Nirvana (Forum) — Schriller Ausstattungsfilm aus St. Petersburg

Regie: Igor Voloshin
Russland 2008
89 Min.

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Es gibt eine Theorie, dass Filmemachen nichts anderes sei, als die immer gleichen Themen anders zu verfilmen. Wenn das stimmt, hat der russische Regisseur Igor Voloshin in seinem Erstlingswerk »Nirvana« alles richtig gemacht. Leider gibt es im Forum, wo der Film läuft, weder für Maske, noch für Kostüme, noch für das Bühnenbild Spezialpreise. Nirvana bekäme sie alle und hätte selbst beim Soundtrack noch gute Chancen. Warum also zündet der Film trotzdem nicht?

13.2. 12.30 Uhr, Cubix 9, OmE
14.2., 22.00 Uhr, Delphi, OmE
17.2., 20.00 Uhr, Colosseum 1, OmE


Die Geschichte ist schnell erzählt. Die Moskauer Krankenschwester Alisa hat die Schnauze voll von Moskau und zieht nach St. Petersburg. In einer heruntergekommenen WG wohnt sie mit dem Junkie-Päärchen Valera und Dead Man zusammen. Als Dead Man ein Verhältnis mit ihr beginnt, bekriegen sich die beiden Frauen, finden aber zueinander, als Valera eine Überdosis nimmt und Alisa sie rettet. Dann wird Dead Man entführt, weil er seine Schulden nicht bezahlen konnte. Alisa und Valera ziehen durch St. Petersburg, um das Geld aufzutreiben. Mit viel Mühe gelingt es und sie kaufen Dead Man frei. Dead Man klaut aber dann das Geld, das die beiden zum Zurückzahlen der Schulden benötigen und flüchtet. Valera begeht daraufhin Selbstmord, Alisa holt sich bei Valeras Dealer eine Überdosis, im Rausch erscheint ihr Valera und gibt ihr wieder Lebensmut.

Nicht nur die schrägen Kostüme und phantasievoll geschminkten Frauen sind ungewöhnlich, auch die Geschlechterverhältnisse scheinen vertauscht. Die Männer sind den Frauen völlig unterlegen. Der einzige direkte Kampf zwischen einem Mann und einer Frau endet nach nur einem einzigen festen Schlag — mit einem zertrümmerten Schädel des Mannes. Einen gleichwertigen Gegner für Prügeleien haben die beiden Frauen nur, wenn sie gegeneinander kämpfen. Nach der Prügelei zeigen sie sich stolz die Narben vergangener Kämpfe.

NirvanaDas alles rettet den Film aber nicht, so schön diese Kleinigkeiten auch sein mögen. Wie der Regisseur vollkommen richtig anmerkt, ist diese Geschichte zeitlos. Sie ist weder neu noch besonders intelligent. Genau das ist ihr Problem. Voloshin hat nichts zu erzählen. Er betreibt einen gewaltigen Aufwand, um dieses inhaltliche Nirvana hinter Tonnen von Schminke, Kostümen und lauter Musik zu verstecken. Die von Szene zu Szene wechselnden irrsinnigen Kostüme und grotesken futuristischen Schminkorgien dienen aber leider gerade nicht dazu, das Innere der Figuren erkennbar zu machen. Vielmehr übertünchen sie nur die inhaltliche Leere des Films und der Figuren. Die Ausstattung korreliert nicht mit der Entwicklung der Geschichte, sondern folgt eigenen Gesetzen, die rein ästhetischer Natur sind. So werden Schauspielerinnen zu Models degradiert.

Das sollte aber niemanden hindern, diesen insgesamt doch großartigen Film eines russischen Ausnahmetalents anzusehen. Wie eingangs schon erwähnt, würde ich dem Film sofort drei Spezialpreise für die Ausstattung zuerkennen. Allein die hochästhetischen Bilder heruntergekommener Kulissen in St. Petersburg sind den Eintritt wert. Nirvana ist eine wunderbare, phantastische und hochästhetische Verpackung für einen leeren Kern. Wenn Voloshin sich das nächste Mal entscheiden könnte, auch einen Film zu drehen und sich nicht allein auf seine Kostüm- und Maskenbildner zu verlassen, wäre alles gut.

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2 Kommentare zu Nirvana (Forum) — Schriller Ausstattungsfilm aus St. Petersburg

  1. Johanna sagt:

    »… hochästhetische Bilder heruntergekommener Kulissen in St. Petersburg …«

    Ein Kommentar, wie ihn nur ein Anhänger von Unmotiven geben kann.

    Habe mich bei der Kritik vor Schmerzen gewunden. Am meisten tut weh, dass Du recht hast.

  2. Pingback: Forum 2010: Herzlichen Glückwunsch zum 40. « das blog zum hof

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