Im Reich der Sinne — 100 Jahre japanischer Film von Inuhiko Yomota

Erschienen: Stroemfeld Verlag, Mai 2007, 18€

Es ist kaum zu glauben: 109 Jahre nachdem in Japan der erste Film gedreht wurde, gibt es nun auch schon in Deutschland das erste deutschsprachige Buch über die japanische Filmgeschichte. Und es ist wie neu, lediglich sieben Jahre alt.

Was Filmliteratur anbelangt, ist Deutschland ein Entwicklungsland. Wer das neueste über den Film wissen will, muss schon vorrangig englisch- oder französischsprachige Publikationen lesen. Dank dem Stroemfeld-Verlag gibt es nun endlich, endlich einen Abriss über die japanische Filmgeschichte auch auf Deutsch. 170 Seiten lang beschäftigt sich der Kultur- und Literaturwissenschaftler Inuhiko mit den verschiedenen Etappen des japanischen Film, von 1898 bis in die mittleren 90er Jahre. Dazu gibt es einen Personenglossar und ein äußerst knappes Sachglossar. Am Schluss sind ein paar Schwarzweiß-Fotos beigefügt.

Yomota bereitet die einzelnen Phasen anhand der verschiedenen großen Produktionsstudios auf, die, ähnlich wie in den USA, miteinander konkurrierten und sich immer auch unterschiedlichen Topoi verpflichtet fühlten. Man muss hier tatsächlich auch in der Vergangenheit schreiben, denn Anfang der 80er kam es zum Zusammenbruch und zur Auflösung des Studiosystems, eine Entwicklung, die allerdings schon in den 70ern eingeleitet wurde. Die gelungensten Kapitel sind die von den Anfängen. Dort beschreibt Yomota detailliert die Entstehung der beiden ersten großen Studios Shôchiku und Nikkatsu – letzteres ist zweifellos das interessanteste, über die wohl weltweit einzigartigen »benshis«: Statt Zwischentiteln bei Stummfilmen gab es in Japan so genannte Filmerklärer, die die Szenen im Kino live erklärten und die den Status von Filmstars hatten und sogar versuchten, die Filmproduktionen zu beeinflussen. Interessant beschreibt Yomota auch die Nachkriegsphase, die Zensur seitens der amerikanischen Besatzung und die Herausbildung neuer Genres, wie die Monsterfilme (bei Tôhô) als Antwort auf die us-amerikanischen Luftangriffe. Ab da etwa aber als der japanische Film seinem zweiten großen Höhepunkt zusteuerte, um 1960 – in dem Jahr wurden 547 (!) Filme produziert – erliegt Yomota der Fülle des Materials und zählt fast nur noch auf. Zwar wird immer wieder versucht, einzelne Genres und Entwicklungen zu erklären, aber alles viel zu knapp. Bei vielen interessanten Anmerkungen hätte man sich sehr viel mehr Erläuterungen gewünscht. Die 90er Jahre, der Höhepunkt des japanischen Independentfilms, werden mit knapp 9 Seiten abgehackt, wobei bspw. der Name Miike nur erwähnt wird. Trotzdem gibt Yomota einen ersten zusammenfassenden Einblick in die gesamte japanische Filmgeschichte, die man anhand von englischsprachiger Literatur zu den einzelnen Genres vertiefen kann, denn dazu gibt das Buch viel zu wenig her. Fest steht, dass die japanische Filmgeschichte sehr viel mehr zu bieten hat, als Yakuzza- und Monsterfilme und auch mehr als Kurosawa und Kitano.

Äußerst ärgerlich ist, dass der Verlag bzw. der Übersetzer aus dem 40seitigen und damit für dieses kurze Buch sehr ausführliche Personenglossar kein Personenregister erarbeitet hat, denn so hätte man „Im Reich der Sinne“ als Nachschlagewerk benutzen können.

Die Übersetzung von Uwe Hohmann ist ziemlich ungelenk und nicht souverän. Von Film scheint er nicht so viel Ahnung zu haben, so schreibt er beispielsweise andauernd von Makkaroni-Western, anstatt von Spaghetti-Western.

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