BERLINALETAGEBUCH: Kplus-Sprachenclinch und alte Muster

Das Domizil der Kinder- und Jugendsektion (© K.H.)

Am strahlenden Samstag habe ich keine Lust, mich früh zum Vorverkauf zu quälen. Fahre erst gegen Mittag, kurz vor Vorstell-ungsbeginn Richtung Tiergarten. Die Zentrale der Generation-Fraktion in der John-Foster-Dulles-Allee ist brechend voll und der große Saal für Cineasten äußerst gewöhnungs-bedürftig. Der Abstand zwischen Leinwand und erster Reihe betragt 10 bis 15 Meter. Wenn man sich dann auch noch gewohnheitsmäßig nach hinten setzt, ist die Atmosphäre wie in einem Autokino. Beim Normalformat ist die Leinwand briefmarkengroß.

Sicht vom Parkett. (© K.H.)

Als der israelische HADUIKDUK HAPNIMI (DERKINDHEITSERFINDER) beginnt, denke ich zunächst, das geht überhaupt nicht. Die K-Plus-Filme werden relativ monoton deutsch eingesprochen, im Hintergrund hört man die Originalsprache, in diesem Fall Hebräisch, und aus Gewohnheit liest man auch noch die englischen Untertitel mit. Da ich schneller lese, als die Sprecherin artikulieren kann, komme ich durcheinander. Eine Weile versuche ich es mit einem Finger im linken Ohr, bremse damit aber auch den O-Ton aus. Ich habe eine ganze Weile damit zu kämpfen. Das Eingesprochene ist einfach zu laut und übertönt auch den O-Ton. Wenn eine Szene zu rasant wird, ist sie wieder lauter als die Sprecherin und ich muss wieder auf UT umzwitchen.

Nach dem Film lausche ich einer Unterhaltung im Foyer – die beiden empfanden das Eingesprochene ebenfalls als zu laut. Beim nächsten Film, dem peruanischen LAS MALAS INTENCIONES, mache ich es besser und setze mich gleich nach unten, recht dicht an die Leinwand. Und siehe da, es geht! Ich sitze dichter an den Center-Boxen und der Screen ist jetzt nicht mehr der Mars, sondern eher der Mond, immerhin ein Trabant der Erde. Vielleicht hat die Sprecherin aber auch dazu gelernt, es ist erst die dritte Vorstellung, sozusagen noch Probezeit. Das Deutsche ist in meinem Kopf nur noch Hintergrundmusik, die sich mit dem Spanischen und den englischen UT zu einem universellen Sprachmix vereint. Der Film gefällt mir und dem Publikum ausgesprochen gut und ich beschließe, finanzielle Gründe ebenfalls mit einbeziehend, mich stärker dem Generation-Programm zu widmen. Man bekommt sehr viel über die Stimmungen in den Ländern mit, weil hier weniger gekünstelt und weniger auf Markttauglichkeit getrimmt wird. Die wenigsten Filme kommen bei uns ins Kino. Es gibt aber eine spezielle DVD-Berlinale-Generation-Edition, aber das sind auch nur eine Handvoll Filme.

Nach den beiden Filmen fahre ich mit dem Bike durch den dämmernden Tiergarten. Priorität: Magenbefriedigung! Das alte Problem während der Festspiele. Ich verfalle in alte Muster und will asiatisch gut essen: Der schreckliche Asia-Pavillion in den Arcaden hat sich eigentlich noch nie bewährt und tut es auch jetzt nicht. Meine Wahl Nudeln mit Gemüse und Tofu, ertränkt in einer schrecklich penetranten Sojasoße. Zum Brechen! Ich quäle mir ein paar Gäbelchen rein, um mich dann um die am Morgen vernachlässigten Karten für die nächsten Tage zu kümmern. Ich bekomme alles, was ich will – und das am ersten Berlinalewochenende um 18 Uhr abends.

Typisch deutscher Film: Trocken, bierernst, so wie auch der Arbeitsethos: DIE AUSBILDUNG.
(Foto: Berlinale)
Schon bevor der Perspektive-Film DIE
AUSBILDUNG angefangen hat, bereue ich es, dem deutschen Kino immer und immer wieder eine Chance zu geben. Ich kann es schon am Publikum riechen. Es kommt genau das, was ich schon erahnt habe: Staubtrockenes zum Thema soziale Kälte am Arbeitsplatz. Das ist ja alles gut und schon (oder vielmehr nicht), aber muss ich mir dafür einen strunzlangweiligen, charakterlosen Protagonisten, ein hölzernes Drehbuch, qualvoll langsame und peinliche Einstellungen ansehen? Das hat man alles schon vor Jahren in der ach so tollen Berliner Schule gesehen. Das ist wirklich deutsches Kino, wie wir es kennen und hassen. Zwischendurch SMS-Kommunikation mit Holger, der wiedermal kluger, die alten und höchstwahrscheinlich tausendmal besseren Retro-Klassiker zwei Etagen über mir besucht. Wieder das alte Muster: Ich verpasse die Klassiker! Schuld ist aber auch das Retro-Buch, das ich mir jedesmal kaufe und jedesmal fällt mir erneut auf, dass sie die Synopsis einfach nicht reinschreiben. Die Kinemathek reduziert das Buch auf eine Mini-Gesamteinführung und zeitgenössische Kritiken, die entweder so gekürzt sind, dass der Plot nicht drin steht, oder sie sich damals gar nicht erst die Mühe gemacht haben, diesen zu skizzieren. In neuneinhalb Stunden startet mein nächster Film und ich poste jetzt einfach mal, damit ich endlich ins Bett komme.

 

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6 Kommentare zu BERLINALETAGEBUCH: Kplus-Sprachenclinch und alte Muster

  1. Knut sagt:

    Habe ein bisschen in deinem Weblog herumgestöbert. Was du da wieder auf die Beine stellst, ist schon gewaltig. Und wenn man dann sieht, was du über all die Jahre hingeklotzt hast, da kann man ohne Übertreibung sagen, du hast ein Stück Berlinalegeschichte mitgeschrieben. Mir als Nichtcineasten gefallen übrigens, abgesehen von den Filmkritiken, am besten deine sehr persönlichen Beschreibungen des gesamten Berlinaleumfeldes. Da füühlt man sich so, als wäre man dabei. Sehr gut finde ich in diesem Jahr deine Tipps und Ratgeberempfehlungen für Neueinsteiger.

  2. Christoph sagt:

    Es gibt doch bei Kplus die möglichkeit sich kopfhörer auszuleihen und dann den film in originalsprache zu hören.

  3. kleo sagt:

    Echt? Ich hab da noch niemanden mit Kopfhörern gesehen. Aber danke für den Hinweis!!!

  4. Christoph sagt:

    ich habs auch noch nicht gemacht, steht aber im journal drin. auf der seite wo das programm für generation anfängt oben links.

  5. kleo sagt:

    Ich werde es morgen einfach mal austesten 🙂

  6. kleo sagt:

    Das mit den Kopfhörern stimmt. Man bekommt sie an der Garderobe.

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