Mala Noche (WA) – ein Kurzportrait über Gus-Van-Sant-Filme

Regie: Gus Van Sant
USA 1985
78 Min
OmU
WA: 17.7.2008

Ein Hauch von Freiheit

Der Filmverleih Alamode bringt Van Sants Spielfilmdebüt, das bisher in Deutschland nur auf Festivals lief, in die Kinos. Sein schwarzweißer Erstling, der von 16mm auf 35 aufgeblasen wurde, zeigt eine queere Amour fou zwischen einem illegalen mexikanischen Teenager und einem Lebensmittelhändler — ein Wechselspiel von Macht und Abhängigkeit im Amerika der Generation X. Viele Motive aus seinem ersten Film tauchen später wieder auf.

Walt, angelehnt an den Schriftsteller Walt Curtis, der den Roman »Mala Noche« geschrieben hat, arbeitet in einem kramigen Lebensmittelshop in Portland, Oregon. Auf den Straßen im nördlichen Bundesstaat schlagen sich eine Menge jugendlicher Illegaler durch. In einen, Juancito, der von allen nur Johnny genannt wird, verliebt sich Walt. Doch Johnny, der nur mit seinen Freunden unterwegs ist, niemals allein, hat bloß Verachtung für die »Schwuchtel« übrig. Walt überredet eine Freundin, den Mexikaner und seine Freunde, zum Essen einzuladen, »nur um sie mal kennenzulernen«. Doch als er sie zurück in die heruntergekommene Hostel bringt, bietet er ihm 15 Dollar für eine Nacht. Johnny lehnt ab. Da sein Freund Pepper das Geld haben möchte, nimmt dieser das Angebot an.

Wie in vielen seiner Filme spielt Gus Van Sants erster Spielfilm ebenfalls in Portland, wo der Regisseur aufgewachsen ist. Er zählt zu den Begründern des Queer Cinemas und ist bekennender Homosexueller. In MALA NOCHE lässt er Motive anklingen, die ihn bis heute beschäftigen. Wie in »My Own Private Idaho« geht es um die ungleiche Liebesbeziehung, die Amour fou, die keinen langen Bestand haben kann.

Johnny und Walt trennen Welten, sprachliche, sexuelle, soziale, vor allem aber das Alter. Johnny blickt mit der machohaften Herablassung eines heterosexuellen Teenagers auf Walt und beginnt mit ihm fiese Spielchen zu treiben. In einer Szene unternehmen sie eine Spritztour und Walt will ihn nicht ans Steuer lassen, da er so fährt wie beim Autoscooter. Doch Johnny klaut sich den Autoschlüssel, lässt Walt auf der Landstraße stehen und braust davon. In sicherer Entfernung bleibt er stehen, lümmelt sich auf dem Autodach – doch als Walt hin eingeholt hat, springt er in den Wagen, fährt weg und alles beginnt wieder von vorn. Walts Abgeklärtheit – er erzählt aus dem OFF – passt nicht zu Johnnys jugendlicher Unbekümmert, seinem Draufgängertum und der Rumtreiberei.

Traut sich niemandem etwas von dem schrecklichen Unfall zu erzählen, weil er beteiligt war (PARANOID PARK).

Das Lebensgefühl Jugendlicher ist ein Motiv, das der inzwischen 56jährige immer wieder aufgegriffen und studiert hat. In »Paranoid Park« besetzte er Skater und in »Elephant« Schüler als Laiendarsteller und gab ihnen nur minimale Anweisungen. Die Dialoge sind weitgehend improvisiert. Immer enden seine Filme tragisch; seine Figuren werden schmerzhaft und plötzlich ins Erwachsensein hineingestoßen. Das Finale in »Elephant« ist ein Schulmassaker und in »Paranoid Park« wird das unbeschwerte Skaterdasein abrupt durch einen Todesfall gestört. Auch die Beziehung zu Johnny, der aus sozialer Not, immer wieder bei Walt auftaucht, endet mit einem Mord.

Die Stille vor dem Massaker (ELEPHANT).

Nach einer Phase, in der van Sant mit »Good Will Hunting« und »Finding Forrester« eher konventionelle Töne anschlug, experimentierte er wieder. Mit seiner so genannten Todestrilogie, »Gerry«, »Elephant« und »Last Days«, suchte er nach neuen filmischen Ausdrucksmöglichkeiten. Sie sind geprägt durch lange, meditative Planssequenzen, Improvisation, minimalistischen Dialogen. Vant Sant ging äußerlich auf Distanz, um so das Lebensgefühl der Desillusioniertheit auf einer Metaebene wieder einzufangen.

Dafür suchte er sich Themen, die er an Ereignisse anlehnte, die durch eine Überpräsenz in den Medien und gesellschaftlichen Diskursen schon tot geredet wurden und die auf konventionelle Weise nicht mehr verfilmbar waren, ohne sich zu wiederholen. Er suchte nicht nach Erklärungen für den Selbstmord von Kurt Cobain oder den Amoklauf an der Columbine High School (1999), sondern »beobachtete« nur. Die Adoleszenz konnte er dabei in Ruhe weiter studieren und mit dem Tod konfrontieren. Dabei greift van Sant auf ein traditionelles Motiv des Adoleszenzromans des ausgehenden 19. Jahrhunderts zurück. Der Schritt vom Kind zum Erwachsenen missglückt und endet mit dem Tod eines Protagonisten. Oft merken seine Figuren bis zum Eintreffen der Katastrophe nicht, dass sie sich in einer existenziellen Krise befinden – ausgenommen Blake, angelehnt an Cobain, der genau genommen auch nur Berufsjugendlicher ist. Erst mit dem eintretenden Unglück, geraten sie in eine schwere Krise, da sie merken, dass das Leben keine unendliche Party ist. In MALA NOCHE sind Johnny und seine Freunde zwar schon mit der äußersten Härte, die das Leben bietet, konfrontiert, doch solange sie in der Gruppe sind, können sie das lässig überspielen. Die Tragödie beginnt als sie auseinander gerissen werden.

Die experimentelle Soundtrackversuche, die mit der Todestrilogie vertieft werden, klingen in dem Regiedebüt schon an. Ein bisschen erinnern die unterschwelligen Geräusche mit den Van Sant die Schwarzweißbilder mit den scharfen Hell-Dunkelkontrasten unterlegt an Hildegard Westerkamps Soundscapes »Doors of Perception« (»Türen der Wahrnehmung«), die der Regisseur in »Elephant« und »Last Days« verwendet hat. (Speziell mit dieser Thematik hat sich Randolph Jordan beschäftigt. The Work of Hildegard Westerkamp in the Films of Gus Van Sant, PDF, engl.)

In seinem neuesten Film »Milk«, der sich noch in der Postproduktion befindet, knüpft Van Sant wieder an ein Queer-Thema an. Sean Penn portraitiert den homosexuellen Politiker Harvey Milk, der von Dan White (Matt Damon) erschossen und zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde.

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