FILMKRITIK: Heavens Story — Lehrstück über Shinto-Buddhismus

Regie: Zeze Takahisa
JP 2010
278 Minuten

11.2. CinemaxX 4 19.30h OmE
13.2. CineStar 8 11.00h OmE
14.2. Arsenal 1 17.15h OmE

HEAVENS STORY ist mit mehr als viereinhalb Stunden zweitlängster Film dieser Berlinale. Doch während de 237minutige, aber kurzweilige LOVE EXPOSURE (Forum 2009) eine leichtfüßige Reise durch das Genre-Repertoire der (japanischen) Filmgeschichte unternimmt und gerade dadurch in die Tiefe geht, gerät dieser Marathon-Film über eine sich dahinschleppende Rache zu einem visuell recht paradoxen, episch ausuferndem Lehrstück über das menschliche Dasein.

Prolog aus dem Off: Ein Monster kam auf die Erde. Obwohl es nur die Nähe der Menschen suchte und ihnen nichts tat, fürchteten sie sich vor ihm. Da begann es niederträchtig zu werden und einige von ihnen zu infizieren und so kam das Böse auf die Welt. Die Familie der achtjährigen Sato, die gerade in eine neue Appartementsiedlung gezogen ist, wird von einem Psychopathen getötet. Durch die sommerlichen Neubaublocks irrend, erfährt das traumatisierte Mädchen aus einem Fernseher in einem Schaufenster vom Selbstmord des Täters. In etwa zur gleichen Zeit wird eine Frau erschlagen und ihr Kleinkind im Fluss ertränkt. Ihr Mann Tomokoi schwört Rache und wendet sich per Mail an eine Agentur für Auftragsmorde – doch der junge Mörder Mitsuo wurde bereits von Polizei und Justiz gefasst.

Zeze Takahisa zeigt das vom Point of View der beiden Protagonisten, mit einem äußerst dramatischen Gestus. Statt mit der Rache-Geschichte fortzufahren, streut er nun weitere Plots über den Ex-Polizisten Kaijima und eine schwerhörige Rockmusikerin ein. Nach neun Jahren filmische Zeit und zwei Stunden Filmzeit beginnt Sato endlich mit einer „Stellvertreterrache“ an Mitsuo. Da sie den Mord an ihrer Familie nicht sühnen konnte, verlagert sie ihre Vergeltung auf den anderen Täter, der zufällig zur gleichen Zeit mordete.Inzwischen ist der „Draht“ zwischen Zuschauer und Sato/Tomokoi gerissen. Man beobachtet die nun langsam anrollende Rache mit Distanz. Zusätzlich wird sie auch noch dadurch gebremst, dass Tomokoi mit der schwerhörigen Rockmusikerin ein ganz glückliches Familienleben führt, und gar nicht mehr auf Mitsuo lauert. Dieser ist dann eigentlich auch ganz nett und pflegt inzwischen eine sterbende Alzheimer-Patientin. Der Ex-Polizist Kaijima wird irgendwann ermordet, dadurch gerät wieder jemand anders unter Druck.

 

Zezes Intention: Mit dem Aufbrechen dramatischer Plot-Strukturen will er ein differenziertes Weltbild vermitteln und dem Zuschauer Unterricht im Shinto-Buddhismus, der vorherrschenden Religion Japans, geben. Der Prolog mit dem Monster steht exemplarisch dafür. Ein Gut-Böse-Schema existiert nur in (monotheißten) Köpfen, ist aber nicht universell. Die Naturreligion Shinto berichtet von Göttern und Dämonen mit unterschiedlichen Zielen, die einander auch entgegengesetzt sein können, unterwirft diese Ziele aber keinen moralischen Wertungen. (In dem Anime CHIHIROS REISE INS ZAUBERLAND von Hayao Miyazaki wurde das auf sehr anschauliche Weise vermittelt. Wettbewerb und Goldener Bär 2002.) Zeze streut gegen Ende mehrfach Szenen aus dem NO-Theater ein, in denen Männer (hier auch Frauen) mit Masken diese Gottheiten, Dämonen und Ungeheuer verkörpern. Der westliche Europäer kennt aber die Essenz dieses Gedankens schon, wenn er nämlich im Unterricht bei den antiken griechischen Dramen aufgepasst hat.

Da es Zeze Takahisa während der Produktionsphase nicht gelang, visuelle Mittel für diese Metaebene zu finden, musste er den gesamten Plot auf epische 278 Minuten aufblasen und vier Plotlinien umständlich miteinander verzahnen. Deshalb wurde auch sein Drehbuch, das schon zu Beginn der Arbeiten aus beachtlichen 170 Seiten bestand, Standard sind 90 bis 120, während der Produktion länger und länger.
Ein weiteres Symptom dieser visuellen Einfallslosigkeit ist die widersinnige Überlagerung von Perspektiven. Den dramatischen Ausdruck behält er nämlich bis zum Ende bei. Was zu Beginn vollkommen berechtigt ist, gerät aber mit dem inhaltlichen Aufbrechen der Rachestruktur, zu einem Paradox. Zeze will auf der Metaebene das Gut-Böse-Schema durchbrechen. Er entwickelt dementsprechend auch viele Plotlinien, die eine komplexere Sichtweise ermöglichen sollen, letztendlich bleiben aber auch diese recht oberflächlich, sie reichen an die griechischen Dramen nicht heran. Visuell bleibt er aber bis knapp vor dem Ende dramatisch und sehr figurenbehaftet. Die Schere zwischen Visualität und Autorenintension wird so groß, dass Zeze Takahisa am Ende doch andere Mittel findet. So hat er zum Schluss offenbar das epische Mittel von Brecht und den Surrealismus entdeckt. Wer es dann aber immer noch nicht geschnallt hat, der warte auf den Abspann. Dort gibt es nochmal einen Song, der den Sinn von HEAVENS STORY besingt.

 

 

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