Lemon Tree (Panorama) — die bösen Nachbarn

Regie: Eran Riklis
Israel, Deutschland, Frankreich 2008
106 Min.
Deutscher Kinostart: 2.10.2008

lemon_tree1.jpg

Schutzwälle umzäunen Haus und Hof: Salma kann nicht mehr in ihren Hain.

Ein Zitronenhain wird zum absurden Symbol vermeintlich bedrohlicher Gebiete oder Objekte, meint die blog-Autorin Susan. Das Zitronenwäldchen wird zur Allegorie für den palästinensisch-israelischen Konflikt, meint blog-Autorin Kleo in einer Gegendarstellung.

9.2., 10.30 Uhr, CinemaxX 7, OmE
10.2., 14.00 Uhr, International, OmE
12.2., 22.30 Uhr, Colosseum 1, OmE

Susan: Salma, eine Witwe, die in einem kleinen Ort in der Westbank an einem Zitronenhain lebt, bekommt einen neuen Nachbarn. Der Verteidigungsminister von Israel zieht mit großem Getöse in die direkte Nachbarschaft und schafft mit Hilfe seiner paranoiden Wachtruppen schnell ein kleines Gaza voller Sicherheitszäune, Überwachungsanlagen, voll bewaffneter junger Männer, die sich in Salmas Zitronenbaumfeld tummeln.
Salma ist allein, ihre Kinder sind weit weg, ein Sohn ist in den USA, die Töchter in anderen Städten. Sie beschließt, gerichtlich gegen den Minister vorzugehen. Ein mutiges Unterfangen. Unterstützt wird sie von Ziad Daud, einem Anwalt.

Während Salma sich emanzipiert, nicht nur durch die Affäre mit Ziad sondern auch, indem sie in dieser Männergesellschaft auf ihr Recht pocht, passiert auch auf der anderen Seite etwas: Mira Navon, die Frau des Ministers, ist unglücklich und ergreift überraschend Partei für ihre Nachbarin.

Eran Riklis´ LEMON TREE thematisiert Kämpfe. Kämpfe um den Schutz des Eigentums, Kämpfe aufgrund von Prinzipien. Kämpfe um Menschlichkeit, Land, Geschichte, Jahre von bösem Blut und Blutvergießen, all dies dargestellt in dem Kampf einer Frau, die ihre Zitronenbäume schützen will.

Absolut sehenswert und witzig ist die haarsträubend unlogischen Begründungen des Israel Navon, Verteidigungsminister, warum die Zitronenbäume eine zu eliminierende Gefahr darstellen.

Die Darstellung engagierter NGOs, die vor laufender Kamera das Oslo Abkommen feiern, erinnert an eben jenes Abkommen, das einst Anlass zur Hoffnung war und dann etwa den gleichen Effekt hatte wie die Ratifizierung der Kinderrechte.

Kleo: Das Zitronenwäldchen ist eine Allegorie, die versucht, den palästinensisch-israelischen Konflikt so aufzubereiten, dass westliche Zuschauer ihn nachemfinden können. LEMON TREE vermittelt das vor allem über Stimmungen und Gefühle, hauptsächlich über die der beiden Frauen.

Der Film ist parteiisch, er sympathisiert mit den Frauen, also mit der Palästinenserin Salma und mit der Israelin Mira, der Frau des Ministers. Der Minister selbst, einer der tatsächlich die politischen Fäden in den Händen hält, wird nicht positiv dargestellt, ebensowenig wie eine bestimmte Schicht der palästinensischen Männer. Ihre Gefühle werden nicht deutlich, sondern nur ihre öffentliche Haltung zu bestimmten Fragen. Man kann daher nicht sagen, dass hier ein Schwarz-Weiß-Konflikt entworfen wird, der für eines der beiden Länder Partei ergreift. Die Sache ist einfach komplizierter.

Dass der Zitronenhain mit den hohen Bäumen ein Sicherheitsrisiko darstellt, begründet das Militärgericht damit, dass die Anzahl von terroristischen Akten gestiegen ist. Während einer Feier des Ministers fallen dann auch Schüsse. Der Konflikt ist so aufgeladen, dass ein Zitronenhain — obwohl es absurd klingen mag — tatsächlich zu einer Bedrohung für den Minister werden kann.
Die Vorgeschichte stellt der Film nicht dar, sondern er zeigt nur die momentane Situation. Das ist ein Manko, weil sie eine wichtige Rolle spielt.

Interessant ist die Rolle der ausländischen Medien, die hilflos zu sehen, welches Ei sich ihre Länder da ins Nest gelegt haben und sich auf eine Seite schlagen.

Die beiden Frauen werden in den Konflikt unschuldig hineingerissen und plötzlich bestimmt er ihr ganzes Leben und es scheint keinen Ausweg mehr zu geben. Zum Schluss sind alle eingemauert und warten darauf, das bald wieder etwas passiert.

LEMON TREE verniedlicht den Konflikt nicht, es ist keine Komödie, sondern ein Film, der voller Verbitterung auf das Geschehen blickt. Irgendwann haben sich alle, der Minister, Salma und Mira so voneinander entfremdet, dass man einfach nicht miteinander reden kann. Jeder Versuch einer Annäherung, muss erst verhandelt werden. Das Ausland, die Medien stehen stellvertretend dafür, stellen sich auf eine Seite. Das ist kontraproduktiv.

Dieser Beitrag wurde unter Berlinale 2008, Panorama abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Kommentare zu Lemon Tree (Panorama) — die bösen Nachbarn

  1. kathi sagt:

    Leider bin ich nicht so richtig schlau aus dem Text von kleo geworden — einerseits ist der Film parteiisch, andererseits aber nicht Schwarz-Weiß gezeichnet, sondern komplizierter…
    Auch die widersprüchlichen Einschätzungen von Euch beiden witzig/voller Verbitterung finde ich seltsam…habt ihr den selben Film gesehen?!?
    Aber noch einen Tipp abseits der Berlinale: im Moment läuft in den Otto-Normalverbraucher-Kinos »Die Band von nebenan«; in dem Film wird der Konflikt im Nahen Osten auch thematisiert (eine ägyptische Band landet in der israelischen Provinz) und er hat sehr gute Kritiken!

  2. kleo sagt:

    man kann ja parteiisch sein (nicht für ein land, sondern für eine bestimmte haltung) und zeichnet damit kein schwarz-weiß-bild im sinne von gut und böse. susans »witzig« war wohl, glaub ich, eher ironisch gemeint.

  3. susan sagt:

    Witzig im Sinne von schrecklich realistisch und damit einfach absurd. Aber das ist ja manchmal sehr witzig.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.