FILMKRITIK: Jess + Moss — Reise zurück

Regie: Clay Jeter
USA 2011
84 Min.

19.2. Cubix 8 15.30h
20.2. H.d.K.d.W. 14.00h

Eine halbe Stunde, nachdem im Forum die Weltpremiere des Konzeptfilms TWENTY CIGARETTES durch ist, läuft in der Generation 14plus ein viel radikaleres Filmexperiment als das inzwischen schon hinlängst bekannte und risikolose von James Benning. Regisseur Clay Jeter verzichtet weitestgehend auf eine Storyline, es gibt nur einen Background. Moss erinnert sich in vielen aneinandergereihten Szenen an die Sommerferien mit seiner Cousine Jess, die auch, wenn es zu Überlagerungen und Wiederholungen kommt, in keinem Zusammenhang stehen. Die Wirkung, die eine 84minütige permanente Verletzung des unsichtbaren Schnittes hat, ist für mich das eigentlich Faszinierende.

Damit das Montageprinzip für den Zuschauer nicht wahrnehmbar ist und der Einstellungsflow möglichst ohne Brüche die Story des Film in den Vordergrund schiebt, gibt es die klassischen Schnittregeln. Clay Jeter will mit JESS + MOSS genau das Gegenteil erreichen: Seine Szenen sind hereinbrechende Erinnerungsblitze, Attacken, insofern benutzt er das Abgehackte, das mit dem unsichtbaren Schnitt normalerweise auf ein Minimum beschränkt werden soll, als Grundprinzip seines Films. Orte und Zeiten wechseln willkürlich, genau wie die beiden Protagonisten von Einstellung zu Einstellung im Bild hin- und herspringen. Jede Szene jumpt pulsierend und wuchtig in den Film, der dadurch einen völlig ungewohnten Rhythmus erhält. Es sind die Erinnerungen des 12jahrigen Moss, der versucht, sich mit Hilfe eines Mega-Memory-Tapes an den Sommer im ländlichen West-Kentucky mit der 18jährigen Jess zu erinnern. Sie leben scheinbar allein in einem heruntergekommenen und kaputten Messie-Haus, vollgestopft mit Spielzeug, Pflanzengläsern, Klamotten, Kassettenrecordern, Tapes und Fotos. Jess hat gerade ihre Schule beendet und lebt allein mit ihrem Vater, ihre Mutter hat sie verlassen. Moss wohnt bei seinen Großeltern. Es gibt zwei grobkörnige parallele Einstellungen, die diesen Background ohne viel Wort zeigen. Die Gesichter der Erwachsenen verschwimmen – Moss will sich an sie nicht erinnern. Moss´ Reise zurück ist auch gleichzeitig eine Erinnerung an die Bewältigung eines Traumas. Seine Eltern kamen bei einem Unfall ums Leben, insofern brechen in die sommerlichen Bilder von kindlicher Unbeschwertheit, inmitten in die staubig-rötlichen Tabakfelder und der Freiheit unterm nächtlichen Sternenhimmel immer stärker alptraumhafte Erinnerungsfetzen herein. Jess muss ihn immer wieder beschwören und trösten, aber auch sie hört sich immer wieder die letzten Worte ihrer Mutter auf dem Tape an. Als Erwachsener spielt er es nun ab, dazu mischt sich ein nicht einordbares schlagendes Geräusch, das nicht vom Band kommt. Später kehrt auch die visuelle Erinnerung zurück: Moss beobachtet heimlich Jess, wie sie sich die Kassette anhört und sich dabei selbst schlägt. Die kreisenden und sich wiederholenden Erinnerungsfetzen werden immer vollständiger, das Verdrängte kehrt zurück.
Der Kameramann Will Basanta verwendete eine Collage von über 25 Jahre altem Filmmaterial, stark grobkörnigem Filmmaterial, gestochen-scharfen HD-Bildern, überbelichteten, unterbelichteten, scharfen und unscharfen Aufnahmen. Ähnlich wurde mit den Einstellungsperspektiven verfahren, manchmal sieht man nur Fussel oder eine Fliege, die über einen Leberfleck krabbelt, dann unvermittelt eine Landschaftstotale. Mit Musik wurde sparsam umgegangen, auch wenn der Trailer einen anderen Eindruck vermittelt.

 

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