Kino als Zeitmaschine (Forum)

Prater, Österreich/ Deutschland 2007, R: Ulrike Oettinger, Deutsch, 104′
Potosi, le temps du voyage, Israel/ Frankreich 2007, Englisch/Spanisch/Hebräisch/Quechua, R: Ron Havilio, 246′
The Halfmoon Files, Deutschland 2007, R: Philip Scheffner, Englisch/ Deutsch, 87′
Village People Radio Show (Apa khabar orang kampung), Malaysia 2007, Malaiisch/ Thai, R: Amir Muhammad, 72 ‹

Sammelkritik zu 4 Dokumentationen im Forum. Ich empfehle mit Einschränkungen „Potosi“ und vor allem „Village People Radio Show“. „Prater“ kann man sehen, wenn man eh nichts besseres vorhat, von den „Halfmoon Files“ rate ich ab.

Die Dokumentationen des Forums 2007 richten ihren Blick in die Vergangenheit und versuchen Spuren des Vergangenen wiederaufzuspüren. Was sich zu Beginn mit „Le cercle des noyes“ bereits andeutete, scheint dabei einen Trend zu markieren. Die Dinge nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, ist ein Hauptanliegen des modernen Dokumentarfilms. Ist die Gegenwart wirklich so langweilig, oder sind wir dabei, wichtige Informationen zu verlieren? 4 Filme des Forums geben ganz verschiedene Antworten.

Fangen wir hinten an, beim letzten Film.“The Halfmoon Files“ von Philip Scheffner ist eine Geistergeschichte. Der Film erzählt die Geschichte einer Recherche. Per Zufall stößt Scheffner auf das Tonarchiv der Humboldt-Universität. Dieses Archiv hat seinen Ursprung im 1. Weltkrieg. Exotische Gefangene aus Kampfverbänden der Alliierten wurden zentral im Kriegsgefangenenlager Wünsdorf bei Berlin (der heutigen „Bücherstadt“) gefangengesetzt. Tartaren aus Zentralasien, Schwarze aus Afrika und Inder werden gemeinsam einkasarniert. Die Wissenschaftler entdecken das Potential und beginnen, die einmalige Chance nutzend, Untersuchungen an den fremdartigen Menschen. Vorreiter sind dabei die Linguisten, die in wenigen Jahren ein gewaltiges Lautarchiv anlegen, mit Stimmen und Musik der infaftierten Kriegsgefangenen. Auch ein Propagandafilm wird mit den exotischen Darstellern gemacht. Später kommen Ethnologen hinzu, die die Gefangenen fotografieren und ihre Körper genauestens vermessen. Scheffners Interesse gilt Mall Singh, einem indischen Sikh, der zu den wenigen Aufnahmen gehört, in denen der Untersuchte frei sprechen darf (fast alle Aufnahmen beinhalten, da es sich um linguistische Untersuchungen handelt, abgelesene Texte und Worte. Mall Singh erzählt seine Geschichte, wie er von Indien als Kolonialsoldat der Engländer in ein deutsches Kriegsgefangenenlager kam. Scheffner versucht die Nachfahren Singh zu finden und zu interviewen. Der Versuch scheitert. Zwar findet sich noch ein Großenkel in Indien, aber Scheffner bekommt keine Drehgenehmigung. Auch andere Spuren versiegen. Der Propagandafilm ist nicht mehr aufzufinden, Türen mit Namen der Infaftierten wurden von den neuen Besitzern der Baracken verbrannt. Es bleibt eine Geistergeschichte, nur die Stimme Singhs ist erhalten geblieben und spricht noch nach fast 100 Jahren über den Phonographen. Ein Problem für Scheffner sind auch die fehlenden Bilder, da er nur ein paar Tondokumente hat. So entsteht ein Film, der eher die (erfolglose) Recherche zum Thema hat, v.a. Gespräche in der indischen Botschaft. Als störend habe ich zudem die moralinsaure Empörung empfunden, mit der Scheffner die wissenschaftlichen Untersuchungen geschildert hat und unterschwellig in die Nähe der nationalsozialistischen Rassentheoretiker gestellt hat (von denen allerdings einige in untergeordneter Position tatsächlich in Wünsdorf auch dabei waren). Den Vorwurf, die individuellen Geschichten und Schicksale hätten die Wissenschaftler nicht interessiert, kann ich bei einer linguistischen Forschung beim besten Willen nicht nachvollziehen.

Der zweite deutsche Beitrag ist Prater von Ulrike Ottinger. Ottinger nähert sich ihrem Gegenstand, indem sie aus alten Filmaufnahmen, Fotografien, Schallplatten, Textauszügen (darunter ein extra für diesen Film geschriebener Prater-Bekenntnis-Text von Elfriede Jelinek, die den Text auch selber vorliest), Beobachtungen und Interviews mit Budenbetreibern so etwas wie ein filmisches Äquivalent zum Wiener Vergnügungspark erschafft. Sie selbst nennt das abwechselnd Kaleidoskop oder Mosaik. So wie im alten Prater früher ganze Orte nachgebildet wurden (als kolonialistischer Extremfall ein ganzes “Negerdorf” Ende des 19. Jahrhunderts, für das man ein echtes afrikanisches Dorf komplett mit Menschen für mehrere Monate importierte), habe sie mit dem Film den Prater als Kulisse zeigen wollen. Ottinger hat ohne Zweifel ein Gespür für interessante Bilder und Einstellungen und der Film große Stärken im Visuellen. Vielleicht muss man wie die Regisseurin vom Jahrmarkt fasziniert sein, was für den Rezensenten nicht gilt, um diesen Film faszinierend zu finden. Ulrike Ottinger hat genug großartige Filme gemacht. Da darf sie auch mal ein etwas müdes Alterswerk vorlegen.

Eine ähnliche Herangehensweise über alte Fotografien versucht der israelische Filmemacher Ron Havilio in seinem Film „Potose, le temps du voyage“. Ausgangsmaterial seiner Spurensuche sind die Fotografien, die er gemeinsam mit seiner Frau auf einer Reise vor 30 Jahren nach Potosi gemacht hat. Potosi, in den bolivianischen Anden auf 4500 Metern Höhe gelegen, war zur Zeit der Inka wegen der zahlreichen Silberminen eine der größten und wohlhabendsten Städte der Welt. Heute versinken die Menschen in Armut. Ihre Arbeit besteht immer noch im Silberabbau, wobei sich die Bevölkerung aufteilt in die, die bei einem internationalen Unternehmen mit Maschinen abbauen, und diejenigen, die in einer Kooperative nach alter Art in Handarbeit mit Dynamit das Silber abbauen. Wegen der staubhaltigen Luft in den Minen ist die Lebenserwartung für die in den Minen arbeitenden Männer gering, Kinderarbeit ist normal. Havilio bereist die Stadt erneut, diesmal mit seiner Frau und den 3 Töchtern, die inzwischen geboren wurden. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach den Menschen, die auf den alten Fotografien zu sehen sind. Es entsteht ein wunderschöner Filmessay über die Stadt, die Menschen, die gemeinsame Reise einer Familie und darüber, wie wir die Wirklichkeit, die wir sehen, immer schon in unserer Beobachtung beeinflussen. Am Ende muss der Vater seiner Tochter recht geben, die ihn darauf hinweist, wie fröhlich die Menschen alle trotz ihrer Armut sind. Er selbst ist es, der seine eigene Traurigkeit in die Stadt hineingelegt hat. Nach dem großangelegten „Jerusalem. Fragments“ von 1999 legt Havilio hier erst seinen zweiten Film vor, der aber wieder überzeugen konnte. Das sollen mehr als 4 Stunden gewesen sein? Mir kamen 80-Minuten-Filme schon länger vor. Allein die vielen unglaublich schönen S/W-Fotografien von 1970 lohnen den Film.

Eines der Highlights im Forum 2006 war sicherlich Amir Muhammads Doku-Musical „The Last Communist“ über den im thailändischen Exil lebenden letzten großen Führer der kommunistischen KP. In seinem neuen Film „Village People Radio Show“ hat Muhammad eine Nebenlinie des Projekts, das damals nicht realisiert werden konnte, weiterverfolgt. Es ist die Geschichte der in einem thailändischen Dorf als Bauern im Exil lebenden malaiischen Kommunisten. Es sind keine normalen malaiischen Kommunisten. Während die meisten Kommunisten Malaysias aus der eher atheistisch eingestellten chinesisch-stämmigen Minderheit stammten, was auch von der Propaganda Malaysias bis heute so dargestellt wird, ist in diesem Dorf eine Unterabteilung der kommunistischen Guerilla aus muslimischen Malaien zu sehen, die bis heute ihrem Glauben nachgehen. Wie schon in seinem letzten Film hält sich Muhammad nicht mit Archivbildern auf. Er läßt die noch lebenden Kommunisten vom jahrelangem Guerillakrieg erzählen, dazwischen sind immer wieder Bilder des idyllischen Dorflebens und der allgegenwärtigen Hühner zu sehen. Der Film ist sehr viel ruhiger und langsamer geworden als das schrille „The Last Communist“. Aber auch hier hat Muhammad wieder Brechungen der Erzählung eingebaut. Da ist zum einen ein (selbstproduziertes) Hörspiel mit einem Eifersuchtsdrama zwischen König Tong und König Panu um die Königin Chalida, das locker auf dem „Wintermärchen“ Shakespeares aufsetzt, und das geschilderte politische Geschehen illustriert. Zum anderen wird der Film immer wieder von Störbildern und schrillen Störgeräuschen unterbrochen, um die Zerbrochenheit der Biographien der Personen zu verdeutlichen. Muhammad kommt dem auch experimentellen Anspruch des Forums sicherlich am weitesten entgegen, ganz die Klasse des schrägen „The Last Communist“ erreicht die „Village People Radio Show“ aber nicht.

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