Kaalpurush / Memories in the Mist (Forum)

Regie: Buddhadeb Dasgupta
Indien 2005
120 Minuten

Dank Kleo kam ich am Donnerstag in den Genuss eines Berlinale-Films, und zwar eines Indischen! Es war mein erster indischer Autorenfilm.Der Regisseur, Buddhadeb Dasgupta, zum zweiten Mal Gast bei der Berlinale, zeigte sich über das mangelnde Interesse des Publikums, welches ihn nicht gerade mit Fragen bombardierte, enttäuscht. Er verwies auf die Bezüge zu seinem autobiographischen Roman „America, America“. Dasguptas ist Lyriker und Romanschriftsteller, was der langsamen, poetischen — treffender — elegischen Filmsprache sehr anzumerken war.Einige Zuschauer verließen früher den Film, und auch mir hätte ein Kaffee davor wohl gut getan. Dies soll aber kein Vorwurf an „Kaalpurush/Memories in the Mist“ sein – es ist wohl eher so, dass heutige westliche TV- und Kinostandards von immer kürzeren und erlebnisstärkeren Einheiten geprägt sind.Aber jetzt zum Inhalt: Wie so oft in indischen Filmen gibt es keine chronologische Abfolge von Ereignissen, sondern ein Nebeneinander von verschiedenen Zeitebenen, was vielleicht auf dem Kreislauf von Leben und Schicksal beruht. Im Mittelpunkt steht das Vater-Sohn-Verhältnis sowie die Ehebeziehung von Sumanta. Mit diesen Beziehungstypen und ihren Problemen sind wir zwar aus Bollywoodfilmen recht gut vertraut, jedoch weniger in einer Weise, in der es keine Hoffnung, kein Happy End gibt. Sumanta ist ein gutmütiger und naiver Mensch, der mit kindlichem Staunen und Aufrichtigkeit seiner Umwelt entgegentritt, dafür aber immer wieder bestraft wird. So wird bspw. seine Beförderung verweigert. Seine vom Amerika träumende Frau hält ihn deshalb für einen ewigen „failure“. Den Illusionen und Sehnsüchten, denen Supriya nachhängt — sie träumt von einer Karriere als Schriftstellerin und materiellen Wünschen, werden karikiert: Sie fliegt in die USA, beschreibt aber die Orte ihrer Reisebücher, nur indem sie sich Videos darüber ansieht. Und doch hat sie unheimlichen Erfolg damit — ein Hinweis auf die unausweichlichen Sehnsüchte ihrer Leser, die die Moderne mit sich bringt. Im Fernsehen sehen wir dazu indische Nachrichten, die sich intensiv mit G.W.Bush und seiner Interpretation des american dream beschäftigen. Später, als der Nachrichtensprecher eine unangenehme Wahrheit über lokale Eliten ausplaudert, wird der Sendebetrieb unterbrochen.Bruchstückhaft erfahren wir das Kindheitstrauma Sumantas: Sein ebenfalls von einer undefinierbaren Sehnsucht nach einem anderen Ort getriebener Vater wird von seiner Frau in Anbahnung eines Seitensprungs ertappt. Daraufhin trennt sich das Paar, beide werden unglücklich, der Vater begeht Selbstmord. Erst hier, kurz vor Schluss, begreifen wir, dass die nach Jahren des Schweigens überraschende Begegnung von Vater und Sohn, die versöhnliche Aussprache, nichts weiter war als eine Illusion, ein Wunschtraum Sumantas. Dennoch ergibt sich der Film nicht der Hoffnungslosigkeit. Am Ende sehen wir Sumanta, wie er am Strand mit seinen Kindern spielt.Es ist wenig zu spüren vom Bollywood-Indien in „Kaalpurush/Memories in the Mist“: Keine dahinschmelzenden Liebespaare, keine überschwengliche Lebensfreude, keine herzergreifende „Familienzusammenführung“. Eher die süß-bittere Erkenntnis der gewollten Selbsttäuschung, von der Bollywood lebt, wenn wir die einzige Tanzszene des Films sehen, in der eine Prostituierte für Sumanta müde und gelangweilt tanzt (das scheint wohl eine durchaus gängige Dienstleistung zu sein) — und an der Wand ausgeschnittene Bilderfetzen von Bollywood-Schönheiten.

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