FILMKRITIK: Love Exposure (Ai no Mukidashi): What’s wrong with being a pervert?

Regie: Sono Sion
Japan 2008
237 Min.
Bewertung: Bestes japanisches Trash-Kino mit einem durchgeknallten Stil- und Genremix im Spannungsfeld zwischen Katholizismus und Perversion.

 

Der 17-jährige Junge Yu hat ein Problem. Sein Vater, der nach dem Tod der sehr gläubigen Mutter katholischer Priester geworden ist, zwingt ihn täglich zur Beichte, nachdem ihn eine hysterische Geliebte verlassen hat. Leider ist Yu ein allzu braver Junge – es gibt einfach nichts zu beichten. Also tritt er einer stehlenden und prügelnden Jugendgang bei, um die begangenen Sünden beichten zu können. Aber selbst die schlimmsten Vergehen vergibt sein Vater ohne mit der Wimper zu zucken. Einer aus der Clique hat dann die rettende Idee, als er darauf hinweist, dass katholische Priester besonders interessiert an sexuellen Beichten sind.

Es wird beschlossen, dass Yu sich bei einem Meister der Upskirt-Fotografie zum Perversen ausbilden lassen soll. In einer herrlich komisch choreographierten Kung-Fu Ausbildungs-Parodie werden Yu nun die Tricks des Unter-die-Röcke-Fotografierens beigebracht. Die anschließende Beichte hat umschlagenden Erfolg. Der Beichtvater verwandelt sich in Sekundenbruchteilen zurück in den vermissten leiblichen Vater und streckt Yu mit einem gezielten Faustschlag zu Boden.

Als er bei einer Wette gegen seine Kameraden, die ihn inzwischen als ihren Meister-Perversen anerkannt haben, verliert, muss Yu als Drag Queen Miss Scorpion verkleidet durch die Stadt ziehen. Dabei trifft er auf auf die männerhassende Yoko, die gerade von einer Horde Jungs belästigt wird. Gemeinsam verprügeln die beiden die Meute und verlieben sich auf der Stelle unsterblich ineinander. Yu in Yoko, Yoko in Miss Scorpion. Das passt leider nicht zusammen, muss Yu kurz darauf erfahren, als Yoko in seine Klasse kommt. Yoko denkt Tag und Nacht nur an Miss Scorpion und hat für den verliebten Yu folglich keine Augen. Kurz darauf zieht sie aber sogar zu ihm ins Haus, weil sie die Tochter der hysterischen Geliebten des Vaters ist, die nun zu ihm zurück gekommen ist und beschlossen hat, den Priester zu heiraten, nachdem sie ihn kurz zuvor mit sanfter Gewalt genommen hat.
Als dritte im Bunde kommt nun noch das Schulmädchen Koike ins Spiel, ebenso sexuell stimulierend wie hinterhältig fies. Nachdem sie ihren vergewaltigenden Vater kastriert hat, ist sie in der Zero Church aufgestiegen, einer kruden antikatholischen Sekte, deren Zeichen das Kruzifix in einer Null ist. Mit einer kompliziert angelegten Verschwörung gelingt es ihr, Yoko Glauben zu machen, sie sei Miss Scorpion, Yu als Perversen zu outen, und auf diese Weise die Familie zu zerstören und alle außer Yu zur Zero Church zu bekehren.
Kommt noch irgendwer mit? Gut, dann kann ich ja weitermachen. Die Sekte zwingt Yu, für sie als Upskirt-Fotograf in einem Porno-Filmstudio zu arbeiten, damit er seine Familie wiedersehen kann. Yus Freunde entführen daraufhin Yoko und sperren sie mit Yu in einen Bus am Strand ein, um die Gehirnwäsche der Sekte rückgängig zu machen. Das Vorhaben schlägt aber fehl. Die Sekte findet den Bus und Yu wird unter Androhung der Kastration selbst gezwungen, Mitglied der Zero Church zu werden. Ein Glück, dass er zuvor im Pornostudio einen Bombenbastler kennen gelernt hat. Mit einem großen Knall lässt Yu die Sekte auffliegen. Koike begeht mit einem Samurai-Schwert Harakiri, als sie sieht, dass Yu trotz all ihrer Bemühungen immer noch Yoko liebt.
Nach der Auflösung der Zero Church lebt Yoko in einer neuen Familie und Yu, der inzwischen selber glaubt, er sei Miss Scorpion in einer Irrenanstalt. Als Yoko beim Betrachten von Yus Upskirt-Pornos endlich erkennt, dass Yu ihre große Liebe Miss Scorpion ist und ihn in der Nervenheilanstalt besucht, kommt es bei Yu zu einem heilsamen Schock. In der Schlusssequenz sehen wir Yu, wie er hinter dem Polizeiauto hinterherrennt, in dem Yoko abtransportiert wird. Das Auto bleibt schließlich stehen, Yu schlägt mit brachialer Gewalt die Glasscheibe des Polizeiautos ein. Dann geben sich Yu und Yoko durch die zerschlagene Fensterscheibe zum ersten Mal im Film die Hand. Und das ist vielleicht das schönste Happy-End der Filmgeschichte.
Was diese krude Story, diesen ständigen Wechsel der zitierten oder parodierten Filmgenres und die permanenten Stilbrüche zusammenhält, ist Yus Ständer. Seit Pynchons Enden der Parabel ist wohl keine Geschichte mehr so stringent entlang der Erektionen der Hauptfigur erzählt worden. Mit dem nicht unbeträchtlichen Unterschied allerdings, dass die Erektionen Tyrone Slothrops in den Enden der Parabel ein Symbol für die männliche Zerstörungsgewalt der V2-Raketen darstellt, während Sono Sion Yus versteiftes Glied gerade zu plump interpretiert: „Liebe ist eine Erektion.“ So ist dieser Meister-Perverse trotz Millionen Fotos zarter Höschen japanischer Schulmädchen vollkommen impotent. Er sei ein „Perverser mit Würde“, sagt Yu über sich selbst. Nur beim Anblick der entblößten Beine Yokos erwacht in ihm die sexuelle Begierde, während er allen anderen Mädchen-Slips ein rein künstlerisches Interesse entgegenbringt.
Mit der christlichen Religion ist das natürlich nur schwer vermittelbar, auch wenn erst Yoko und dann Yu ausführlich mit einem langen Auszug aus Korinther 13 das zentrale christliche Liebeskonzept zitieren: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die Größte unter ihnen“ (nicht ganz passend zitiert nach der Lutherbibel). Sicherlich umfasst das christliche Liebeskonzept auch diese Form der Liebe, aber das ist es bestimmt nicht, was Paulus hier den Korinthern vermitteln wollte, auch wenn die aus Liebe begangenen Sünden zu den verzeihlichsten in Dantes Hölle gehören.
Filme über den Zusammenhang von Katholizismus und Perversion haben in Europa seit den surrealistischen Anfängen eine lange Tradition. Aus Japan überrascht das Thema aber dennoch. Wie viele Katholiken es denn in Japan überhaupt gebe, wird im anschließenden Q&A gefragt, und Sion antwortet etwas flapsig, „ein paar gebe es schon“. Etwa 450.000, um mal eine Zahl zu nennen, die Wikipedia nennt, das entspricht bei einer Gesamtbevölkerung von ca. 127 Millionen Japanern einem Bevölkerungsanteil von 0,35 %. Sions Erklärung, warum er den Film im katholischen Milieu angesiedelt habe, lautet, er sei schon immer ein großer Fan von Jesus Christus gewesen. Eine Zeit lang hätte er sogar mit dem Gedanken gespielt, sich taufen zu lassen, um Mitglied im Jesus-Christus-Fanclub zu werden. Tatsächlich ist es aber wohl eher so, dass keine andere Religion über eine so fein strukturierte unterdrückte und verdrängte Sexualität verfügt, die sich in perversen Phantasien wieder Bahn bricht. So lautet denn auch die nächste Frage aus dem Publikum, ob es in Japan wirklich so viele Perverse gebe? Statistiken kenne er zwar nicht, antwortet Sono Sion, seiner Auffassung nach sei aber ohnehin die ganze Menschheit pervers. Die schönste Antwort hat er allerdings auf die Frage, ob er denn selbst an Gott glaube: „Ich glaube an Gott und ich denke er hat einen Steifen“. Das hätte auch Bunuel nicht schöner sagen können.
Love Exposure ist mit Sicherheit der schrägste Film des diesjährigen Forums und allen Freunden des schlechten und abseitigen Films wärmstens ans Herz gelegt. Von den vier Stunden Filmlänge sollte man sich nicht abschrecken lassen. Wie Programm-Chef Christoph Terhechte vor dem Film ganz richtig versprochen hat, ist Love Exposure subjektiv empfunden einer der kürzesten Filme des Programms.

8.2., 17.30 Uhr, Arsenal 1
14.2., 20.00 Uhr, Cubix 9

Wiederholung: 22.2., Arsenal 1, 20.00 Uhr

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8 Kommentare zu FILMKRITIK: Love Exposure (Ai no Mukidashi): What’s wrong with being a pervert?

  1. kleo sagt:

    Ich muss mal mein Kommentar ablassen: Ich finde bei weitem nicht, dass dieser Film nur japanisch-trashig ist, sondern, dass er, wie viele abseitige Filme, ziemliche Tiefen entwickelt, die dem Mainstream-Film abgehen. Es geht schon um die Frage: Was ist eigentlich Perversion und was ist sogenannte Normalität. Der Film schafft es, einen darin zu verunsichern und somit diese gesellschaftlich geschaffenen Konstrukte auch solche dastehen zu lassen. Zum Beispiel findet ja Yu ausgerechnet durch die Sekte zur wahren Liebe. Zwar indirekt, aber es ist nicht das Christentum, was hier propagiert wird. Das wird eher verarscht. LOVE EXPOSURE schlägt bisweilen auch richtig bittere Töne an, wenn es um Vergewaltigung und Erziehung geht. Die Züchtigung ist ja in Japan immer noch aktuell. Die starken und extrem wütenden Frauentypen fand ich auch ziemlich interessant, steht im vollkommenen Widerspruch zu dem was die japanische Frau in der Regel für eine Rolle in der Gesellschaft hat.

  2. Bernd sagt:

    Sehr gelungener Film, hat mich sehr an »Go« erinnernt den ich erst beim Asia Filmfest sah.
    Fand es auch überraschend dass die 4h wesentlich zügiger vorbeigingen als zB die 2,5 bei »Forever Enthralled« 😉

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