KOMMENTAR: Lesson learned: Berlinale und die Zukunft des Films

Event Kino

Ich war auf der Berlinale, ja. Natürlich. Es hat mir Freude bereitet, neue Einsichten beschert (z. B. Commons in lebensbedrohender Realität in wundervollen indischen Filmen). Und nun habe ich einen Essay von Ekkehard Knörer (Redakteur von CARGO) gelesen, der mir folgende Frage in schonungsloser Offenheit beantwortet: Warum funktioniert die Berlinale, und warum funktioniert sie jedes Jahr größer und erfolgreicher?

Der Kulturwissenschaftler Knörer räumt in »Das Kinoerlebnis als Kopierschutz« mit der Gleichmacherei von Film und Musik in der Filesharing-vs.-Vermarktungs-Diskussion auf:

Der Kinobesuch entspricht nicht der CD, die durch Digitalkopien stark entwertet scheint, sondern eher dem Konzertbesuch, also einer digital nicht kopierbaren Praxis. Insofern wird das »Video on Demand« die DVD und mit höheren Bandbreiten auch die BluRay gefährden und vielleicht letztlich ersetzen, nicht aber den Kinobesuch.

Unter den folgenden Gliedern der Kette – DVD, Pay-TV, Free TV – scheinen am ehesten die DVD und möglicherweise Pay-TV betroffen zu sein. Die Kinos jedenfalls verzeichnen derzeit Rekordzahlen. [Ekkehard Knörer, Das Kinoerlebnis als Kopierschutz, futurezone@orf.at, 19.02.10]

Es ist eben das Kinoerlebnis, das nicht durch DVD-Vermarktung und Fernsehausstrahlung ersetzbar ist. Dies mögen die Produzenten durch Einführung von Blu-ray und HD-TV im Moment noch halbwegs kompensieren können – zukunftsträchtig ist es nicht, wenn Internet-Streaming oder Download dasselbe schneller, kostengünstiger und zeitunabhängig bieten. Diese Lektion hätte man aus den Fehlern der Musikindustrie schon längst lernen können. Wozu umfangreiche Investitionen in (neue) materielle Träger, deren Distribution usw. wenn der Konsument ausschließlich am Content interessiert ist?

Und genau das ist es, was den Kinobesuch von der heimischen (PC-)Glotze unterscheidet: das Erlebnis des Gebannt-Seins, des Aufgehens im Film, da die räumliche Umgebung ausschließlich dies zulässt. Kein E-Mail-Ping, kein Was-nebenbei-erledigen, kein Zappen und (bitte, bitte!) kein Essen, kurz gesagt die anachronistisch anmutende Absage an Multitasking und ständige Verfügbarkeit (Handy aus, nochmal bitte!).

Es sprengt das um sich greifende Prinzip der ständigen Verfügbarkeit – und dies gilt nicht nur für den im Kino gefangenen Zuschauer, sondern gerade für den Zugriff auf Film. Knörer schreibt:

Eine weniger häufig diskutierte Frage ist die nach den psychosozialen Folgen der Verfügbarkeit. In einer Situation, in der man fast alles fast jederzeit fast ohne Aufwand haben kann, ist jeder einzelne Gegenstand mit jedem anderen erst einmal gleichrangig.

Verfügbarkeit ist ein Gleichmacher von Werten. [Ekkehard Knörer, Das Kinoerlebnis als Kopierschutz, futurezone@orf.at, 19.02.10]

Für diesen Satz muss man Knörer außerordentlich danken. Es ist eben nicht so, wie oft von den Urheberrechtskonservativen behauptet, dass Verfügbarkeit Wertlosigkeit bedeutet. Es bedeutet vielmehr eine grundlegende Egalität der Information. Information erlangt ihren Wert ohnehin nur in pragmatischem Zusammenhang – und eben nicht durch monetäre oder sonstige Zugangsbeschränkung.

Soweit die sympathische Seite des Kinoerlebnisses. Im Funktionsprinzip der Berlinale beschreibt Knörer schließlich eine weniger offensichtliche, bedenkliche Seite:

Und es wird zugleich klar, dass der kapitalistische Markt, proteisch wie stets, auch darauf reagiert. Der Mechanismus der Wiederverknappung von Verfügbarem ist das Event. Das Event schafft »Heiliges« in komplett säkularer Form – also auch Aura und Wert, meist in spektakulärer Form. Die Eventkultur ist die Kehrseite des demokratischen Zeitalters der Verfügbarkeit. Das künstlich geschaffene Ereignis hebt den einzelnen Gegenstand aus seiner Beliebigkeit heraus. [Ekkehard Knörer, Das Kinoerlebnis als Kopierschutz, futurezone@orf.at, 19.02.10]

Berlinale bedeutet dann auch das Erlebnis, für Karten stundenlang anzustehen, nach drei oder vier Filmen hintereinander schmerzende Augen zu haben, in einen Rhythmus aus Schlafen (kurz) – Gucken (dreimal lang) – Essen (kurz) zu verfallen, der außerhalb des normalen Lebens stattfindet. Berlinale ist Arbeit für den Kopf, nur ein wenig für den Körper und vor allem für die Nerven – es ist jene Art von Eustress, den die frühe Psychologie als Hysterie gebrandmarkt hat. Oder PR-technisch gesprochen, es ist ein Hyper-Event, das den Großstädter noch herauszufordern vermag.

Was bedeutet dies für die zukunftsorientierte Vermarktung von Film? Zum einen, dass diese langfristig nur im Netz stattfinden wird und dabei eine Aura der Knappheit (i.e. der Besonderheit) erzeugen muss:

Wer im Internet mit Bewegtbildern Geld verdienen will, muss möglicherweise Wege finden, die künstliche Produktion von Wert per Event im Netz zu reproduzieren. Durch Quasifestivals, vielleicht auch schnelles Reagieren auf aktuelle Ereignisse, die Produktion von Fangemeinden und die Reaktion auf existierende Kulte. [Ekkehard Knörer, Das Kinoerlebnis als Kopierschutz, futurezone@orf.at, 19.02.10]

Und zum anderen – ein kleiner Trost – dass das Kino weiter bestehen wird, wenn es seine unzeitgemäße Exaltiertheit bewahren kann. Um die Berlinale wird man sich wenig Sorgen machen müssen.

[Crosspost von: library_pirate/Donutpiraten]

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