizophrenie des Inspektor Buns, der die Fähigkeit hat, sich in die Hirne von Verbrechern zu versetzen, steht für To im Mittelpunkt.

Takashi Miikes LIKE A DRAGON (Foto: FFF)

Takashi Miike verfilmte das Playstation-Videospiel »Yakuza«. In LIKE A DRAGON (J, 2007) zeigt er das gewalttätige Treiben in einem Tokioer Vergnügungsviertel. Des Weiteren laufen im FOCUS ASIA noch einige Martial-Arts-, Samurai- und Animationsfilme.

SHORTYS

Der dreiminütige CARLITOPOLIS (Luis Nietos, F, 2006) eröffnet das Festival. (Foto: FFF)

Schlussendlich gibt es noch Kurzfilme. Drei deutsche laufen unter dem Titel COWBOYS, TOD UND TRÄUME. Zehn weitere sind an einem Abend unter der Bezeichnung GET SHORTY zu sehen. Darunter ein Drei-Minuten-Film von Lars von Trier (DK, 2007).

Die Filme werden im Original gezeigt. Nichtenglischsprachige Filme sind in der Regel mit englischen Untertiteln versehen, in einigen Ausnahmen mit deutschen.
Der Eintritt kostet 8 €.
In Berlin findet das Fantasy Filmfest im CinemaxX am Potsdamer Platz und im Kino in der Kulturbrauerei statt. Eröffnet wird das Festival am 12.8. in Berlin, um 20.15 Uhr im CinemaxX. Zuerst wird der Kurzfilm CARLITOPOLIS gezeigt, gefolgt von dem Hauptfilm EDEN LAKE (James Watkins, GB 2008).
Der Katalog mit Infos zu allen Filmen ist auf der Website des Festivals zu finden, ebenso der Terminplaner für alle Städte. Karten in Berlin/Hamburg können im Vorverkauf ab dem 4. August in den Kinos gekauft und online bestellt werden. In den anderen Städte beginnt jeweils eine Woche vor Festivalbeginn der Vorverkauf.

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Ein Kommentar zu

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  1. Hamburger sagt:

    Super Post, macht immer Spass hier mitzulesen 🙂

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