La mano de Dios (Die Hand Gottes) — ist auch nur ein Mensch

Regie: Marco Risi
Italien 2007
110 Min.

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Der Fallrückzieher vor dem Fall.

Mit dem Biopic LA MANO DE DIOS (Die Hand Gottes), das auf dem Fußballfilmfestival 11mm in Berlin gezeigt wurde, hat Marco Risi den ersten Spielfilm über die Fußballlegende Diego Maradona gedreht. Ihn interessierte, warum ein so erfolgreicher Sportler in seinem Privatleben versagt hat. Das gelang ihm nur bedingt. Es ist fraglich, ob der Film einen deutschen Verleih finden wird.

Eine Milleniumsparty in Uruguay, kurz vor Mitternacht: Alles tummelt sich im Garten und bereitet sich aufs Anstoßen mit Champagner vor. Doch einer wird vermisst — »Habt ihr Diego gesehen?« – Nö, keiner. Ein paar Leute haben sich ins Haus verkrümelt und ziehen sich eine Line rein. Ein kleiner fetter Kerl, der sich kaum noch auf den Beinen halten kann, steht auf und dribbelt einen kleinen Schaumgummiball, ohne ihn fallen zu lassen. Dann wankt er zur Tür und bricht zusammen. Als er wieder zu sich kommt, ist er ein kleiner Junge auf einem hellen, weiten Fußballrasen: Er ist der kleine Diego Maradona. Die Kamera umkreist ihn feierlich. Dann fängt sie den ganzen Platz ein. Irgendetwas Dunkles liegt weiter hinten auf dem Rasen vor dem Strafraum. Das ist der dicke Kerl, der gerade umgefallen ist, und der nach einem Herzinfarkt aus einem Kindheitstraum langsam wieder zu sich kommt: Das ist auch Diego Maradona, inzwischen 40jährig.

Nach dieser gelungenen Anfangsszene, entrollt Marco Risi chronologisch das Leben des Weltfußballers. Das Aufwachsen in sehr ärmlichen Verhältnissen in einer kinderreichen Familie südlich von Buenos Aires, die überragenden Erfolge schon als Kind, seine Freundschaften. Mit 16 Jahren beginnt Maradonas Profikarriere und seine Familie kann in eine richtige Wohnung in die Stadt ziehen. Dort lernt er seine spätere Frau Claudia Villafañe kennen. Und während er mit ihr schläft, schneidet der Regisseur originale Fußballszenen mit dem echten Maradona hinein und schwupps ist er schon älter und lebt in Barcelona, noch während er mit ihr schläft. Es folgen Drogenexzesse, eine schwere Sportverletzung, sein Wechsel von FC Barcelona zu SSC Neapel. Und während er bei der WM in Mexiko ein bisschen mit der Hand nachhilft und das WM-Tor des Jahrhunderts schießt, kriselt es schon mächtig in der Ehe. Claudia Villafañe hat sich zeitweilig von ihm getrennt, da sie inzwischen seine Maßlosigkeit in punkto Frauen, Drogen und Party erkannt hat.

Marco Risi zeigt nur wenige originale Fußballszenen und deutet die Karriereeckpunkte nur an. Ihn interessieren vor allem das Privatleben und die Persönlichkeit des Ex-Profifußballers. Man könnte meinen, dass das bei einer so interessanten Figur ein leichtes Spiel für einen Regisseur wäre. Von wegen!

Risi bebildert das hinlänglich bekannte: Er zeigt Maradonas Überheblichkeit, seine Erfolgssucht, seinen Hang zum Exzessiven, der einfach nicht zum disziplinierten Alltag eines Profisportlers passen will. Der Regisseur schafft es nicht, seine Interpretation zu liefern, warum einer der weltweit erfolgreichsten Fußballer so tief gefallen ist und warum er sich so gehen lässt. Er bleibt an der Oberfläche und zeigt uns ein erwachsenes Kind, das einfach nur Fußballspielen will. Was ihn daran hindert – vielleicht der enorme Druck, der auf einem Menschen lastet, der als Gott wahrgenommen wird – das bleibt ein Rätsel.

Das Unterfangen das Privatleben eines Menschen zu verfilmen, der nur als eine Legende wahrgenommen wird, ist schwierig und wahrscheinlich nur möglich, wenn man sich von der konventionellen Spielfilmdramaturgie verabschiedet. Inzwischen gibt es im Bereich des Biopics neuartige Konzepte, die zumindest suggerieren, einer Persönlichkeit näher zukommen als mit herkömmlichen, wie »I will be not there«, »Dream of Life« oder »Joe Strummer«. Oder man gesteht sich von vornherein ein, dass man nicht ins Innenleben einer Person blicken kann und dreht einen Experimentalfilm wie Gus van Sants »Last Days«, der bewusst nur äußerlich bleibt.

Möglicherweise hatte Risi aber auch zu viel Respekt vor dem noch lebenden »Fußballgott«, dass er sich einfach nichts getraut hat. Andererseits: Wirklich gut, kommt der Mensch Maradona bei ihm nicht weg. Marco Leonardi spielt ihn schnöselig und arrogant. So wie man den Leibhaftigen auch von seinen öffentlichen Auftritten her kennt. Der Zwiespalt zwischen Fußballgott und privatem Kotzbrocken kann Rici also auch nicht erklären, möglicherweise hat er selbst keine Antworten. Dabei ist Maradonas Bio eine klischeehafte Karriere der heiligen Dreifaltigkeit eines Stars: Kometenhafter Aufstieg aus der Gosse, Rauschhaftes Feiern, Drogenabhängigkeit und Fall. Fehlt nur noch der Tod. Wenn er dieses Klischeebild noch ein bisschen parodiert hätte, die Sportlerkarriere ein wenig mehr beleuchtet hätte, etwas tiefer sich auf Maradonas Konflikte und Persönlichkeit eingelassen hätte, wäre aus LA MANO DE DIOS ein durchaus respektabler Mainstreamfilm geworden. Doch der Regisseur bliebt irgendwie »befangen«.

Maradona selbst hat den Film nicht gesehen, sondern seine Ex-Frau geschickt, die den Film abgesegnet hat. Die lebende Fußballlegende ist an Filmen nicht so interessiert. Es ist fraglich, ob dieser Film einen Verleih in Deutschland finden wird. Für Fußballfans ist er nicht geeignet, weil er kaum Fußballszenen enthält. Und für den normalen Kinogänger ist dieses Biobic einfach nicht interessant genug.

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