Le cercle des noyés, Der Kreis der Ertrunkenen (Forum)

Gefängnis als Kunstwerk

Regie: Pierre-Yves Vandeweerd
Belgien, Frankreich 2007
75 Minuten
OmE
13.2., 12.30 Uhr, Cinestar 8
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Bewertung: Höchst sehenswerter S/W-Dokumentarfilm über ein politisches Gefängnis in Mauretanien, der nur an seinen zu großen Ambitionen scheitert. Die politische Aussage versinkt im ästhetischen Genuss.

Es war einmal in einem Land namens Mauretanien, da haben sich ein paar Menschen zusammengefunden, um etwas gegen die im Land herrschende Ungerechtigkeit zu tun. Das gefiel aber der Regierung nicht und deshalb ließ sie die Männer festnehmen und fuhr sie weit weg in ein Gefängnis mitten in der Wüste. Viele Männer mussten dort sterben, aber einige kamen nach wenigen Jahren wieder frei und leben seitdem wieder in ihren Häusern.

Und weil das alles schon so lang her ist, haben sie irgendwann angefangen, alles, was damals passiert ist, zu vergessen. Davon erzählten sie einem Filmemacher, der zufällig des Weges kam. Der Filmemacher wollte aber nicht, dass diese Geschichte vergessen wird und deshalb hat er einen Film darüber gemacht.

Der Film macht vieles richtig und deshalb alles falsch. Er ist der äußerst gelungene und reizvolle Fehlversuch einen künstlerisch anspruchsvollen politischen Film zu machen. Warum ist es schief gegangen?
Mitte der 80’er Jahre bildete sich in Mauretanien eine politische Gruppierung namens FLAM (Forces de libération africaines de Mauritanie), die sich für Gleichberechtigung der schwarzafrikanischen Minderheit gegenüber der arabischen Mehrheit einsetzte. Die Gruppe blieb zwar friedlich, wurde aber trotzdem mit Gewalt zerschlagen. Die wichtigsten Mitglieder „verschwanden“ jahrelang in einem alten Kolonialfort in Qualata mitten in der Wüste. Jahre später wurden die Überlebenden wortlos wieder freigelassen. „Le cercle des noyés“ (Kreis der Ertrunkenen) nennt man in Mauretanien diese plötzlich inhaftierten und jahrelang festgehaltenen schwarzen Gefangenen heute. Eine Rehabilitation hat es niemals gegeben. Von all dem erfährt der Zuschauer im Film leider gar nichts.

Als Regisseur Pierre-Yves Vandeweerd bei Filmaufnahmen diese ehemaligen Gefangenen und ihre Geschichte kennen lernt, erzählen sie ihm, dass sie selbst kaum noch glauben können, dass das alles einmal passiert ist. Einer erzählt im Film, wie er öfters seinem ehemaligen Wärter auf der Straße begegnet. Beide begrüßen sich heute freundlich, als wären sie alte Bekannte, dann geht jeder seiner Wege, so, als sei nie etwas gewesen. Vandeweerd will mit ihnen einen Film gegen das Vergessen zu machen. Gemeinsam wird ein Text entwickelt, der hauptsächlich auf den Erinnerungen eines von ihnen, Bâ Fara, beruht. Der Text wird anschließend ins Fula, die Sprache der Schwarzen Mauretaniens, übersetzt und von Bâ Fala selbst mit langsamer und monotoner Stimme vorgetragen. Die Distanz ist gewünscht. Vandeweerd möchte den Film als universelle Metapher für Gefangenschaft und Menschheitsverbrechen inszenieren. Der Konflikt wird deshalb aus seinem historischen Kontext gerissen und auf seine allgemein gültigen Aussagen hin zugespitzt. „Ich wollte anfangs die Geschichte entafrikanisieren“ beschreibt Vandeweerd im Publikumsgespräch später selbst seine Intention und sagt damit zumindest implizit, dieses radikale Vorhaben später wieder aufgegeben zu haben.

Weitere Distanz schaffen die Umstände: Um die ehemaligen Gefangenen zu schützen, dürfen sie nicht gezeigt werden. Präsident Ould Taya wurde erst 2005 entmachtet und der größte Teil des Films, an dem Vandeweerd immerhin 10 Jahre lang immer wieder arbeitet, entsteht während anderer Filmarbeiten quasi illegal nebenher. So ergeben sich gute Ideen: Vandeweerd zeigt anstelle der Menschen die Orte, an denen die Schrecken passiert sind. Auch hier ist nichts mehr zu sehen, was an die Verbrechen von früher erinnert. Es sind verlassene Orte, Wüsten, leere Häuser, immer wieder die ehemalige Festung, die in faszinierenden Schwarz-Weiß-Bildern festgehalten werden. Es sind schöne Bilder von schönen Orten.

Wenn die Dinge so fern liegen, wird es schwierig Brücken zu bauen. Dem belgischen Filmemacher gelingt dieses Kunststück zwar, aber nicht so, wie er es vorhatte, nämlich mit der von Bâ Fala aus dem Off vorgetragenen Geschichte, sondern mit einem einzigen Geräusch, das mit einem Mal doch noch eine Verbindung des Zuschauers mit den Gefangenen der 80’er Jahre ermöglicht. Es ist das allgegenwärtige Geräusch des Windes, das Geräusch, an das sich alle ehemaligen Gefangenen gut erinnern können, wie Vandeweerd anschließend beim Publikumsgespräch erzählt, weil es das einzige war, was sie jahrelang im Kerker von außerhalb hören konnten. Selten habe ich Stille so sehr als Lärm empfunden, wie in diesem Film den Wind, der oft minutenlang das einzige Geräusch ist. Auch wenn sich alles andere seitdem verändert hat, der Wind ist geblieben.

Vandeweerd stellt sich mit seinem hohen Anspruch selbst ein Bein. Die erklärte Absicht, einen Film gegen das Vergessen zu machen, kann ein hochartifizieller und metaphysischer Film wie „Le cercle des noyés“ nicht einlösen. Der Film schafft nur eine noch größere Distanz zu dem Geschehen, als sie ohnehin schon besteht, indem das Geschehen auf den universellen Restbestand einer Geschichte, die tatsächlich überall hätte passieren können, reduziert wird. „Le cercle des noyés“ kann das Vergessen nicht überwinden, weil es selbst nur Ausdruck dieser Vergessenheit ist. Die jahrelange Einkerkerung der politischen Gefangenen Mauretaniens im „Kreis der Ertrunkenen“ dem Vergessen zu entreißen, ist nach wie vor wichtig. Es hätte einen politischen Film verdient gehabt.

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