Martyrs (FFF) …oder über das Martyrium, einen guten Horrorfilm drehen zu müssen

Regie: Pascal Laugier
Frankreich/Kanada 2008
97 Min.

»MARTYRS ist ein metaphysisches Experiment in purem Schmerz.« (Programmheft) Foto: FFF

Mit dem Horrorfilm, einem Genre, das von der Filmkritik dem so genannten body-genre zugerechnet wird, ist es so eine Sache. Es beruht auf ewig gleichen oder zumindest ähnlichen Effekten. Anders als der Porno, der ebenfalls zu diesem Genre zählt, das körperliche Reaktionen hervorruft, hat der Horrorfilm damit zu kämpfen, dass er nicht immer die gleiche Leier bringen darf. Er riskiert von den Fans ausgebuht zu werden, die zwar immer wieder nach Neuem lächzen, sich aber trotzdem gruseln wollen. Das heißt, Horrorfilmfans sind anspruchsvoll und schwer zu befriedigen. Und, die Regisseure müssen äußerst kreativ sein.

Die PR zu MARTYRS, zumindest die im Programmheft des FFF, klingt verheißungsvoll und greift zu Superlativen: »MARTYRS ist ein Test. Pascal Laugiers Extremschocker sprengt Grenzen…« Es ist vom umstrittensten Film in Cannes, sogar vom meist diskutierten Film des Jahres die Rede. Er wurde mit HIGH TENSION und INSIDE verglichen, die beide zur »harten Welle« des französischen Genrekinos zählen, wie auch immer diese definiert sein mag, und es wurde versprochen, dass MARTYRS über diese beiden durchaus gelungenen »Vorgänger« hinausreiche.

Solche extrem hohen Erwartungen zu wecken, ist schon äußerst gewagt. MARTYRS muss also schon genial sein, um diese auch erfüllen zu können. Bahnbrechend in den Effekten, neuartig in der Story, andersartig und einfallsreich.

Im Folgenden wird etwas um den heißen Brei herumgeredet, da keinerlei Auflösungen verraten werden sollen, die nicht auch in der Filmbeschreibung sowie im Trailer schon benannt wurden. Allerdings gibt es im dramaturgischen Sinne schon eine Art von abstrakter Auflösung, die jedoch nicht inhaltlicher Art ist.

Fangen wir mit Punkt Zwei an: die Story. MARTYRS ist so konstruiert, dass niemand weiß, was mit der zehnjährigen Julie passiert ist. Es ist lediglich bekannt, dass sie in einem Keller gequält und festgehalten wurde. Dass sie nicht vergewaltigt wurde, dass es ihr gelungen ist, zu fliehen und, dass sie selbst nicht wirklich weiß, was genau passiert ist.

Im ersten Moment klingt das äußerst spannend, weil sich jeder die schrecklichsten Dinge ausmalt. Sie wurde nicht vergewaltigt. Oh Gott! Was um Himmels Willen ist nur mit ihr passiert? Wie lautet doch der Werbetrailer von 13TH STREET? — Es ist nur in Deinem Kopf. Und das ist immer das Schrecklichste.

Im zweiten Moment greift aber eine für MARTYRS verheerende dramaturgische Regel: Ab da kann die Story nur noch verlieren, denn jetzt muss sie anfangen zu enthüllen. Nach ca. 20 Minuten, in denen MARTYRS noch einmal das aufbereitet, was der Rezipient durch die Filmbeschreibung und den Trailer schon weiß, muss Pascal Laugier die Story weiterlaufen lassen. Er kämpft gegen die Phantasie des Zuschauers. Muss sie, wenn möglich, sogar übertreffen, zumindest erfüllen. Das ist ein Fight, der nicht zu gewinnen ist. Kann sich jemand was Schrecklicheres vorstellen, als das, was im Kopf abläuft? Das ist zumindest sehr gewagt. Besser ist: Harmlos beginnen und sich dann steigern.

Viele gelungene Horrorfilme beginnen mit unbeschwerten Teenies, die in Autos rumkurven, gut drauf sind, entspannen. Die also eine hohe Fallhöhe haben. Laugier beginnt mit dem Furchtbarem. Der Horrorfilm partizipiert von den Regeln der Tragödie. Wie will er jemanden ganz tief fallen lassen, der nicht einmal gut drauf war und der schon ganz am Anfang so weit unten ist?

Laugier ist natürlich nicht doof und weiß das alles auch. Deshalb setzt er alles daran, den Zuschauer so lange wie möglich im Unklaren zu lassen. Hier setzt Punkt Eins an: die Effekte. Die müssen stellvertretend für die Story den Fan bei der Stange halten. Schwieriges Terrain. Julie, nun älter, hat sich also in das Haus begeben, wo sie jahrelang gequält wurde und taucht dort mit einem »todbringendem Jagdgewehr« (Programmheft) auf. Ganz klar müssen hier die üblichen Effekte eines Horrorfilms bedient werden, die sich auch in den letzten zwanzig Jahren nicht großartig verändert haben. Jemand wird von einem anderen verfolgt, der immer wieder überraschend auftaucht. Dazwischen gibt es ein paar blutige Szenen von einem Splattergrad von eins bis zehn.

Nun hat Alexandre Aja mit HIGH TENSION gezeigt, dass auch die schon hundertmal gesehenen Muster mit einer kleinen Storyneuheit, die Spannung bis ins Unerträgliche steigern können. Einen Psychopathen als das Böse einzusetzen (die Auflösung ist ohne Belang) ist schon mal ein Pluspunkt. Denn diese Figur ist von Natur aus unberechenbar und genau das, nämlich das Unberechenbare, macht den Horrorfilm aus. Aja spielt also solange wie möglich mit dem Zuschauer, der das Schlimmste erwartet. Er hält ihn allein durch Effekte in Atem. Der sich ständig wechselnde Rhythmus von Anspannung und Entspannung ist das wirksame Mittel von HIGH TENSION: die ewig gedehnten Szenen, in denen der Psychopath Räume durchsucht, gefolgt von hektischen Verfolgungsszenen. Der Bildschirm ist eigentlich mehr schwarz, als dass er irgendetwas zeigt — Aja lässt reichlich Platz für die Phantasie. Man weiß nie, was der Psychopath als nächstes tun wird. Am besten nämlich nicht viel, denn dann ist die Spannung im Kopf vorbei. Erst die Auflösung, die Aja so weit wie möglich hinauszögert, bringt dann die (erwartete) Enttäuschung. Aber das macht nichts, weil HIGH TENSION 70 minutenlang gut funktioniert hat.

MARTYRS arbeitet mit Methoden, die nicht so recht greifen, weil sie weder vom Splatterfaktor, noch vom Schrecken, Neues zu bieten haben. Es ist alles recht konventionell. Auch der Sound, mit dem INSIDE versuchte, Effekte zu schaffen, spielt bei MARTYRS eine unwesentliche Rolle.

Da MARTYRS im Effektbereich nicht so richtig funktioniert, konzentriert sich der Zuschauer wieder auf die Story. An dieser Stelle kann MARTYRS einen kleinen Punktsieg erzielen. Denn sie entwickelt sich etwas merkwürdig und im Kopf fängt es an zu brodeln, solange man sich nicht nur in die Konsumentenrolle begibt. Man spielt gedanklich also verschiedene Szenarios durch. Mit der Auflösung, etwa nach 2/3 des Films, wird das abrupt abgebrochen. Ab da hat der Film verloren und zwar komplett.

Wenn Horrorfilme anfangen zu erklären, sind es keine Horrorfilme mehr. Ich durchschaue das unerklärliche Böse und bin schon ein Teil davon, weil ich mich — notgedrungen — damit identifizieren muss, allein, um es zu verstehen. Wenn ich mich ängstigen will, möchte ich das Böse aber nicht verstehen. Das muss immer das Andere sein, das unerklärliche und absolute Böse bleiben, das man nie verstehen wird.

Es muss nicht schlimm sein, wenn ein Horrorfilm auch mal einen Genreübergriff wagt — wenn es originell ist und Sinn macht! Aber bei MARTYRS ist die Auflösung weder schrecklich noch besonders neu. Zudem wurden hohe Horrorerwartungen geweckt, durch PR, durch die Story, durch meine Phantasie — und dann die Enttäuschung…

Na ja. Ganz ehrlich? Ist nicht schlimm, weil Horrorfans daran gewöhnt sind. Schließlich steht das Genre unter extremen Druck. Es muss ja auch ganz schön viel leisten.
Ein kleiner Tipp von drei Horrorfreunden: Hätte man die Erklärung/Wendung (ACHTUNGTÖDLICH FÜR DIESES GENRE!) weggelassen, die Szenen aber weiter so gedreht (gelungen: die Schlussszene, die an ROSEMARIES BABY erinnert), ein bisschen mehr drastischen Splatter eingebaut — (im letzten Drittel) — vielleicht wäre der Film gar nicht mal so uninteressant geworden. Am wichtigesten ist jedoch, nicht immer alles aufklären zu wollen. Aufklärung heißt verstehen und verstehen heißt keine Angst haben.

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5 Kommentare zu Martyrs (FFF) …oder über das Martyrium, einen guten Horrorfilm drehen zu müssen

  1. reptilien sagt:

    das letzte drittel macht aus »martyrs« ein drama — womit eine plausible lösung für den schluss eines experimentellen films gefunden worden ist

    hätte man den splatter am ende nicht rausgelassen und ein schockbild a la rosemary eingebaut, würden die einzelnen segmente des streifens nicht mehr kohärent sein

    so gesehen hätten wir es mit einem abklatsch von fast allen filmen zu tun..

    also nicht rosemary, inside und der französische rest nur, dazu ein schuss waisenhaus und the grudge, eine prise texas chainsaw, alles auf einer hostel und saw grundlage, mit einer prise argento verfeinert, vermengt mit dem geschmack von irreversible und la vie nouvelle, und zusammen mit funny games und bug gekocht, um schliesslich an der seite mit hellraiser garniert und nach dem trauma — menü in salo konsumiert zu werden:

    dieser film bleibt stark.

  2. KP Brandt sagt:

    habe mir gerade die große kritik oben durchgelesen, habe den film heute gesehen und kann der kritik nur bedingt zustimmen. ich finde es zwar in ordnung, das man dem film kritisch gegenüber steht, aber vieles wirkt doch sehr zusammengeschrieben und künstlich.
    meine meinung ist die folgende:
    der film kann fast oder kann sogar auf eine stufe mit pasolinis 120 tagen von sodom gestellt werden. es geht um ähnliche themen,
    gewalt gegenüber schwächeren, psychische perversionen, das drehbuch ist bei all dem mist, der heute gezeigt wird, schon recht ordentlich, logisch und durchdacht und trotzdem recht abwechslungsreich und überraschend. klar werden sich manche fragen,
    warum bleiben die frauen nach den morden noch
    tagelang in diesem haus? normal würde man schon sehen, das man da wegkommt und flüchten. da gibt es sicher ungereimtheiten und sicher ist auch nicht alles perfekt an dem drehbuch, aber welches drehbuch ist schon perfekt? da gibt es ja wohl sehr wenige, gerade in der heutigen zeit. ich möchte nur mal an den letzten james bond erinnern, da war alles dünn wie wasser, langweilig und schlichtweg uninteressant. dabei hat der film dann 230 mio
    euro gekostet, unglaublich. mit rosemaries baby hat martyrs meiner meinung nach auch nicht so viel gemein, da geht es ja um den teufel, ich finde, da gibt es viel fiktives und subjektives, martyrs ist eigentlich bis auf das ende und die wahnvorstellungen sehr real und könnte überall auf der welt stattfinden.
    ich finde vor allem die veränderungen innerhalb des filmes interessant. ich finde es
    auch ok, wenn der film seine message über das
    horrorfilmgenre mitteilt, in der heutigen zeit
    finde ich das durchaus legitim. um das publikum zu erreichen, muß man die sehgewohnheiten berücksichtigen. es ist richtig, das im gore und horrorfilmbereich die drehbücher meist elend schlecht sind, und alles wird dann mit den blutigsten effekten rausgerissen. ich finde zum beispiel auch inside nicht sonderlich gut, der film ist schon sehr auf den effekt ausgelegt und gehört eher in die halloween ecke. so mike myers metzelmäßig.
    da gehört martyrs auf keinen fall hin. martyrs ist zwar hostelmäßig verpackt, aber auch da war die handlung bis auf die grundidee ja eher öde. ich finde martyrs sehr gut, er ist anstrengend, verlangt einem einiges ab, aber dies gehört wahrscheinlich zum thema. die ganzen amokläufe, die zur zeit ja wieder durch die medien gehen, sind in diesem film ja auch wiederzufinden. wohin gewalt sowohl die täter als auch die opfer treibt, religiöser fanatismus etc. ich finde, wenn man genau aufpasst, werden wirklich sehr viele themen expliziert angesprochen. der film regt auf jeden fall zur diskussion an, ist auf gar keinen fall billiger splatter, sondern funktioniert auf mehreren ebenen gleichzeitig ziemlich gut. er stößt ab, schockiert, trozdem muß man über verschiedenes gleichzeitig nachdenken. auch das macht ihn ziemlich anstrengend. ich muß sagen, es ist auf jeden fall gut, das dieser film gedreht wurde, er gibt ein anständiges niveau vor, an dem sich zukünftig filme über gewalt messen lassen müssen. natürlich muß man sehen, welchen film laugier als nächstes präsentiert, und ob er in der lage ist, dieses niveau zu halten. alexandre aja z.b. ist ja leider mittlerweile im amerikanischen grusel mainstream angekommen und hat viel von seiner schonungslosigkeit verloren. so geht es ja vielen regisseuren
    und man kann nur hoffen, das laugier sich nicht einkaufen läßt. jedenfalls setzt martyrs
    schon maßstäbe uund bis jetzt gibt es nicht viele filme, die derart komplex rüberkommen und auf so vielen ebenen funktionieren.
    die beiden hauptdarstellerinnen bringen elend,
    leid und wahnsinn sehr gut rüber, man leidet mit und hat schwierigkeiten, objektiv zu bleiben. auch den maskenbildners muß eine außerordentliche qualität bescheinigt werden.
    blut und wunden sehr verdammt eklig und echt aus. abschließend würde ich schon von einem meisterwerk sprechen wollen.….….….

  3. beju sagt:

    hi
    an alle filmfreunde
    martyrs ist sschon ein harter stoff

  4. beju sagt:

    hi an alle filmfreunde
    leider wurde bei meiner registrierung ein cut gemacht
    martyrs hat mich sehr bewegt und auch schockiert
    eine junge frau fegt eine familie weg weil sie ihre

    vergangenheit nicht bewaeltigen kann
    was dann kommt ist reiner terror bis zur
    aufloesung
    man sieht durch annas augen einen tunnel, aber sie sagt der alten tante da ist nichts
    worauf sich die alte selbst einen gefallen macht
    und zwar aus zwei gruenden
    erstens keine hoffnung auf ein leben nach dem tod
    und zweitens keine ansprache ueber 17 jaehrige forschungen zu halten welche nix ergeben haben
    falls ich falsch liege biite nicht zu hart mit kritiken

  5. Pingback: 8. Fantasy Filmfest Nights – « das blog zum hof

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