Interview — wie Hund und Katz

Regie: Steve Buscemi
USA, Niederlande 2006
81 Minuten
Kinostart: 3.4.2008

Zweipersonenstück um Journalist und Soup-Opera-Starlet nach einer Verfilmung des 2004 ermordeten niederländischen Regisseurs Theo van Gogh.

Der Journalist Pierre Peders (Steve Buscemi) soll das junge blonde Starlet Katya (Sienna Miller) interviewen. Doch dazu hat der intellektuelle, engagierte Kriegsreporter überhaupt keine Lust. Das ist nicht sein Metier. Er sitzt wartend in einem Upper-Class-Restaurant und exakt eine Stunde später schneit Katya endlich herein. Peder kocht inzwischen vor Wut, doch wenigstens kann das Interview jetzt endlich beginnen — wenn da nicht andauernd Fans von Katya Autogramme erbetteln würden.

INTERVIEW ist der erste Teil einer Trilogie, die auf Arbeiten Theo van Goghs bassieren. Andere Remakes, u.a. »Blind Date« (R.: Stanley Tucci) sollen folgen. Wie Buscemi sind auch die anderen Regisseure, die sich an dem Projekt beteiligen, hauptberuflich Schauspieler. Das verwundert nicht, denn die Filme des ermordeten Niederländers sind dafür bekannt, dass sie Schauspielerfilme sind. Besonders deutlich wird dies bei diesem Film, der viel mehr Theaterstück ist, und somit viel Raum fürs Spielen eröffnet: Der Plot könnte direkt nach Aristoteles’ Kriterien der Einheit von Ort, Zeit und Handlung geschrieben worden sein. So verdichtet ist die Story, so rar die Orte, so überschaubar die Zeit.

Eine Nacht dauert das Interview, das sich zuerst im Restaurant, dann bei Katya zu Hause abspielt. Die beiden liefern sich permanente Wortgefechte und die hin- und herkippende Stimmung, die plotpoints, könnte man mit der Stoppuhr messen — so häufig ändern sich die Arenen. Dabei wird immer unklarer, wer das Interview eigentlich führt, wer die Fäden in der Hand hält. Journalist Pedar begibt sich schon von Anfang an in eine angreifbare Position, als er zugibt, nicht einen einzigen ihrer Filme zu kennen, aber sich trotzdem herausnimmt, von oben herab, als elitärer Intellektueller, zu argumentieren — Katya hat damit erst einmal die Sympathien des Zuschauers auf ihrer Seite.

Zu Beginn spielen Miller und Buscemi nur Figuren — einen Journalisten, wie man sich ihn gut vorstellen kann: Er ist schon wer unter den Presseleuten, hat vielleicht sogar den Pulitzerpreis gewonnen und daraus erwächst dann jene Überheblichkeit, die ihn manchmal vergessen lässt, dass nicht er im Mittelpunkt seiner Arbeit steht. Er hat sich über alles schon eine Meinung gebildet, noch bevor er überhaupt recherchiert hat, denn auf seine Menschenkenntnis bildet er sich enorm was ein. Also jene Überheblichkeit, die als Krankheit der Journalisten bekannt ist wie die Mehlallergie bei berufskranken Bäckern.

Und sie — das Starlet? Extrovertiert, gefragt, gestreßt. Weltfremd, weil sie keine Zeit hat, sich mit Alltäglichkeiten abzugeben. Und sind beide nicht auch Gegensatzpaare? Der Journalist und sein zu beschreibendes Objekt? Er, der nur passiv sein darf; während sie ruhmreich, begehrt und aktiv ist? Eine Macherin und ihr zu ewigen Passivität verdammter Kontrapunkt? Von dieser Perspektive aus, nämlich seiner, ist die Überheblichkeit des Journalisten eine Art Schutzhülle, die ihn davor bewahrt, vor anderen, vor allem aber vor sich selbst, zum Nichts zu zerfallen. Sie aber wird von allen nur als die dumme Triene mit dem hübschen Gesicht und Körper betrachtet, die sie zufällig von Gott geschenkt bekommen hat.

Aus diesen Rollenbildern entwickeln sich Stück für Stück Charaktere. In dem Maße wie sie sich aufeinandereinlassen müssen, gegeneinander kämpfen und sich verletzen, fallen auch diese Hüllen, Klischeebilder von ihnen ab. Sie offenbaren sich einander und werden damit angreifbarer und verletzbarer.

Leider entscheidet sich das Drehbuch für einen weniger subtilen Fortgang und ist, ganz spektakulär, auf eine überraschende Schlusspointe aus, die man, unglücklicherweise, auch noch recht frühzeitig erahnen kann. Dafür lassen die Wendungen, Irrungen und Wirrungen um so mehr Platz für das überzeugende Kammerspiel von Steve Buscemi und Sienna Miller. Ein Film, den man unbedingt im Original sehen sollte — er ist auch für durchschnittliche Englischkenner gut zu verstehen.

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