FILMKRITIK: I’m in Trouble, Au Revoir Taipeh, Our Fantastic 21st Century: Das junge asiatische Kino entdeckt die Nouvelle Vague

Filme aus dem fernen Osten sind bekannt für skurille Figuren, schräge Martial-Arts-Action und seltsam Übernatürliches. Seit einigen Jahren allerdings deutete sich schon eine Hinwendung zu realistischeren Erzähltechniken an, auch im Forum wie bspw. im Film My Dear Enemy im letzten Jahr. Dieses Jahr hat sich eine ganze neue Filmgeneration aufgemacht und verbindet das asiatische Kino mit dem europäischen Kino der 60’er Jahre. Anknüpfungspunkt der neuen Welle asiatischer Independent-Produktionen ist die französische Nouvelle Vague.

Die beiden koreanischen Produktionen I’m in Trouble (Na-neun gon-kyeung-e cheo-haet-da!) von So Sang-min und Our Fantastic 21st. Century (Neo-wa na-eui i-shib-il-seki) von Ryu Hyung-ki sowie der taiwanisische Film Au Revoir Taipeh (Yi ye Tai bei) des in Kalifornien aufgewachsenen Taiwanesen Arvin Chen sind drei Langfilmdebüts, die — ohne völlig mit den alten Erzählmustern zu brechen — neue filmische Wege beschreiten.

Allzu leicht macht es Sun-woo, die Hauptfigur von I’m in Trouble! dem Zuschauer nicht, ihn zu mögen, wie auch den anderen Protagonisten des Films. Das größte Talent des planlos in den Tag hineinlebenden Müßiggängers Sun-woos besteht darin, seine Freunde immer wieder vor den Kopf zu stoßen und selbst das harmonischste Miteinander in kürzester Zeit in eine Katastrophe zu verwandeln. Als Beruf gibt der moderne Taugenichts Dichter an, weil er irgendwann einmal in der Schule einen Dichterpreis gewonnen hat. Dichten sieht man ihn allerdings nie, dafür ist er meistens betrunken, vor allem wenn er eigentlich mit seiner Freundin Juna verabredet war. Die macht denn auch folgerichtig mit dem labilen Durchhänger Schluß, obwohl der sie auf Knien um Entschuldigung bittet. Nicht zum ersten Mal.

Auch sonst weiß Sun-woo immer wieder seine Umgebung zu schockieren, sei es, weil er nackt und betrunken durch den Ruhebereich eines Schwimmbades torkelt oder einem vorbeifahrenden Taxifahrer eine Macke ins Auto tritt und dafür die Nacht auf der Polizeistation verbringen muss. Was ein derartiges Gammlerleben in der koreanischen Leistungsgesellschaft bedeutet, kann man an den Reaktionen der Umwelt erkennen. »In Europa kannst du als Dichter leben, hier musst du dir einen anständigen Job suchen«, sagt einer seiner Freunde einmal. Ähnlich wie die klassischen Verweigerfiguren von Truffaut oder Godard ist aber auch Sun-woo durchaus liebenswert, weshalb Juna ihm dann doch immer wieder eine weitere Chance gibt. Am Ende des Films raufen sich die beiden wieder einmal zusammen. Wer weiß, für wie lange.

Anders als der labile und hochaggressive Sun-woo weiß die junge Lagerarbeiterin Soo-young in Our Fantastic 21st. Century genau, was sie will — sie will Modedesignerin werden. Dafür muss die schlanke Frau in der koreanischen Gesellschaft aber erst noch weiter abmagern. Eine Körperfettabsaugung kostet auf der anderen Seite aber viel Geld. Geld, das sie eigentlich nicht hat, mit kleinen Betrügereien gegenüber dem Supermarkt, in dem sie arbeitet, aber bekommt. Nur um dann von ihrem eigenen Freund bestohlen zu werden. Natürlich kommt ihr die Firma auf die Schliche, weshalb sie dann zu einem Finanzhai geht, um sich wegen der Schulden Geld zu leihen. Jeder Versuch, sich irgendwie zu retten, führt nur noch tiefer ins Schlamassel, bis am Ende ein glücklicher Zufall doch noch alles zum Guten wendet.
Schon der Titel Our Fantastic 21st. Century zeigt, dass die Story für Regisseur Ryu Hyung-ki mehr ist als nur eine nette kleine Filmgeschichte — hier will einer etwas zur Lage im neuen Jahrhundert sagen. Soo-young steht stellvertretend für »junge Leute zwischen 20 und 30«, sagt der Regisseur, die sogenannte 800000-Won-Generation in Südkorea (ca. 1000 €). Our Fantastic 21st. Century zeichnet ein deprimierendes Bild der jungen Geringverdiener, Hauptfigur Soo-young sieht man im ganzen Film nicht ein einziges Mal lächeln, selbst als sie sich ihren großen Traum endlich doch noch erfüllen kann. Vermutlich ahnt sie da schon, dass nach der Wunscherfüllung im globalisierten Neoliberalismus nur die nächste Enttäuschung wartet.

Arven Chen aus Taiwan gibt im anschließenden Q&A unumwunden zu, dass seine filmischen Vorbilder die Filme der Nouvelle Vague sind. Schon der Filmtitel Au Revoir Taipeh lässt sich so durchaus auch als ästhetisches Statement lesen. Auch die verzweifelten Versuche der Hauptfigur Kai zu Beginn des Films, sich in einer Buchhandlung mit einem Französisch-Lehrbuch die Sprache selbst anzueignen, weil er seiner Freundin nach Paris nachreisen will, kann ebenfalls als versteckter Hinweis des Regisseurs verstanden werden. Taipeh, die Hauptstadt Taiwans, wie Paris, die Stadt schlechthin, aussehen zu lassen, sei sein Ziel gewesen, sagt Chen weiter im Q&A. Das gelingt allerdings nicht ganz, wie er selbst zugibt. Dafür ist Taipeh mit seinen vielen grellbunten Neonlichtern einfach zu asiatisch geprägt.

Au Revoir Taipeh spielt fast ausschließlich in der Nacht und ist doch alles andere als ein düsterer Film geworden. Mit viel Humor erzählt Chen rund um die beiden Hauptfiguren Kai und Susi eine bonbonbunte Screwball-Comedy, in der Kais ebenso großer wie verfressener Freund Gao, der verliebte Immobilien-Hai Bao, der sich zur Ruhe setzen will und eine Bande Möchtegern-Gangster in quietsch-orangen Anzügen, mit denen sie selbst ein halbblinder Polizist in einem ausverkauften Fußball-Stadion sofort wiederfinden würde, die aberwitzige Handlung voran treiben, die letzten Endes natürlich nur dem Ziel dient, Kai und Susi endlich zusammen zu bringen.

In Europa markierte die Nouvelle Vague den Übergang von der Nachkriegsgesellschaft, die den wirtschaftlichen Aufbau vollzog, hin zur modernen Wohlstandsgesellschaft. Die Müßiggänger der französischen Filme der 60’er Jahre wiesen dabei schon voraus auf den Gammler der späteren 68’er. Dass junge asiatische Filmemacher gerade jetzt an diese Traditionen anknüpfen, sagt viel über die wirtschaftliche Stagnation der sogenannten Tigerstaaten. Die Protagonisten der Filme sind Arbeitslose oder Geringverdiener, die keinen Zugang mehr in die Leistungsgesellschaft Südkoreas bzw. Taiwans finden, auch wenn ihre Überlebensstrategien verschieden sind: Rebellion (Sun-woo), Kriminalität (Soo-young) bzw. Flucht (Kai).

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